Wie ich Allah über’m LIDL traf

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Seituna Moschee in Berlin Charlottenburg
Seituna Moschee in Berlin Charlottenburg

Schon seit einer Weile hatte ich beschlossen, einmal in eine Moschee zu gehen. Wie viele, wollte auch ich mir mein eigenes Bild machen, meine Vorurteile selber ganz aktiv angehen und diese Omnipräsenz des “bösen” Islams in den Medien ausblenden. Da war ich nun unterwegs zu einer, am Freitag nach dem Anschlag auf den Weihnachtsmarkt. Bereits in der S-Bahn versuchte mein syrischer Freund mir das Kopftuch umzubinden. Die Blicke der Mitfahrendenden- unbezahlbar. Ich konnte die Entrüstung der alten Dame neben mir fast greifen. Wir liefen die Straße entlang und hielten vor einem Lidl. Daneben eine kleine unscheinbare Glastür. “Yallah”, sagte mein Freund und deutete zur Tür. So unscheinbar und unsichtbar die Moschee von Außen war, so groß und geräumig war sie von Innen. Im Frauenbereich war ich nun ganz auf mich allein gestellt. Das Kopftuch rutschte und die YouTube-Tutorials zur rituellen Waschung vor dem Gebet waren wie aus meinem Kopf gelöscht. Gott sei Dank kam mir gleich eine deutsche, konvertierte zu Hilfe. In unserem abgetrennten Bereich schaute man idyllisch auf den Grünen Vorhang, der die Männer von uns trennte. Nach kurzer Zeit kamen drei arabische Frauen auf mich zu. Eine fragte mich in gebrochenem Deutsch, ob ich islamisch heiraten wollte, ich den Koran schon gelesen hätte- sie habe einen guten Sohn. 28 Jahre alt. Danke! Gut zu wissen.

Schuhe vor der Moschee
Schuhe vor der Moschee
Der Imam begann zu singen und ich setzte meine Kopfhörer auf. Es gab für das ganze Gebet Simultanübersetzung. Im Mittelpunkt der Ansprache stand das Thema Sicherheit. Sicherheit stehe im Koran an oberster Stelle. Man könne nicht beten, nicht essen, keine Familie gründen, wenn man nicht sicher sei. Das Papier, das man mit einer Aufenthaltserlaubnis in der Hand halte, stehe sinnbildlich für einen Vertrag, den man habe. Mit diesem verpflichte man sich, dieses Land sicher zu bewahren. Guter Ansatz dachte ich und drückte meine Stirn auf den Teppich. Und nochmal. Dieses Gefühl der Unterwerfung ist eigentlich eins, das kein Mensch gerne empfindet. Ob im Job oder im privaten Alltag. Es hat fast immer einen bitteren Nachgeschmack. Weil es sich anfühlt wie Verlieren. Wie Aufgeben. Sich nun vor Etwas niederzuwerfen, was man nicht sehen oder greifen kann, war sogar noch schwerer. Gleichzeitig dachte ich aber, dass der Mensch an sich immer so handle, als sei er Gott. Er greift ein in die Natur, in die Lebensentwürfe seiner Mitmenschen. Vielleicht würde es dem einen oder anderen auch mal gut tun, sich bewusst zu machen, wie klein er doch ist. Wie unbedeutend. Und das einzige, was ihn bedeutend macht- jedenfalls laut Koran- ist das Dienen der Menschheit und das gute Tun.

Fazit: die Unterwerfung mag nicht jedermanns Sache sein. Aber sie trüge dazu bei – im wahrsten Sinne des Wortes-  auf dem Teppich zu bleiben. Sich selbst mal in Relation zu sehen, zu der großen Gruppe von Menschen, in der wir täglich wandeln und walten. Was das Tragen des Kopftuches angeht und das getrennte Beten: Der Sinn dahinter ist ja letztendlich die Frau vor den Blicken der Männer zu schützen. Da klingelt aber fleißig meine Gerechtigkeitsglocke- und zwar auf Seiten der Frauen UND der Männer.  Ist es fair, anzunehmen alle Männer seien triebgesteuerte Primaten, die sich nicht unter Kontrolle hätten, sobald sie ein Haar sehen?

Und ja, Männer und Frauen beten getrennt, weil die Gedanken nur bei Gott sein sollen und nicht bei dem potentiellen Geschlechtspartner neben einem.  Ist es fair zu denken, dass Diejenigen, die in die Moschee gehen tatsächlich nicht in der Lage wären sich auf das Gebet zu konzentrieren? Man kann doch wohl davon ausgehen, dass die, die hingehen auch ambitionierte Muslime sind.

Das Gefühl der Gemeinschaft, das dabei entsteht, sich vor einem größeren Etwas zu verbeugen und sich somit genau auf das gleiche Level zu begeben wie seine Sitznachbarn, egal ob Arzt oder Handwerker- das habe ich so noch nie erlebt.

Also durchaus eine lohnenswerte Erfahrung. (LIDL lohnt sich)


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2 KOMMENTARE

  1. Hallo Coco Sophie,

    vielen Dank für den einfühlsamen Artikel. Besonders schön, ja sogar weise, finde ich deine Ausführung zum rituellen Gebet, das den Menschen zurück “auf den Teppich” holt.

    Was die Geschlechtertrennung in den Moscheen betrifft, so wurde diese vom Gesandten Gottes und den ersten Generationen der Muslime so nie praktiziert. Sie ist also eine nachträgliche Erfindung, siehe dazu: http://www.lichtwort.de/tunUndNichtTun/muslima-integration.html

    Wir müssen halt immer fein unterscheiden zwischen dem, was die ursprüngliche Lehre einer Religion ist, und dem, was ihre Anhänger später daraus machen (Beispiel aus dem Christentum: die Anbetung Jesu, obwohl er immer nur wollte, dass allein Gott angebetet wird und nicht er selber).

  2. Hallo Coco,
    vielen Dank, dass du deine Erfahrung geteilt hast. Ich war auch schon beten, und kann daher deine Gedanken gut nachvollziehen. Wenn es eine Übersetzung gab, war es eine Mochee in der nicht radikal gepredigt wird. Es wird ein Gefühl der Gleichheit vermittelt, natürlich immer unter der Annahme, dass man dazu gehört. Dein Kopftuch drückt das genau aus: du gehörst dazu und unterwirfst dich. Viele Menschen brauchen das. Islam ist das Gegenprojekt zur Selbstbestimmung und Aufklärung. Seit Sommer 2015 besteht kein Zweifel mehr wer gewinnen wird. Deswegen haben dich vielleicht die Frauen gefragt, ob du islamisch heiraten willst. Du stehst dann unter Schutz. Dir alles Gute.

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