“Es ist kein heiliger Ort” – Warum Yolocaust doch keine (so) gelungene Aktion ist

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In den letzten Tagen war es praktisch unmöglich, in den sozialen Medien nicht über Shahak Shapiras Projekt “Yolocaust” zu stolpern. Dabei geht es um die unzähligen Selfies, die vor dem Denkmal für die ermordeten Juden Europas als Kulisse gemacht und unter Anderem bei Instagram veröffentlicht werden. Shapira nahm sich zwölf davon und machte aus ihnen Collagen. Wenn man mit dem Mauszeiger über die Bilder fährt, verschwindet das Holocaust-Mahnmal und es wird gegen Bilder von Leichen von Opfern der Konzentrationslager ersetzt.

Vorher-Nachher-Darstellung, des Mouseover-Effekts bei Yolocaust
Vorher-Nachher-Darstellung, des Mouseover-Effekts bei Yolocaust

Bilder wie dieses sind krass und lösen -zumindest bei mir- starke Emotionen aus. Und damit meine ich beide Bilder. Das originale Selfie genauso wie Shapiras Montagen. Und genau das ist natürlich die gute Seite von Yolocaust. Eine Debatte über das Verhalten am Mahnmal anzustoßen, kann nie schaden. Was mir persönlich aber aufstößt, ist die Art und Weise wie es geschieht und das verzerrte Bild, dass die Aktion in meinen Augen zeichnet.
Aber der Reihe nach.

Was soll das Holocaust-Mahnmal überhaupt für ein Ort sein

Wovon sprechen wir überhaupt? Was soll das Holocaust-Mahnmal überhaupt für ein Ort sein? Ausgerechnet der Architekt des Denkmals selbst, Peter Eisenman, hat ein sehr pragmatisches Verhältnis zu dem von ihm entworfenen Ort des Gedenkens. In einem Interview zur Eröffnung sagte er dem Spiegel im Jahr 2005:

Menschen werden im dem Feld picknicken. Kinder werden in dem Feld Fangen spielen. Es wird Mannequins geben, die hier posieren, und es werden hier Filme gedreht werden. Ich kann mir gut vorstellen, wie eine Schießerei zwischen Spionen in dem Feld endet. Es ist kein heiliger Ort.

Selfies erwähnte er nicht, aber die waren 2005 auch noch nicht so Usus wie sie es heute sind.

Was möchte Yolocaust erreichen?

In einem Interview mit jetzt.de sagt Shapira:

Mein Projekt soll keine Anschuldigung sein. Man weiß ja auch nicht genau, wofür die grauen Steine stehen, da es abstrakte Kunst ist. Die häufigste Theorie ist aber, dass sie Grabsteine symbolisieren sollen. Würdest du Yoga auf einem Friedhof machen?

Dazu habe ich ein paar Fragen: Woher kommt die Aussage, die “häufigste Theorie” sei, dass die Stelen “Grabsteine symbolisieren sollen”? Das würde ich wirklich gerne wissen. (Wir haben ein Interview mit Shapira angefragt, aber noch keine Antwort bekommen.) Ich sehe jedenfalls keine Grabsteine dort. Um wieder das Interview mit dem Architekten zu zitieren:

“Jemand sagt, es sieht wie ein Friedhof aus, der nächste sagt, es sieht wie eine Stadtruine aus, und wieder einer meint, es sieht aus, als käme es vom Mars: Jeder Mensch muss es an den Dingen festmachen, die er kennt. Es gab am Samstag eine Luftaufnahme in der Zeitung – ein wunderschönes Foto. Ich habe noch nie einen Friedhof gesehen, der so aussieht. Wenn man hineinläuft, dann fühlt es sich gewiss auch nicht so an.”

Mal abgesehen davon, dass das Stelenfeld -egal welche Assoziationen es hervorrufen mag- kein Friedhof ist, was wäre das Problem damit, Yoga auf einem Friedhof zu machen? Ich sehe immer wieder Menschen, die im Sowjetisches Ehrenmal im Treptower Park Yoga und andere Körperübungen betreiben und sehe nicht, inwiefern dadurch das Andenken der Toten beschädigt werden könnte. Ich gebe zu, dass dieser Punkt zum Beispiel von der Polizei anders gesehen wird, allerdings ist das russische Denkmal tatsächlich ein Friedhof.

Was ich aber nicht so ganz glauben kann, ist die Behauptung, Yolocaust soll “keine Anschuldigung” sein. In der FAQ des Projekts steht eine Emailadresse für Menschen, die auf den Collagen zu sehen sind und jetzt bedauern, diese hochgeladen zu haben. Sie lautet undouche.me@yolocaust.de.
Für mich nicht gerade ein freundlicher Hinweis….

