ZehnMalZwei: Interview mit Maurice Ernst von Bilderbuch

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Bilderbuch
Bilderbuch (Foto: Elizaveta Porodina)
Foto: Elizaveta Porodina

Mit dem neuen Album “Magic Life” geht die irrwitzige, wie turbulente Reise von Bilderbuch weiter. Die vier Ösis legen auf “Magic Life” alle Rest-Fesseln ab und machen sich ihre Welt, widde-widde wie sie ihnen gefällt. Das kann mal nach Sunshine-Reggae klingen, mal nach Hard-Rock. Dann wieder nach Funk oder nach Cloud-basierten Autotune-Spielereien. Hier werden Grenzen nicht eingerissen, nein Bilderbuch schnallen sich Flügel an, überfliegen die Szenerie und erklären Grenzen einfach für ungültig. Das ist meist extrem erfrischend, manchmal etwas herausfordernd, aber in jedem Fall: Aufregend. Und weil wir ja einfach nicht um Superlative herumkommen bei dieser Band: Bilderbuch beweisen mit “Magic Life” einmal mehr, dass sie das Aufregendste sind, was “deutschsprachige” Musik derzeit zu bieten hat. Wir haben Sänger/Scatman/Stilikone Maurice Ernst zu einem ausufernden Interview getroffen, das nur durch das beherzte Eingreifen Dritter nicht zur tagelangen Diskussion über Popkultur, Yeah-Momente und Zeitreisen wurde.

Wenn du eine Zeitreise machen könntest: Würdest du eher ins Jahr 1996 oder eher ins Jahr 1977 reisen?

Maurice: Grundsätzlich würde ich sagen, ich würde gerne in die Future reisen. Das würde mich am meisten interessieren. Aber wenn ich mich entscheiden müsste: Wahrscheinlich eher 70er, weil ich in den Neunzigern ja gelebt habe und in den 70ern nicht. Also ist das ein pragmatischer Zugang zur Frage, also etwas zu sehen, was man noch nicht gesehen, sondern nur gehört hat. Auch popkulturell würden mich die 70er mehr interessieren, weil die Neunziger so nahe liegen. Von den Neunzigern hat man alles schon gehört und jetzt kommt man darauf: War es qualitativ hochwertig? Oder war es doch nur Bullshit? Bei den Siebzigern ist das auch eine intellektuellere Art und Weise es zu erfühlen. Was damals wirklich los war wissen wir nur von Redaktionen und Büchern, also durchgefiltert.

Für mich sind gerade die End-Siebziger sehr funky geprägt. Auf eurem neuen Album ist mir aufgefallen, dass dieser Sound wieder eine große Rolle bei euch spielt.

Unbedingt! Dass Musik irgendwas hat, was auch noch wirklich mit Musik zu tun hat und nicht nur: Man hat jetzt ein Musikprojekt, um eine Öffentlichkeit zu bekommen, sondern, dass man das, was man öffentlich macht wieder herunterpolt auf das Wesentliche: Das Musik machen. Ob das jetzt ein Knacksen in der Gitarre ist oder eine unperfekte Aufnahme ist, also Sachen zuzulassen, bei denen man sagt: Stimmung und Gefühl geht über das perfekte Popbild, aber das auch zu kombinieren. Dieser Ansatz war früher selbstverständlich, geht aber heute immer mehr verloren, weil man vorgefertigte Bilder von Musik konsumiert und nicht mehr eine Band, die sich irgendwie durchwurschtelt.

Maurice Ernst im Interview
Maurice Ernst im Interview gif’d

Zum Thema Überraschung und vorgefertigt: Ich habe mich ja auf einiges eingestellt beim neuen Album. Aber der Bonustrack hat mich dann doch überrascht. “Babylon” ist für mich ein Riesenhit, einer der besten Songs auf dem Album und in diesem Zusammenhang auch: Lieber Entspannungsübungen mit Christus oder lieber mit Mohammed?

