ZehnMalZwei: Interview mit MC Rene

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MC Rene ist ohne Zweifel eine der großen Rap-Legenden in den Plattenregalen von Flensburg bis Berchtesgaden. Der 40-jährige Wahl-Kölner vereint dabei Offenheit für frische und neue Ideen mit einem unverwechselbaren Style und Traditionstreue. Für das neue Album “Khazraje” hat Rene mit Figub Brazlevic zusammengearbeitet und war mit ihm auch auf einem Trip zurück zu einer seinen Wurzeln: Marokko. Herausgekommen ist ein angenehm zurückgelehntes Album, das wir dringend persönlich mit ihm besprechen mussten. Viel Spaß beim ZehnMalZwei-Interview mit MC Rene.

Mit der Bahncard durch Deutschland oder per Bus durch Marokko?

Mit Bahncard rumfahren, weil das mein alltägliches Leben ist. Aus urlaubstechnischen Gründen würde ich eher sagen: Mit dem Bus durch Marokko, wegen der neuen Eindrücke. Mit der BahnCard durch Deutschland zu fahren hat mich auch von bestimmten Dingen befreit. Das ist für mich eine Metapher: Ich habe mich freigefahren. Aber ich bin auch mit dem Zug durch Marokko gefahren. Trotzdem erstmal: Bahncard, weils mich auch frei und mobil macht, auch aus meinem eigenen Alltag rauszufahren. Aber was Urlaub angeht: Definitiv mit dem Bus durch Marokko. Der braucht auch keine Klimaanlage haben.

Mit Serdar Somuncu zusammen: Eher eine Kabarett-Tour oder eher eine HipHop-Tour?

Gute Frage. Wir kennen uns ja und er war auch neulich auf meiner Birthday-Jam. Ich hab ja auch selbst ein bisschen Comedy gemacht, aber ich halte mich jetzt nicht für einen guten Comedian. Eher einen MC, der vielleicht witzige Elemente hat. Ich sage mal so: Er soll sein Kabarett machen und ich mach den HipHop.

Ich habe Serdar vor einem Jahr interviewt und da hat er auch erzählt, dass er sich ein paar Tricks von Dir abgekuckt hat, was das Rappen angeht.

Wow. Na hoffentlich wendet er sie auch an.

Perfekte Welt oder kaputte Welt?

Die Welt ist ja nicht perfekt und die Welt ist auch nicht so kaputt, wie sie scheint. Also von daher: Die echte Welt.

Die eine Welt, die wir eben haben.

Die eine Welt, die wir halt haben. Wichtig ist, dass wir auf sie achten und das Beste tun. Das ist ja leichter gesagt als getan. Ich würde mal sagen: Weniger Plastik!

Erst gefickt und dann gefressen werden oder ewiger Keuschheitsgürtel?

Im Leben ist es so: Du fickst und wirst gefickt. Du frisst und du wirst gefressen. Keuschheitsgürtel nicht, weil Sünden auch eine schöne Sache im Leben sind.

Wir hatten schon mal das Vergnügen vor ungefähr 15 Jahren, ist also ewig lange her. Ich war 16 oder 17 und habe für das Jugendradio Free Spirit gearbeitet. Damals ist mir eben genau dieser Satz hängengeblieben: Erst wirste gefickt, dann wirste gefressen als Metapher für Musikbusiness.

Genau. Von Improversum damals noch, die Gottesanbeterin. Ich erinnere mich.

Zurück ins Jahr 2016. Fürs neue Album hast du mit Figub Brazlevic zusammengearbeitet. Eher Figub Brazlevic oder DJ Tomekk?

Figub Brazlevic. Mit Tomekk hatte ich eine fantastische Zeit. Er war damals auch auf der Höhe der Zeit. Ich will jetzt gar nicht disrespektierliches über Tomekk sagen, es war Hammer. Aber für das, was ich heute mache und was die Zeitlosigkeit angeht: Figub Brazlevic, ganz klar.


Was ist das Besondere an Figubs Produktionen aus Deiner Sicht?

Figub hat diesen gewissen Flavour und die Begabung einen Beat zu bauen, der mich auch immer wieder überrascht. Es ist halt hundertprozentig mein Geschmack. Und eben die Zeitlosigkeit. Klar ist das in einer gewissen Epoche verortet, aber die Musik ist zeitlos und deswegen faszinieren mich seine Produktionen so.


