ZehnMalZwei: Interview mit Dexter

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Dexter (Producer)
Dexter (Producer) Foto: Robert Winter

Dexter ist einer unserer Leser-Lieblinge und wird seit Jahren bei uns im Blog gefeatured. Wir sind alle große Fans und so wars mal an der Zeit genauer nachzufragen, wie das so ist mit der Beatbastelei, der nächsten Rap-Platte (ja, die wird in diesem Interview quasi angekündigt) und dem Leben als Teilzeit-Arzt und enthusiastischem Beatbauer.

Solo Album oder Kollabo Album?

Eher Solo Album. Bei vielen Künstlern ist es schwer, sich auf sie einzulassen. Und für viele Künstler ist es schwer sich auf mich einzulassen. Also das zu machen, was ich gerne hätte. Deswegen am liebsten Solo-Album. Da kann man einfach selbst alles entscheiden. Aber man muss auch erstmal genug Stuff für ein gutes Solo-Album haben und ein Kollabo-Album ist deswegen gut, weil man sich die Arbeit ein bisschen aufteilen kann und so auch mehr Input bekommt. Es hat schon auch Vorteile. Aber am liebsten arbeite ich in meinem Kämmerchen alleine und auch wenn ich mit jemandem zusammenarbeite, habe ichs gerne, wenn der mir einfach die Vocals schickt und ich mache dann damit, was ich für richtig halte. Das ist natürlich oft schwer, weil Künstleregos oft große Egos sind. Lieber mache ich Solo-Alben.


Ist dann die Beat-Produktion so eine Art Rückzugsort für dich!?

Rückzusgort und vor allem Ausgleich zu allem anderen. Für mich ist das absolute Entspannung. Andere Leute gehen halt Fahrrad fahren oder gehen ins Fitness-Studio oder schauen fernsehen oder Serien. Beats produzieren ist für mich eben so der Ausgleich zu allem. Ich mag das einfach auch, dass man dann bis spät in die Nacht dran sitzt oder nicht mal merkt, wie spät es ist. Alle pennen um einen herum und man schaut durch das Fenster in den Hof. Immer mehr Lichter gehen aus und es ist Montag Nacht. Keine Sau mehr wach. Also diese Atmosphäre mag ich schon irgendwie ganz gerne. Die Quittung, dass ich dann meistens am nächsten Morgen früh aufstehen muss ist dann halt das Problem an der Sache. Auf der anderen Seite stehe ich auch manchmal gerne früh auf und mache dann, wie wenn ich zur Arbeit gehe, einfach Mucke. Meistens ist man da echt alleine und so zeitvergessen, das ist perfekt.

Das mit den Lichtern in den Fenstern erinnert so ein bisschen an diesen Blumentopf Track „Die City schläft“, kennste den? Da beschreiben sie so, wie sie in der Nacht durch München laufen und alles ist dunkel…

Ja, das ist so ein älterer Track schon, oder? Klar, kenn ich. Es gibt viele Lieder, die sich mit der Stimmung befassen. Es gibt ja diese Theorie, dass es eigentlich nur Eulen und Lerchen-Menschen gibt. Lerchen sind die Leute, die besser drauf sind und besser arbeiten, wenn sie früh aufstehen und früh ins Bett gehen. Und dann gibt es die Eulen, die nachtaktiv sind und auch besser Nachtschichten machen können. Ich bin definitiv eine Eule. Aber mittlerweile muss ich zwangsläufig früh aufstehen und bin trotzdem noch der Eulen-Typ. Das ist manchmal schon ein bisschen heavy.

Also die Nachtschichten im Krankenhaus nimmst du gerne mit!?

Ja oder sagen wir es so: Es fällt mir nicht schwer. Es ist nicht so, dass ich da sitze und mir denke: Ich bin so müde. Das kommt schon mal vor, wenn man tagsüber aus irgendeinem Grund nicht pennen konnte. Aber eigentlich ist das auch was, was ich gerne mache. Bis auf den Fakt, dass man halt viel mehr auf sich selbst gestellt ist. Eigentlich mag ich das aber schon, abends um acht zur Arbeit zu fahren. Alle fahren nach hause, du fährst zur Arbeit. Das ist so ein komisches, antizyklisches Leben. Wenn das nicht dauerhaft ist, sondern nur ab und zu ist das voll gut eigentlich.