Ein besonderer Ort

Wir haben da einen Ort mitten in Berlin, der eben nicht versucht, ein Andenken zu erzwingen, der einem seine Botschaft nicht mit der Keule ins Gesicht zimmert. Wer einmal dort war kennt es vielleicht. Je weiter man in das Feld hineinläuft, desto mehr verschwindet der Lärm der Stadt um einen herum. Es ist wunderschön und unheimlich zugleich. Die Stille und damit hoffentlich auch das Gedenken an den Zweck des Bauwerks kommt von alleine. Oder eben nicht. Ganz anders als zum Beispiel in Ausschwitz, wo mir der Gedanke, an das, was dort verbrochen wurde, die Kehle zuschnürte. (Was mehr als angemessen ist, nur um das klarzustellen.)

Das Problem mit Yolocaust

Was mich an Yolocaust stört, ist genau dieses ins-Gesicht-Zimmern, dessen, was der Initiator für angemessenes Benehmen an diesem Ort hält und das geht meiner Meinung nach gegen die Intention des Mahnmals.
Natürlich verstört ein Bild von Jugendlichen, die auf den Stelen herumspringen, unter dem “Jumping on dead Jews” steht, auch mich. Und in diesem speziellen Fall halte ich Shahak Shapiras Weg für einen legitimen, vielleicht den einzig richtigen Weg, damit umzugehen.
Aber das Bild scheint nicht repräsentativ zu sein, es wirkt auf mich wie ein Einzelfall. Es rechtfertigt in meinen Augen auf keinen Fall, Menschen auf eine ziemlich eklige Art bloßzustellen, sie bildlich in die Nähe des Holocausts zu rücken, weil sie sich erlaubt haben, mit einem Lächeln vor dem Denkmal zu posieren.
Dazu kommt, dass diese stereotypen Gute-Laune-Selfies tatsächlich in der Minderheit sind. Wer nach #holocastmemorial auf Instagram sucht, findet natürlich auch viele typische Urlaubsbilder, bei denen Menschen in die Kamera sehen, aber es fällt auf, wie viele davon eben nicht lächeln. In meiner Wahrnehmung sind auf dem Großteil der Bilder gar keine Menschen im Vordergrund. Ich habe versucht, den Eindruck, den ich vom Großteil der Bilder vom Holocaust-Mahnmal habe, mit dem Titelbild einzufangen. Ich habe dafür relativ zufällig Screenshots aus Gruppen von Bildern gemacht, die bei der Suche nach #holocaustmemorial auf Instagram gefunden werden.
Es ist mir nicht gelungen, auch nur ein einziges Bild zu finden, dass das Andenken an den Holocaust so verunglimpft, wie das ganz oben in diesem Artikel.

So hinterlässt Yolocaust bei mir leider einen faden Beigeschmack nach Selbstdarstellung und der hat nichts mit den Menschen auf den Selfies zu tun.


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7 KOMMENTARE

  1. Ich bin der Meinung dass die ganze Aktion in einem etwas größeren und breiteren Kontext zu setzen ist. Hier geht es nicht um die einzelnen die da posen und rumhüpfe , sondern um eine Strömung des vergessens oder zumindest der Verdrossenheit sich erinnern zu müssen und zu sollen. Die Frage was habe ich (geboren 60jahre nach Kriegsende) mit dem ganzen zu tun, wird hier sehr plastisch und drastisch ad absurdum geführt bzw. Kritisiert.

    Vergessen geht nicht und darf nicht sein, genau wegen der gezeigten Bilder. Natürlich darf jeder sein Ding durchziehen aber sich bewusst sein was war und das in das persönliche handeln miteinbeziehen.

    Nur wenn man gegen das egal und das vergessen ankämpft, kann man afd und co in zaum halten

  2. Vielen Dank für die Öffnung eines neuen Blickwinkels. Bis eben fand ich die Aktion nicht so schlecht, aber Deinen Argumenten kann ich mich nicht entziehen. Da werde ich wohl ein wenig umdenken.

