Leila Akinyi & Camufingo im Interview zu ihrer EP “Camukinyi – Morgenkämpfer”

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Camukinyi-Interview
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Es ist kalt. Dunkel und kalt. Das Wetter weiß aber nicht, ob es nun Winter oder Frühling sein soll. Zwei Stationen nach U-Afrikanische Straße steige ich aus. Eine Traube an obdachlosen Menschen hat sich vor einem Gebäude gesammelt und wartet auf den Einlass für die Nacht.
Ich öffne die Tür zum Café, wo ich Leila und Camufingo treffen soll.  Es lachen mich die verschiedensten Torten im Überfluss an. Erschlagen davon bestelle ich einen Minztee und setze mich hin.
Etwas später kommen Leila und Camufingo gemeinsam mit ihrem Manager herein. Ich freue mich, dass wir uns in Wedding treffen konnten, bevor Leila ihren Zug erwischen musste:

Wie kam eure Zusammenarbeit zustande?

Leila: Wir hatten beide einen Auftritt beim Kollektiv Festival letztes Jahr im Mai und dort haben wir uns getroffen. Quasi Backstage auf der Wiese. Da haben wir uns erstmal unterhalten und festgestellt, dass wir die selben Themen haben. Daraufhin kam die Idee uns gegenseitig zu featuren. Später kam dann die Idee zu einer gemeinsamen EP.

Camufingo, hast du dich für die Beats vom Sound in Angola inspirieren lassen?

Camufingo: Der Sound hat sich beim Produzieren ergeben. Ich hatte mich viel mit afrikanischen Samples aus den 70er Jahren auseinander gesetzt und ich denke, dass dieser Sound für das Projekt ein guter Teppich ist und habe ihm dem westlichen Sound noch ein bisschen angepasst. ?

Was ist ein Morgenkämpfer?

Leila: Der Morgenkämpfer kämpft erstmal für die Zukunft. Für Morgen. Ich bin eine Kriegerin und ich kämpfe mich durchs Leben und auch wenn ich Afrikanerin bin, hab ich noch weiter an anderen Ecken zu kämpfen. Einfach, weil ich auch eine Frau bin. So dass ich mich immer durchkämpfen muss.

Wo spürst du das ganz besonders, dass du dich als Frau durchkämpfen musst?

Leila: In der Gesellschaft, in der Musik. Überall. Ich bin nur von Männer umgeben. Es gibt kaum Frauen, mit denen ich zusammenarbeiten kann. Es hat schon damals angefangen, als ich angefangen hab zu rappen. Ich musste mich da immer wieder vor den Jungs beweisen, dass ich es halt auch kann. Dass ich sogar vielleicht besser als sie sein kann (lacht). Und der Morgenkämpfer lässt seine Sorgen im Gestern. Das was war ist jetzt nicht mehr, weil es darum geht für die Zukunft zu kämpfen.

Ist das auch eine Ansage an die Rap-Community oder eine soziokulturelle Sache?

Leila: Ich denke nicht, dass das an die Rap-Cummunity geht. Ich glaube, das soll eine Message an die Welt sein. An Menschen, unabhängig ob Musiker oder nicht. Das kann eine Lektion für Menschen sein, es kann aber auch eine Motivation, Inspiration sein.

Camufingo, dein Name steckt da ja auch mit drin. Bist du auch ein Kämpfer?

Camufingo: Definitiv. Dieses für Morgen kämpfen ist die maßgebliche Message der EP und stellvertretend für mein Leben. Das Gestern begleitet mich immer aber der Weg geht immer nach vorne.

Wie stellt ihr euch euer Morgen vor. Wofür kämpft ihr?

Leila (singt):

Das Ziel ist: Spaltung, Erniedrigung, Elend vertreiben.
Ein Leben das symmetrisch.
Dafür kämpf’ ich.
Dieser Weg unumgänglich.
Ich stelle mich.
Briefe am schreiben, motiviert vom Leiden, gestärkt von Liebe.
Das Wort am treiben am Werk der Bibel.
Ich will Liebe verbreiten, Frieden einleiten.

Amen! (Leila und ich lachen herzlich) Habt ihr Angst, gerade?

Leila: Nein. Wovor?

Vor dem öffentlichen Rechtsruck der Gesellschaft.

Leila: Also ich sag mal so: Geh mal ganz weit zurück. Wir wurden versklavt und damit wir aus der Versklavung rauskommen konnten, haben viele dafür gekämpft und sind auch dafür gestorben. Wenn es jetzt so krass wäre, natürlich hätte man Angst. Aber die haben früher gekämpft, warum sollen wir jetzt nicht kämpfen? Die haben sich geopfert und alles gewagt. Und genau so müssen wir auch jetzt für die Zukunft kämpfen. Natürlich haben sich die Dinge geändert. Zum Glück haben sich die Dinge geändert. Deswegen sieht der Kampf heute ein bisschen anders aus. Aber ich denke es ist wichtig, dass es Dinge ausgesprochen werden. Für die Zukunft.

Camufingo: Wenn man sich die Situation jetzt in Deutschland anschaut und was für Sachen gesagt werden, dieser Rechtsruck, dann ist es natürlich notwendig dagegen anzukämpfen. Das muss sein. Dabei ist es nicht schlimm Angst zu haben, weil man so den notwendigen Respekt vor der Sache hat und keine unnötigen und unüberlegten Risiken eingeht. So kann ein gutes Motiv schnell zu Scheiße werden. Angst ist ein natürlicher Teil des Kampfes. Angst und Respekt vor der jetzigen Situation hab ich schon, was mich aber nicht davor abhält zu kämpfen.