Plattenladen oder Beatport?

Plattenladen. Nichts gegen Beatport und diese ganzen Plattformen. Ich bin auch jemand, der streamt. Ich verschließe mich ja null diesen Sachen. Ich finde das gut, aber so vom Erlebnisfaktor ist natürlich der Plattenladen toller. In Stuttgart gibt es einen Plattenladen, zu dem ich auch immer wieder gehe. Ich versuche mindestens einmal die Woche im Plattenladen zu sein. Klappt nicht immer. Oder wenn ich auf Tour in anderen Städten bin ist es in Plattenläden nochmal viel interessanter als bei Beatport. Das ist halt ein Dienstleistungs-Ding, das man gerne in Anspruch nimmt. Aber das andere ist sozial einfach besser. Ich unterhalte mich auch gerne mit Leuten, auch mit irgendwelchen fremden Leuten. Da findet einfach Austausch statt, deswegen Plattenladen ganz klar!

Erst Melodie oder erst Beatgerüst?

Ist unterschiedlich. Aber meistens fängt es mit der Melodie an. Mit allem außer den Drums. Das heißt mit Sample oder irgendwelchen Chords, die man einspielt. Der Rhythmus kommt meistens erst am Schluss.

Also maßschneiderst du deine Beats auf die jeweiligen Klangfarben, die du verwendest!?

Ja. Ich habe irgendwie das Gefühl, dass es für mich einfacher ist die richtigen Drums zu etwas zu finden, als schon das richtige Sample zu schon bestehenden Drums. Andere werdens vielleicht genau andersrum sagen, aber bei mir ist es so. Wenn ich Sample-basierte Musik mache, die ich auch hauptsächlich mache, dann entscheidet das auch sehr viel darüber, wie nachher die Drums klingen. Wenn ich einen dreckigen Loop habe, dann muss auch oft gar nicht mehr so viel dazu, dann versuch ich nur noch Elemente zu finden, die die Stimmung im Sample unterstützen. Dass man gar nicht mehr so viel hört, dass da noch so viel drumherum produziert wurde.

Lieber 95 % fertige Tracks releasen oder lieber nie was rausbringen?

Ich bin sehr releasefreudig. Ich release auch Sachen, bei denen ich mir denke: Da hätte ich vielleicht noch mehr rausholen können, aber oft ist es so: Man hat was gemacht und ist eigentlich zufrieden damit. Man weiß, dass da eigentlich noch mehr geht, aber man hat das oft gehört und sich daran gewöhnt, findet es gut und haut es raus. Wenn der Vibe stimmt, dann kann es auch kleine handwerkliche Unsauberkeiten geben. Wenn die Stimmung stimmt, können sogar 70 Prozent-fertige Tracks rauskommen. Da gibt’s ganz andere, die nie was releasen und eine Festplatte voller Bomben zuhause haben.

Kinderarzt oder Full-Time-Produzent?

Die Frage wurde mir schon oft gestellt. Da kann ich mich nicht für eins entscheiden. Das ist genau so richtig, wie ich es mache: Teilzeit im Krankenhaus arbeiten und den Rest Mucke machen. Es ist für mich das optimale Konzept. Bei mir ist es auch so, dass ich immer wochenweise bei der Arbeit bin und wochenweise zuhause. Ich bin also drei Wochen in der Klinik und hab dann zwei, manchmal sogar drei Wochen frei. Immer so in dem Rhythmus. Das kann man so zehn Wochen vorher planen, damit kann ich auch alle Shows unterbringen, man kann Touren machen. Für mich ist es optimal, weil dadurch sowohl das Eine, als auch das Andere nicht langweilig wird. Auch was die Lebensqualität angeht ist es super: Man sieht die Familie oft und ist unter der Woche viel zu hause und das ist optimal. Gerade mit einem kleinen Sohn. Da störts dann auch nicht, wenn ich mal ein Wochenende weg bin, wenn ich als Ausgleich viel von der Familie habe. Ich bin auch ein Sicherheitsmensch und würde eher nicht alles auf die Musik setzen. Auch wenn ich wahrscheinlich mittlerweile nur mit der Musik über die Runden kommen könnte. Aber das ist mir zu anstrengend und ich würde wahrscheinlich Dinge machen, auf die ich musikalisch nicht unbedingt Bock hab. So kann ich einfach das machen, was ich will, bin aber nicht darauf angewiesen. Gerade ist es einfach gut und es könnte gerne einfach so weitergehen.