  3. Natürlich ist das Holocaust-Mahnmal kein Friedhof, trotzdem finde ich diese Yolocaust-Aktion berechtigt! Ich bin selbst einmal in dieses Mahnmal hineinspaziert und nach einer Weile überfiel mich eine Art von Beklemmung, zu der diese plötzliche Stille beitrug. Menschen jedoch, die sich dauernd selbst fotografieren müssen, geht es nur um die Selbstdarstellung, und da hat das eigentliche Ereignis, das nur als Hintergrund dient, keinen Platz mehr, an dem man sich mit dem Erlebten auseinandersetzen oder es genießen kann – wie auch immer! Es ist bekannt, dass durch das Fotografieren oder auch das Aufnehmen von etwas ein Filter entsteht, der eine(n) vom Fotografierten/Aufgenommenen entfremdet. Auch darauf soll diese Aktion hinweisen!

  4. Die Collage im Titel ist eben eine Momentaufnahme und ist genauso wenig repräsentativ wie der Überblick, den ich mir gerade eingeholt habe und nach dem ich konstatieren muss: Es gibt diese Fotos, es gibt sie en masse und sie übertreffen teilweise das “jumping on dead jews” noch an Geschmacklosigkeit. Yolocaust stellt gedankenlose Selbstinszenierung an den virtuellen Pranger und hat damit hoffentlich eine präventive Wirkung! Wenn dieses Mittel für den Extremstfall auch dem Verfasser legitim erscheint, so ist die Frage nach der Angemessenheit der Aktion diejenige, ob man den Selfie-Veröffentlichern genug Selbstreflexion und historisches Bewusstsein (gerade nach Höckes Anmerkungen in der letzten Woche) zutraut. Da habe ich allerdings so meine Zweifel…

  5. Die Collage im Titel ist eben eine Momentaufnahme und ist genauso wenig repräsentativ wie der Überblick, den ich mir gerade eingeholt habe und nach dem ich konstatieren muss: Es gibt diese Fotos, es gibt sie en masse und sie übertreffen teilweise das “jumping on dead jews” noch an Geschmacklosigkeit. Yolocaust stellt gedankenlose Selbstinszenierung zurecht an den virtuellen Pranger und hat damit hoffentlich eine präventive Wirkung! Wenn dieses Mittel für den Extremstfall auch dem Verfasser legitim erscheint, so ist die Frage nach der Angemessenheit der Aktion diejenige, ob man den Selfie-Veröffentlichern genug Selbstreflexion und historisches Bewusstsein (gerade nach Höckes Anmerkungen in der letzten Woche) zutraut. Da habe ich allerdings so meine Zweifel…

  6. Der Text liest sich wie die Rechtfertigung eines Mahnmal-Instagrammers…Natürlich ist es absolut fragwürdig an einem Ort, der an ein schreckliches Verbrechen erinnern soll (dafür sind Mahnmale da) lächelnde Bilder von sich selbst zu schießen. Was der seltsame Architekt davon hält ist dabei irrelevant, es geht darum den Millionen Opfern Respekt zu zollen, und das macht man ziemlich sicher nicht durch Selbstdarstellung. Wer käme den auf die Idee bei einer Beerdigung lächelnde Selfies zu posten? Wahrscheinlich die wenigsten, wobei eine Trauerfeier und ein Mahnmalbesuch sich in ihrem Zweck eigentlich recht wenig unterscheiden. Es soll an die Opfer gedacht werden. Und nicht an Likes.

  7. Shapira führt hier sehr schön die stolze Tradition fort, gesellschaftlich geächtetes Verhalten durch öffentliche Bloßstellung zu ahnden. Das kennen wir in Deutschlands neuerer Geschichte ja von den Judenprangern. Damals natürlich noch ohne Photoshop. Daß Shapira ausgerechnet daran anschließt, zeigt wohl, wie es um sein Geschichtsbewußtsein bestellt ist. Auf dem Rücken der ermordeten Juden Europas macht er sich einen Namen. Die Medien fahren darauf ab, krasse Bilder, pure Emotion, und das in politisch korrekt, so daß niemand etwas dagegen sagen kann. Wer das Glück hat, nicht erwischt worden zu sein, krümmt sich theatralisch in Betroffenheitsposen. Medien und Mitschwimmer mißbrauchen so die ermordeten Juden weiter zu gesellschaftlicher Selbstbefriedigung: Endlich haben wir einmal wieder einen Wert gefunden, auf den sich alle einigen können, ist ja schwierig genug in unseren faux-freiheitlichen Zeiten. In der länglichen Selbstbeweihräucherung, die Shapira inzwischen auf seinem Pranger ausstellt, informiert er ja, alle zwölf Mitglieder seiner Jagdbeute hätten sich gemeldet und sich entschuldigt. Leider schreibt er nicht, bei wem. Bei ihm? Wohl kaum, er ist ja der Profiteur.

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