Haha. Naja, das ist so wie mit den Siebzigern und den Neunzigern: Christus habe ich erlebt und Mohammed nicht. Von daher würde ich vielleicht Mohammed probieren. Als ehemaliger Klosterschüler darf ich das auch machen. Es ist bei “Babylon” nicht so, dass ich mir herausnehmen würde über etwas zu singen, von dem ich keine Ahnung habe. Sondern ich habe einen eigenen Blick auf Religion und Kirche, deswegen ist es mir bis zu einem gewissen Grad auch erlaubt so etwas zu sagen oder solche Vergleiche zu schließen. Also hippie-esk und positivistisch zu sagen: Hey, es gibt viele Leute, die zeigen mit dem Finger wohin. Es gibt viele Leute, die machen Statements darüber, wie sich was gehören täte und dass wir offen sein sollen, aber keiner findet einen spielerischen Umgang damit. Und das war Babylon: Der Versuch gleichzusetzen und zu egalisieren, z.B. auch im Refrain: Wir leben im Babylon und Babylon ist im arabischen Raum. Das ist schon spannend.

Gibt es die Möglichkeit, dass “Babylon” die nächste Single wird oder bleibt es beim Digital Free Track!?

Nach “Sweetlove” hat es uns kurz gereizt, “Babylon” rauszuhauen. Die Nummer jetzt so zu bringen wäre einfach einer der mutigsten Schritte, die man bringen kann. Es hat mich trotzdem Überwindung gekostet das durchzuziehen. Da muss man schon ehrlich sein, weil man schon anfängt darüber nachzudenken, was erlaubt ist ohne jemanden zu disrespecten. Die Frage ist also, wie kann man mit Respekt und trotzdem mit Schärfe an solch ein Thema rangehen. Es war schon sehr reizvoll “Babylon” als Single rauszubringen. Jetzt haben wir uns dazu entschlossen, “Babylon” in der Deluxe-Box als Maxi-Single zu veröffentlichen. Davon gibt es 1500 Stück auf Vinyl. Und somit ist diese Nummer als Alleinstellungsmerkmal etwas ganz besonderes. “Babylon” ist also nicht nur ein Appendix, sondern sie wird für Kenner stilisiert und man schaut sich gleichzeitig an, wie sie sich im Internet entwickelt. Wir setzen also unsere Kinder in die Welt und sie werden immer größer. Wir haben uns kurz überlegt “Babylon” als Single zu bringen, aber es war uns von der Dramaturgie her ein bisschen zu chaotisch. Wir hätten uns kaum vorstellen können, wie man von “Sweetlove” auf “Babylon” kommt. Wir dachten uns, dass es eh schon so verwirrend ist.

Was die Dramaturgie angeht ist die neue Single “Bungalow” auch schon ganz vorne mit dabei. In diesem Zusammenhang: Bungalow oder Schloss zum wohnen!?

Schloss ist vielleicht ein bisschen übertrieben und den Bungalow habe ich irgendwie nie wirklich gemocht, aber er war trotzdem immer da. Ich komme aus dem ruralen Bereich und da bedeutet der Bungalow noch richtig was. Trotzdem waren mir diese Häuser einerseits sympathisch, weil sie so einfach gestrickt sind und andererseits schon ein bisschen deprimierend. Ich mag eigentlich Wolkenkratzer. Vielleicht bin ich da ein bisschen Opfer meiner selbst, aber ich steh darauf, wenn etwas hoch ist und wenn man runter schauen kann. Also ist es eher ein komisches Verhältnis. Es ist ein Eingeständnis der Häuslichkeit und der Bungalow steht für den Blick nach innen. Magic Life ist eher selbstbewusst nach innen geblickt. Eher der Skoda statt dem Lamborghini, der Bungalow statt der Villa. Wo “Schick Schock” noch der Peak unserer Gloryness, unseres gesellschaftlichen Yeah-Moments war. Wir haben dann gespürt: So weitermachen macht für uns persönlich keinen Sinn. Wir müssen jetzt wieder schauen: Wo befinden wir uns? Was sind wir gerade? Und das haben wir sehr offen in unsere Musik einfliesen lassen und haben uns bewusst für diese Art von Album entschieden und nicht die anderen zehn Demos, die wir gehabt haben.