In diesem Zusammenhang auch: Hobby oder Beruf?

Naja schon eher Beruf mittlerweile. Man verdient damit auch irgendwie sein Geld und schaut dann auch, dass man angemessen bezahlt wird, wenn man irgendwohin weit verreist und spielt. Da will man für seine Leistung und seinen Aufwand auch bezahlt werden. Auch wenn man Beats für irgendwen macht, die auf größeren Labels rauskommen. Da denkt man dann schon irgendwie: Ich hab schon auch Anspruch auf mein Stück vom Kuchen. Das führt aber auch zwangsläufig bei mir zu Gewissenskonflikten. An solchen Punkten merkt man schon, dass die Musik auch Beruf geworden ist. Aber das find ich vollkommen in Ordnung. Solange ich das machen kann, worauf ich Bock habe, kann ich froh sein so einen Beruf zu haben, der sich wie ein Hobby anfühlt.


Nächstes Album: eher mit Moneyboy oder eher mit Kollegah?

Das ist ne harte Frage, aber meine Antwort ist eigentlich klar: Da würde ich lieber mit Moneyboy ein Album machen. Die Rap-Qualitäten von Kollegah, rein auf die Technik bezogen, sind natürlich unbestritten, aber es ist nie so das Zeug gewesen, dass ich gehört habe. Bei mir kann das alles ein bisschen gemütlicher sein. Mir ist das alles zu dunkel, zu stressig, zu sehr in die Gangsta-Richtung, die mir nicht so gefällt. Ich liebe Gangsta-Rap, vor allem so Westcoast-Sachen, aber Kollegah ist nicht so mein Ding. Da würde ich lieber mit Moneyboy zusammenarbeiten, weil er mir vom Humor und Musikgeschmack her, näher liegt als Kollegah.

In mehreren Interviews in letzter Zeit ging es bei mir auch um das Thema Cloud Rap. Du bist da mittlerweile auch ein bisschen mit dabei. Wie siehst du denn diesen Begriff?

Ich hab gegen diesen Begriff nie was einzuwenden gehabt. Man weiß dann ja auch ungefähr, was für eine Art Musik damit gemeint ist. Ich finde, es hört sich auch cool an. Cloud Rap hört sich fluffig an und beschreibt halt einfach den Sound. Da gibt’s auch Sachen, die mir gut gefallen und Sachen, die gefallen mir weniger. Ich bin dann tendentiell schon eher bei den Sachen, bei denen die Rapper noch „richtig rappen“. Crack Ignaz find ich gut, LGoony find ich gut. Auch manche Juicy Gay Sachen kann ich mir geben, auch weil er ein super Typ ist. Bei mir funktioniert auch voll viel darüber die Leute kennenzulernen. Das sind alles supernette Typen, mit denen ich mich gut verstanden habe. Wenn es dann, wie bei manchen Ami-Sachen zu sehr Autotune-Gejodel ist und der Beat keine Veränderung zeigt, find ichs nicht so gut. Es geht mir gar nicht darum, ob es sehr trappig ist, damit habe ich überhaupt kein Problem. Im Gegenteil: Ich mag das auch, aber trotzdem mehr, wenn es mit Samples kombiniert ist und organisch klingt.

Nochmal selber rappen oder ne Zweitkarriere als Graffiti-Künstler?