Thema Vorbilder: Ich bin auch hier aufgewachsen und irgendwie fehlte es mir hier an Vorbilder, weil ich meine Geschichte irgendwie mit mir alleine herum trug. Als man mich mit fünfzehn fragte, was ich werden will, hatte ich einfach keine Ahnung. Wie war es bei euch?

Leila: Ganz ehrlich, ich weiße bis heute immer noch nicht was ich werden will. Ich bin einfach nur über glücklich, dass es mit der Musik gut funktioniert. Ich hab da mein Platz gefunden und fühl mich da sehr wohl.

Geht das auf fehlende Alternativen zurück, die uns – ich rede jetzt bewusst von uns – geboten wurden?

Leila: Ich hab nicht wirklich eine Erziehung genossen. Ich hab mich teilweise selbst erzogen, weil meine Mutter immer sehr viel unterwegs war und ich wußte auch ganz lange nicht, wie wichtig ein Abitur eigentlich ist. In der Zeit, als ich dann dabei war, hab ich es abgebrochen. Wegen dem Leben. Mir war da einfach nicht bewusst, was ich da wegschmeiße. Weil ich die Erziehung nicht genossen hab.
Ich weiß nicht, ob ich sagen kann, dass die Schule sich nicht bemüht hat oder, ob es wegen meiner Mutter war. Ich weiß nicht, wieso das so gelaufen ist. Ich hatte einfach kein Vorbild, das mich motivierte oder mit meiner Situation konfrontierte.

Hat deine Mutter viel gearbeitet?

Leila: Ja, sie war selber Musikerin.

Und dann war sie viel unterwegs und musste arbeiten und sie konnte euch ernähren damit?

Leila: Ja sie war sehr viel unterwegs. Das war das Gute. Wir hatten immer einen vollen Kühlschrank. Aber wir haben halt nicht viel von Mama mitbekommen.

Ich frage mehr nach der gesellschaftlichen Verantwortung. Wenn ich an meine Geschichte denke, hab ich hier nichts in der Schule mitbekommen. Der Orient lief über Disneys ‚Aladin‘ oder eben ‚Nicht ohne meine Tochter‘. Allerdings ging der Geschichtsunterricht konsequent bis zur dreizehnten Klasse nicht über die Ägypter und die Griechen hinaus. Alles was sich am Rande Europas abspielte. Der Orient wurde im Zusammenhang mit Kriegen erwähnt. Und eben das Dritte Reich konsequent jedes Jahr. Aber das war nicht meine Geschichte. Da sitzen so viele Menschen, deren Geschichte komplett außen vor gelassen wird, was aber für ein Zusammenleben so wichtig ist und ihnen wird dann vorgeworfen in einer Parallelgesellschaft zu leben, weil sie sich ihre Identität wo anders, in ihren eigenen Comunities herholen müssen.

Leila: Das hab ich auch nie verstanden. Als Jugendliche ist dir das ja auch nicht so bewusst, das du eine eigene Geschichte hast. Ich bin nicht auf die Suche gegangen. Ich glaube Camufingo ist auf die Suche gegangen. Ich habe irgendwann einen Weg gefunden damit umzugehen und stabil zu bleiben.

Camufingo: Ich wusste bis ich fünfzehn wurde, was ich werden will und danach nicht mehr, weil ich mich dann damit aktiv auseinandergesetzt habe. Was wird mir geboten? Wie muss ich sein, um in dieser Gesellschaft zu funktionieren oder integriert zu sein?
Da fing meine Suche an. Afrikanische Geschichte war in meiner Schulzeit nicht existent. Nur rudimentär im Geografieunterricht. Es ergab sich ein Gefühl der Zerrissenheit. Woran es gelegen hat, konnte ich erstmal nicht sagen, aber es erschloss sich mir irgendwann. Wo mein Platz ist, habe ich nicht gewusst.
Durch die Zerrissenheit hab ich mich abgeschottet. Das trägt sich bis heute noch fort. Ich hab dann zugemacht und war dann sehr lange ohne Grund sehr lange sehr wütend, traurig, melancholisch. Dieser Zustand hat ja verschiedene Facetten. Man fängt dann an auf Deutschland zu schimpfen und lange wollte ich nach Afrika, weil mir dort alles besser erschien. Ich habe das dann mit fünfundzwanzig auch gemacht. Auf der Suche nach mir selbst. Musste aber feststellen, dass da nicht alles Gold war was glänzt. Da begegnet man eben anderen Vorurteilen, weil man nicht dort geboren ist. Nicht schwarz, also nicht schwarz genug ist.
Über diese Konflikt bin ich zu meiner Lösung gekommen: ich bin ein Mensch. Wenn es heißt, dass ich in Deutschland schwarz bin und in Angola weiß bin, dann ist es halt so. Man wird immer auf beiden Seiten auf gute und schlechte Menschen treffen. Egal an welchem Ort. Ich hab dann gemerkt, ich bin in beiden Ländern zu Hause.

Das hört sich für mich nach einem Privileg an.

Camufingo: Das ist es auch. Ich habe beide Pässe. Ich gehe hier mit dem deutschen Pass raus und reise dort mit dem angolanischen ein. Das kann nicht jeder. Das ist voll das Privileg. Man hat auch mit diesem Privileg eine gewisse Form der Verantwortung und auch eine Bürde zu tragen. Zu welchem Staat ist man loyaler? Unterschwellig kommt es zum Vorschein, wenn jemand auf der angolanischen Seite sag: „Ja du bist halt ein Deutscher.“ Einmal musste ich meinen angolanischen Pass mit meinem kompletten Namen vorzeigen, der dann sagte: „Du machst dich doch schwarzer als du bist.“
Aber man kann damit auch viel gutes bringen. Wie die Musik.

Vielen Dank Leila Akinyi und Camufingo! 

Camukinyi (Leila Akinyi + Camufingo) – Morgenkämpfer EP im Stream




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