Nochmal zur Single “Bungalow”: Ich habe mir den Song echt oft angehört und irgendwann bin ich dann bei folgende Songzeile rausgekommen: “Ich brauch Power für Monaco. Oh Baby, leih mir deinen Lada” statt “Ich brauch Power für meinen Akku. Oh Baby, leih mir deinen Lader”.

Das habe ich auch schon gelesen, ja. Die Leute rätseln, was es heißt. Es soll ja swaggy und groovy klingen. Da ist die Idee weniger einen Text zu erzählen, als der Ansatz, wie kann man Wörter, die eigentlich trotzdem im Deutschen vorhanden sind, so aussprechen, dass sie eigentlich afrikanisch klingen. Da-Bakke-Dude-Akke-Datn. Es ist nicht anderes als ein Scat, der gottseidank noch mit Wörtern gefüllt ist, die noch dazu extrem geil sind. Du kannst damit einfach was bauen und Musik machen und ich glaube, das ist etwas, was einfach ein bisschen vergessen wurde, dass das möglich ist im Deutschen.

Also dieses Lautmalerische.

Ja genau. Das ist einfach einer der geilsten Momente vom Album. Also da war ich schon sehr stolz, als es anfing zu grooven, als ich das zuhause geschrieben habe. Ich dachte dann: Wow, das ist schon sehr nice. Mir ist schon klar, dass es gewisse Leute nicht verstehen, aber es ist auch lustig. “Ein Bauer in Monaco” oder “Ich will ne Bar in Monaco” und was da noch alles dazugekommen ist. Von dem her: Hey, fair enough. Ich denke wichtig ist, dass es groovt und wenn die Leute irgendwann draufkommen: Hey das heißt das, macht es auch wieder im Ganzen Sinn und ist eine doppelte Erlösung. Und alle singen mit und alle denken: Boah, das ist geil, denn der Satz verfolgt dich im Alltag die ganze Zeit.

Aber ist es nicht auch so, dass eure Art der Kunst ein bisschen diskursiv ist und jeder etwas rein interpretieren kann und auch sich selbst darauf projezieren kann!? Und gibt es da nicht auch einen Zusammenhang mit den Haltungen von Cloud-Rappern!? Deswegen auch: Lieber ein Feature mit Yung Hurn oder mit Moneyboy?

Yung Hurn auf jeden Fall. Das hat schon auch ein bisschen Styling-Gründe und auch der Humor passt mehr. Moneyboy ist zwar der Godfather dieser Sprache, aber irgendwie hat Moneyboy nicht so wirklich Kontrolle und Yung Hurn ist eigentlich ein Indie-Fan und kommt aus dieser Ecke. Aber da muss ich auch sagen: Wer “Schick Schock” kennt, der kennt unseren Song “Barry Manilow” und das ist ja im Prinzip der erste Cloud Rap-Song, den es in Österreich gegeben hat. Von der Struktur, von der Sprache, Autotune. Diese Drugyness, dieser RnB im Song, auch der Sprachwechsel im Song.