Auch durch dein neues Album ziehen sich 90s West-Coast Beats und Boom Bap. Interessierst du dich auch dafür, dich auf dieser Ebene weiterzuentwickeln oder sagst du einfach: Ich hab jetzt diese Beatform für mich entdeckt und das ziehe ich jetzt durch?

Ich ziehe das jetzt durch und bin auch davon überzeugt, dass ich aus diesem Refugium und dieser Nische, die ich für mich geschaffen habe, Innovationen schöpfen kann. Ich will mir da treu bleiben, weil es mir am meisten Spaß macht. Diese Jacke passt mir. Ich höre privat zwar jegliche Form von Rap, aber ich muss ja nicht diesen „Ich entwickel mich weiter“-Anspruch, den ich von vielen Rappern auch sehr heuchlerisch finde, in meine Musik reinzwängen. Ich habe diese Beatform für mich entdeckt und werde sie noch weiter ausbauen, weil ich glaube, dass es da noch so viele Variationen gibt, was Arrangements oder Flows angeht. Aber diese Beatform ist der Code, mit dem ich meinen HipHop programmiere und mit dem würde ich auch noch gerne weitere Alben erschaffen.

Ein wichtiger Teil des Raps ist der Beef mit anderen Rappern. Hättest du lieber wieder Beef mit Kool Savas oder mit Haftbefehl?

(lacht laut)
Weder noch, weil die HipHop-Form, aus der ich komme nicht unbedingt was mit Battlen zu tun, sondern die Lust und die Leidenschaft Geschichten zu erzählen. Ich wurde zwar in Battles reingezogen, aber es war für mich auch eine Katharsis mich von dem ganzen Shit zu befreien. Von daher habe ich gar kein Interesse an Beef mit anderen leuten, sondern will lieber Musik mit anderen Leuten machen. Das finde ich wesentlich konstruktiver. Für andere Leute ist der Beef Teil der eigenen künstlerischen Existenz. Das ist aber eine Charakterfrage. Ich bin eigentlich kein Battlerapper vom Charakter her, sondern Geschichtenerzähler. Wenn ich battle dann unter Freunden mit Spaßfaktor. Die Leute sagen immer so: Ich müsste den oder den battlen. Ich hab daran kein Interesse, weil ich meine Form des Raps eher in so einer Versöhnlichkeit sehe, als jetzt im Gegeneinander.


Sehr interessant, dass du das sagst. Ich hab gestern mit dem Blogrebellen-Oberbabo gechattet und wir haben uns über dein Album ausgetauscht und er hat mir erzählt, dass er dein Album ohne Probleme mit seinen Kindern hören kann.

Das ist doch gut.
Das macht die Platte jetzt nicht harmlos oder zu Blümchen-Rap. Ich brauche einfach keine vulgären oder obszönen Ausdrücke, um mich explizit auszudrücken. Was ich da rappe hat aber schon auch gesellschaftskritische Züge. Wenn ich das Rapgame kritisiere, dann ist das gleichzeitig eine Gesellschaftskritik, weil das Rap-Business ja auch nach den Formen der Vermarktung funktioniert. Wir machen ein Produkt, das Produkt verkaufen wir, promoten es in Form von Interviews. Was ich hasse ist nicht der Verkauf von Rap, sondern der Verkauf von falschen Images, wenn Leute fake sind. Wobei ich das natürlich absolut respektiere, wenn der Rapper eine Rolle spielt. Ich spiel ja auch mich selber, als Rolle, als Rene. Ich bin persönlich, aber nie privat. Ein anderer Rapper ist weder persönlich, noch privat, sondern ne Kunstfigur, wie Schauspielerei. Auch diese Form von Rap wird respektiert und geachtet. Aber dieses Heuchlerische, dass man erzählt, dass man was ist, was man gar nicht ist und das nur macht um mehr Platten zu verkaufen finde ich fragwürdig.

Einstecken oder verteilen?

Beides. Ich rappe ja Nehmerqualitäten, weil man eben austeilt und einsteckt.

Eher Klasse von ´94 oder eher Klasse von 2016?

