Angst-Pornographie und News-Müdigkeit in Zeiten des Trumpismus

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Angst-Pornographie und News-Müdigkeit im Trumpismus
Angst-Pornographie und News-Müdigkeit im Trumpismus
Angst-Pornographie und News-Müdigkeit im Trumpismus

Ihr kennt diese Unfall-Metapher: Was man wahrnimmt ist schrecklich, aber man kann nicht wegschauen. Im konkreten Fall der vielfältigen menschlichen und professionellen Abgründe, die sich schon innerhalb Trumps erster zwei Wochen als US-Präsident auftun, greift mir dieses abgelutschte Unfall-Gleichnis fast schon zu kurz.

https://twitter.com/DreEastwood/status/826066402515771392

Trump überall, Bannon überall, Demokratiefeindliches überall, dazwischen tragische Einzelschicksale von Menschen, die von diesen unüberlegten Spontandekreten aus dem Weißen Haus betroffen sind. Ich schlage hier für das, was sich auf den Timelines, in den Zeitungen und sonstigen publizistischen Outlets derzeit abspielt, mal eine alternative Metapher vor:

Die erste Folge einer im Vorfeld kontrovers diskutierten Serie läuft an. Den Inhalt der Serie finden manche scheiße, trivial oder geschmacklos. Andere wieder finden die inhaltliche Stoßrichtung ganz toll und haben schon lange darauf gewartet, dass sich endlich mal ein Format dieses Themas annimmt. Aber egal, ob man mit der inhaltlichen Richtung nun d’accord ist oder nicht…einschalten tun dann doch alle. Nur damit die Metapher etwas klarer wird, schlage ich einfach mal Westworld oder IBES (Ich Bin Ein Star, Holt Mich Hier Raus) vor. Egal ob pro oder anti, reden tun sie alle drüber. Und wie bei Westworld und IBES scheint sich bezüglich des US-Politzirkus derzeit für viele ein Suchtverhalten zu entwickeln, das rationale Entscheidungen beinahe unmöglich macht. Wenn die Serie doch so scheiße/dämlich/wirr ist, warum schaut man sie dann noch? Warum reicht es nicht, sich einfach tags darauf eine kurze Zusammenfassung der Geschehnisse in der Serie durchzulesen und über so’n grobes Best-Of-Tweets-Zur-Sendung drüber zu schauen? Für Small Talk mit den KollegInnen und politische Meinungsbildung wäre es doch genug?

Ja, was weiß ich? Was weiß ich, warum ich Lust darauf habe, mir die fünfte Folge Westworld reinzuziehen, wo mir die ersten fünf schon gegen den Strich gingen und mich eigentlich nur interessiert, wie’s ausgeht? Wenn ich doch weiß, wie saudämlich und zäh so eine Sendung IBES abläuft, warum zappe ich doch verdächtig häufig rein?

Nach gefühlten Monaten mit täglichen Hiobsbotschaften aus der Wiege der Demokratie (pfff) und aus der CSU/AfD-Ecke in Deutschland habe ich gestern glücklicherweise diese Gedanken hier auf der ständigen Jagd nach der aktuellsten Schreckensnachricht oder dem dazu passenden Meme gefunden. Konkreter Anlass für den Artikel war übrigens die allerorts gerne geteilte, gelesene und geglaubte Probe-Coup-Auslassung bei Medium.

Das progressive Lager kann jetzt überall Hitler hervorspringen sehen und Theorien rund um Trump und die Konstruktion eines neuen Deep State weben, sollte dann aber nicht so tun, als wären nur die Konservativen Verschwörungsideen und „Fake News“ gegenüber äußerst aufgeschlossen. Es ist alles beschämend und kompliziert genug, Zusammenhänge und Einflüsse diffus. Ich kann nur raten, alles was in Richtung Spekulation, großer vereinheitlichender Theorie und Angst-Porno geht mit einer Prise Skepsis zu betrachten. Eine Erklärung könnte übrigens auch sein, dass in der Trump-Regierung schlicht Amateure/Anfänger am Werk sind (vgl. auch Tom Pepinski), die in ihrem kleinen Kreis Entscheidungen treffen, die ihnen um die Ohren fliegen, sobald sie auf die Realität treffen (…). Aber hey, willkommen im Theater ideologischer Konfusion y’all.

Damit möchte ich übrigens nicht die rührenden Bemühungen unseres Bundespräsidenten in spe konterkarieren.

Wer auch immer “wir” ist: Ja, diese “wir” sind jetzt in der Verantwortung. Und ich sehe mich als Teil dieses “wir”. Und genau deshalb werde ich mir ab jetzt ein schon lange überfälliges Medien-Regime (no pun intended) auferlegen. Schluss mit Angst-Pornographie, FB-Live-Streams von Sean-Sphincter-Gebrüll und Retweet-Circle-Jerk. Morgens taz e-paper. Correktiv.org-Newsletter, wenn er kommt. Und ansonsten die durch weniger FB- und Twitter-Prokrastination freigewordene Zeit zum Nachdenken und reflektierten Leben & Handeln nutzen, statt mir die zwölftlustigste “Trump Draws” Animation anzusehen. Schon zum vierten Mal.

Hihi, die Hände.

Spaß beiseite: Schluss mit Angst-Porno! Ordentlich Recherchiertes lesen, nachdenken, handeln (z.B.)! Dann sollte der Schrecken ein baldiges Ende finden.

Ach ja, hier, der Artikel der New York Times zu “Media Fatigue” passt noch ganz nett hier zum Thema. Den Tipp mit dem Newsfeed-Eradicator habe ich direkt befolgt. Die FB- und Twitter-Apps vom Telefon zu verbannen, das habe ich mich noch nicht getraut…wer weiß, wann’s einem das nächste mal in der Supermarktschlange langweilig wird…was soll man da denn machen, etwa einfach so vor sich hin leben?


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