Serdar Somuncu: Populist oder Streithahn?

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Die Kunst der Verwirrung, das hat Serdar Somuncu gut zu seinem Eigen gemacht. Angefangen mit seiner Hitler-Lesereise, in der er aus Mein Kampf las. Große Verwirrung und Fragen wie: Was soll das? Kann man das machen? Darf man das überhaupt?

Ob diese Fragen mit einem klaren ‚ja‘ oder ’nein‘ beantwortet werden können ist eigentlich egal, denn Seradar hat es einfach getan und eben einiges in der Öffentlichkeit aufgewirbelt, was bislang noch nicht mal mit einer Zange angefasst wurde. Die Welt schien in Ordnung, denn es gab ein klares Verbot, was Adolf Hitlers Mein Kampf anging. Darauf haben sich die Intellektuellen, Künstler und ihr Publikum ausgeruht.

In seinem Interview mit den Blogrebellen sagte er zu dem Thema:

Ich wollte was neues haben. Ich wollte, dass sich was bewegt. Und je mehr ich mich getraut habe mich nicht zu relativieren und mich darauf zu verlassen, dass allein durch den Kontext Theater und Bühne klar ist dass es sich um ein Theaterstück handelt, umso spannender wurde es für mich und auch für das Publikum. Deswegen ist heute ein Punkt erreicht, an dem ich mich kaum noch rechtfertige oder relativiere auf der Bühne. Ich versuche einfach Diktatur zu inszenieren und herauszufinden, was mit den Leuten passiert, wenn man ihnen nicht erklärt, was man macht.

Warum wird Serdar Somuncu vom WDR angezeigt?

Aktuell wirbelt der Kabarettist etwas auf, was man so als Vorwurf nur aus der rechten Ecke kennt. Zensur bei den Öffentlich-rechtlichen, genauer gesagt beim WDR.

Wie kam es dazu? In einer Podiumsveranstaltung der Körber-Stiftung spricht die Moderatorin Mely Kiyak mit Serdar Somuncu über seinen Werdegang. Nach 83 Minuten kommt das, wofür er verklagt wird: Alle seine Auftritte im Fernsehen, sei beim Öffentlich-rechtlichen- oder privaten Fernsehen wären zensiert worden, bis auf eine Boulevard-Sendung – von Stefan Raab ist hier die Rede. Hier spricht sich Serdar in Rage. Er klagt an, dass es eine gewisse Vorstellung davon gibt, welche Comedians gepusht werden sollen und welche nicht. Durch Zensur seien seine Auftritte quasi verstümmelt und diese Auftritte hätten nichts mehr mit ihm und seinem Programm zutun. Aber auch das Stillschweigen der Kollegen hinter der Bühne, dass sich Raushalten, klagt er an.

Er geht in Kampfposition und kommt mit dem Satz, der ihm nun zum Verhängnis wird. Er spricht von einer „Keimzelle des Faschismus„. Redakteure, die mit ihrem Rotstift wie eine Waffe hantieren und das wegstreichen, was nicht mit den eigenen Richtlinien einhergeht. Zensur! In seiner Aufzählung fiel auch der Name einer Redakteurin des WDR. In einer Presseerklärung nimmt der Sender nicht wirklich Stellung, sondern betont eher, dass sie die Redakteurin in ihrer Klage unterstützen.

„Und diese Arschlöcher nehmen sich raus, im Namen der Gebührenzahler, uns zu zensieren. Und das war für mich die Keimzelle des Faschismus“

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Künstlerische Freiheit vs Verhaltenskodex

Da prallt Sendungsbewusstsein auf Sendungsbewusstsein: Hier der Künstler, der auf seine künstlerische Freiheit besteht und dort der Sender, der im Sinne der Gebührenzahler einen Verhaltenskodex erfüllen möchte, der nicht gegen Menschenrechte verstößt. Wer hat recht? Irgendwie machen beide Seiten ihren Job.

Doch agiert hier Serdar etwa wie ein Populist, der die Stimmung anheizt, die eh schon hoch kocht? Haut er in die Kerbe der „Lügenpresse“-Schreier. Will er streiten, um des Streits willen?
Hierzu müsste man ihn sicher persönlich fragen. Mich interessiert vor allem, wie viel Machtspiel hier drin steckt. Er möchte nicht  aus einer Opferposition heraus agieren, was er auch seinem Kollegen Oliver Polak riet, sondern als Täter. Macht spielt bei einer solchen Haltung eine besonders große Rolle, der Erhabene über der Lage zu sein. Verwirrung auch hier. Ein sich durchziehendes Element und vielleicht werden wir eingeladen alle genauer hinzuschauen. Auch hier haben sich die Positionen der ‚Rechten‘ und ‚Linken‘ sehr verhärtet. Die Argumente der einen Position dürfen nicht die Argumente der anderen sein. Wir wundern uns, dass ein Trump, ein Erdogan und ein Brexit stattfinden, dabei haben wir vielleicht uns, die Menschen, den Nachbarn aus den Augen verloren.

Raus aus der Komfortzone, weg von Gleichgesinnten

Persönlich merke ich täglich, wie meine Arbeit mich sensibilisierte, Wörter und Handlungen genauer zu hinterfragen. „Lügenpresse“, „der Muslime“, „der Islam“, „der Flüchtling“. Alles Buzzwords, die im alltäglichen Sprachgebrauch ihren Platz haben. Es ist so. Nur weil ich mir ein bestimmtes Wissen dazu angeeignet habe, kann ich nicht davon ausgehen, dass mein Nachbar dieses Wissen auch hat.
Ein Austausch fängt mit Verständnis, Toleranz und Freundschaft an. Durch eine Beziehung ist es möglich, auf alte Relikte hinzuweisen, die wir in unserem Sprachgebrauch haben. Konflikte jenseits von Herkunft des Gegenübers zu betrachten, benötigt Übung und Einsicht.
Was in der digitalen Welt fehlt – weshalb Hass, verhärtete Fronten hochgeschaukelt und letztendlich zu politischen Zwecke instrumentalisiert werden – ist die persönliche Beziehung, ein Gegenüber, mit dem ich mir einen echten Raum teile. Vielleicht muss man mit einem AfD-Wähler ein Bier trinken. Und selbst wenn nicht muss man seine Sogen trotzdem ernst nehmen, auch wenn sie aus der eigenen Sicht ‚lächerlich‘ erscheinen. Doch ‚lächerlich‘ ist eine Wertung, die den anderen herabsetzt. Was passiert mit Menschen, die erniedrigt und herabgesetzt werden?
In einer Demokratie sollten wir uns ertragen. Raus aus dem Szene-Kiez und ab in die Vororte, zumindest, wenn man wirklich Demokratie leben möchte. Denn wie sagte es Serdar so schön:

„…weil diese Tradition der Verwirrung in der Mein Kampf-Zeit entstanden ist. Die einzige Waffe gegen diejenigen, die mich nicht haben wollten war es sie zu verunsichern. Das hat sehr gut funktioniert, denn in dieser schwebenden Ebene konnte man sehr viel machen, ohne dass die Leute darauf unmittelbar reagieren konnten. Ich habe das später mitgenommen und vor normalem Publikum ausprobiert, weil ich es leid war mit Gleichgesinnten über gleichgesinntes zu reden. Ich wollte was neues haben. Ich wollte, dass sich was bewegt.“

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