Also subjektiv Klasse von 94, weil es eine Hammerzeit war und man seine eigene Jugend damit verortet. Aber im Grunde genommen gibt es ja sowas, wie die Klasse von 94 gar nicht. Unter Klasse von 2016 kann man vielleicht die Newcomer verorten, aber es gibt ja so viele, aber damals waren wir ja die einzigen jungen Wilden. Heute gibt es ganz viele aus ganz verschiedenen Lagern. Es gibt nicht dieses Einheitliche, von daher: Klasse von 94.

Mit den Legenden abhängen bzw: we call it work #mcrene #khazraje #zehnmalzwei #interview #baldbeidenblogrebellen

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Das nächste Album: eher Cloudrap oder eher Soul?

Die Leute, die man unter dieser Kategorie zusammenfasst, benutzen diese Kategorie ja gar nicht. Es ist ja auch nur ne Form von Athmosphäre, die die Leute in ihrer Musik rüberbringen. Und in zehn Jahren sagen die leute dann: Weisst du noch damals der gute alte Cloud Rap, es ist ja immer das Selbe. Von daher fokussiere ich mich eher auf Soul, weil das für mich eher ne Metapher ist. Das ist ne Kategorie, in die man mich gerne reinpacken kann, weil Soul ist Seele und ich mache Rap von der Seele.

Eher Orient oder eher Okzident?

Dazwischen natürlich, weil ich ja ein Mischlingskind bin. Ich operiere dazwischen, mal mit dem einen Bein im Orient, mal mit dem anderen im Okzident. Ich versuche aus beidem etwas für mich zu gewinnen. Sowohl als Mensch, als auch als Rapper.

Du bist aber nicht nur eine Mischung aus Orient und Okzident, sondern auch aus Braunschweig und Köln. Von daher: Braunschweig oder Köln?

Köln, weil da mein Lebensmittelpunkt ist und da jetzt meine Familie ist. Und in Braunschweig ist auch meine Familie. Braunschweig als Lebensmittelpunkt kann ich mir aber nicht mehr vorstellen, weil ich mich hier so wohl und zuhause fühle. In Braunschweig bin ich geboren und aufgewachsen und ich werde immer ein Braunschweiger Junge bleiben. Ich werde nie meine Roots vergessen und ich hab da auch viele Fans. Braunschweig wird immer meine erste Heimat sein, aber Köln ist die Heimat, die ich mir ausgesucht habe.


No fun with names oder Wortspiele aus der Hölle?

(lacht)
Wortspiele aus der Hölle, ich weiß nicht. Früher hab ich das auch ein paar Mal mit meinem Namen gemacht. Ich versuche generell neue Vokabeln zu finden oder Wörter, die man nicht so oft benutzt. Bei der neuen Platte hab ich mich ein bisschen mit Wortspielen beschäftigt, wie z.B. Nehmerqualitäten. Von daher: Eher der Spaß daran als Rapper sein Repertoire an Vokabeln zu erweitern.

Was sich aber schon durchzieht durch dein Gesamtwerk ist der Spaß an Wortakrobatik und auch neue Formen zu finden. Das wird dich auch weiterhin antreiben, oder!?

Na klar. Ich bin aber auch stark von der Musik und dem Beat abhängig. Das inspiriert mich. Es gab mal eine Zeit, da habe ich auch Themenraps gemacht, auch bei der neuen Platte. Teilweise arbeite ich auch mit Ironie. Ich versuche das aber nicht zu übertreiben, weil man dadurch auch seinen Standpunkt verstecken kann und sich immer auf der sicheren Seite wähnt. Ich will beim Rappen schon eine Position beziehen und die Wörter helfen mir dabei. Ich fange einfach an schöne Wörter zu droppen, die auch einen geilen, phonetischen Klang haben und dann versuche ich die, in einen Kontext zu setzen. Der muss nicht immer genau sein, sondern kann auch intuitiv ahnbar sein. Das ist meistens eine Mischung aus allgemeingültigen Erkenntnissen aus meinem Leben und konkreten Sachen. Ich versuche das manchmal von Line zu Line zu switchen. Das ist aber ein Prozess, den ich erst seit Renessance angefangen habe und es für mich zu begreifen. Da habe ich viel gelernt, auch in der Zusammenarbeit mit Figub, weil wir da auch viel über Texte gesprochen haben. Auch um sich nicht immer nur auf sein eigenes MC-Ego zu verlassen. Ich bau das dann zusammen.

Album Stream: Khazraje von MC Rene




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