Nee, auf jeden Fall wieder rappen. Ich mach auch grad schon wieder Rap-Tracks. Mich hats wieder gepackt. Ich dachte eigentlich nach Palmen&Freunde: Ein Sammelsurium an Tracks habe ich rausgebracht, aber ich habe tatsächlich an ein paar Tracks ohne Features gearbeitet. Da sind ein paar Sachen dabei, die mir selber echt gut gefallen und bei denen ich mir vorstellen kann sie rauszubringen. Das dauert zwar noch ein bisschen und müsste auf jeden Fall in irgendeinem Sommer rauskommen, weil die Tracks allesamt sehr langsam und gemütlich sind. Eher cloudy als boombappig. Ich war sehr inspiriert von dem Isaiah Rashad-Album oder von Schoolboy Q. Das vermischt ja diese Welten ganz gut miteinander, da wird auch gut gerappt und der Vibe passt auch. Ich nenne das ja dann immer Wavy und nicht Cloud Rap. Das ist nochmal eine andere Sparte Rap.
Max B, der irgendwo im Knast sitzt hat diesen Begriff ja erfunden, da leg ich auch Wert drauf, dass es hier nicht heißt: Dexter hat diesen Begriff erfunden. Das beschreibts eigentlich am ehesten, wenn man meine Rap-Sachen hört.

Also nächsten Sommer eventuell ein Dexter-Rapalbum?

Ich hoffe, dass ich fertig werde. Keine Ahnung, obs klappt. Vielleicht werde ich auch erst 2018 im Sommer fertig. Ich weiß es nicht, aber bisher läufts ganz gut.


Inspiration eher auf Reisen oder eher im Studio?

Ich muss sagen, ich bin gar kein so großer Reise-Mensch. Ich war nie der Typ, der sich einen Rucksack gepackt hat und irgendwo hingeflogen ist und nen längeren Trip gemacht hat. Ich bin gerne in Frankreich an der Atlantikküste, in der Bretagne oder Sardinien. Aber Reisen im Sinne von: Auf Tour gewesen, in Städten in Plattenläden gewesen und viele Eindrücke gesammelt, mit vielen Leuten geredet. Das dann schon eher. Musikalische Reisen inspirieren mich dann schon zur Musik. Bei anderen Reisen, also eher zu Urlaubszwecken, da denke ich an ganz andere Sachen.

Fatoni und Dexter
Fatoni und Dexter (Foto Dexter FB)

Beats vorproduzieren oder Beats maßschneidern?

Bei mir ist das eher Beats vorproduzieren. Ich weiß meistens noch nicht, was damit passieren wird. Ob das Instrumental bleibt oder ob das mal jemand pickt- das ist mir auch egal. Ich mach jetzt nicht einen Beat und sage: Da muss ich Platz für die Stimme lassen, sondern ich mach das immer so bis ich denke: Jetzt ist es cool. Und das spielt man dann halt Leuten vor und wenn die dann sagen: Das find ich geil, dann muss man halt im Nachhinein vielleicht noch ein bisschen Platz für die Stimme machen, aber sonst produziere ich das alles auf Halde. Aber auch eher für mich. Ich bin auch jemand, der ungern Beats hergibt, deswegen auch die Story mit Fatoni. Er erzählt das immer so, dass ich ihm den Beat von „Kann nicht reden, ich esse“ gezeigt hab und er meinte: Ey, Was ist das? Und ich so: Nene das ist nix. Damit meinte ich auch nicht: Dass ist nix für ihn, sondern das ist einfach nix, was ich irgendwie raushauen will. Das war mir irgendwie zu stupide, also der Beat im ersten Moment, das ist mir irgendwie zu unanspruchsvoll. Aber dann hab ich halt gesagt: Ja gut, Toni, dann nimm und mach. Und dann war alles cool. Aber ich bin dann eher so: Ja, ne, das halte ich zurück, wenn ich selber nicht so ganz damit down bin. Oder wenn ich denke: Oh, das will ich vielleicht doch mal selber benutzen, wenn ich z.B. selber rappe. Ich bin schon so jemand, der die hundert Prozent sure shots für sich behält und die versauern dann leider manchmal auf der Festplatte, weil ich dann selber auch nichts damit mache. Wie so seine kleinen Babys, die man zur Adoption freigibt und sich die Familie vorher gut ankucken muss, wer sie dann nimmt oder ob es nicht doch besser wäre, wenn man sich selber drumkümmert.

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