Also ich seh die Cloud-Rapper in Österreich ein bisschen wie unsere Jünger. Vielleicht bilde ich mir da ein bisschen zu viel ein, aber andererseits denk ich mir: Die Leute verstehen das vielleicht jetzt noch nicht, aber popkulturell sind wir davor passiert, was mir ein extrem gutes Gefühl gibt. Eben dass wir wichtig waren, um diese Mauer einzureißen. Wie sich das weiterentwickelt, werden wir sehen. Es ist ja trotzdem ein anderes Genre und ein anderer Approach. Die Cloud-Rapper haben ja das Problem, dass sie noch sehr kopieren von den Amis. Das ist ja eine globale Idee. Es gibt diese weltweite Idee von Attitude und jeder bekommt ein bisschen seinen nationalen Stempel. Der eine ist ein bisschen mehr deutsch, der andere ein bisschen mehr Norweger, der andere ein bisschen mehr Südkorea. Und jetzt muss man schauen: Wo geht das hin? Das ist super interessant zu beobachten.

HipHop war für euch auch schon immer ein wichtiger Bezugsrahmen.

Unbedingt ja.

In diesem Zusammenhang: Kanye West oder Frank Ocean?

Interessant. Das ist genau dieser Hybrid, der extrem interessant ist. Bei Kanye mag ich den Zug aufs Tor, also die Songs sind dann trotzdem knackig. Auch wenn sie Balladen sind, sind sie trotzdem sehr poppig. Da ist viel Pop dabei, den Frank Ocean aus verschiedensten Gründen eher nicht eingeht. Frank Ocean ist da sehr europäisch und bringt den RnB sehr Indie-mäßig rüber, fast schon auf Radiohead-Niveau. Das Problem, das ich trotzdem mit beiden Produktionen habe, so sehr ich sie auch mag und so sehr sie auch zu den besten Alben des Jahres 2016 gehören, ist, dass mich ein bisschen stört ist die Haltung, dass das Album nicht mehr was Persönliches ist: Die 150 besten der Welt arbeiten zusammen. Jeder macht dort einen Synth und dort das. Da wird uns eine Melancholie vorgegaukelt, eine gewisse Zerbrechlichkeit eines Typen, der wie Frank Ocean vier Jahre nichts rausbringt, keine Interviews gibt und im Endeffekt ist es nicht James Blake, der zuhause sitzt und seine Songs macht, sondern es ist eben Frank Ocean, der von James Blake irgendeinen Synth zugeschoben bekommt. Irgendwie törnt mich das auf Dauer nicht an. Die Musik ist zwar mega geil, aber wie es gemacht wurde ist einfach ein bisschen Hollywood. Musik hat die Chance etwas sehr direktes zu sein, eben dieser Punk-Moment. Den können auch große Bands haben. Man könnte sagen, dass Coldplay mehr Punk ist, als Frank Ocean. Und das muss man sich mal auf der Zunge zergehen lassen. Obwohl ich jetzt Frank Ocean mehr höre, als die aktuellen Coldplay-Sachen, logischerweise. Aber mir fehlt so ein bisschen der Grind. Alles wirkt so inszeniert, aber nicht aus Hilflosigkeit, sondern aus so einer falschen Melancholie und irgendwie trotzdem extrem arrogant. Irgendwas haut da nicht ganz hin. Obwohl ichs liebe, obwohl ichs höre, obwohl es perfekt klingt und nichts besser ist. Aber auch die Arroganz, wie das releast wird. Keine Vinyl, sozusagen die Fans vergraulen. Lass dir von iTunes zig Millionen geben, damit man ein exklusiver Dude ist, macht aber gleichzeitig einen auf Künstler und auf wenig. Dieser “Wir wollen ja die Musik verschenken”-Bullshit. Ich weiß nicht. Die Amis probieren im Musikbusiness-Game gerade was Krasses aus. Schauen wir mal, wies weitergeht.

Maurice Ernst von Bilderbuch
Maurice Ernst von Bilderbuch (Foto: Elizaveta Porodina)

Lieber eine kleine Clubtour durch die Staaten oder lieber Stadion-Shows im deutschsprachigen Raum?

Beides. Es ist natürlich ein romantischer Gedanke, dass man irgendwann die Chance bekommt vor Leuten zu spielen, die einen erst in zweiter Instanz verstehen. Die einen emotional verstehen und nicht vom Text her. Die nicht aus einer nationalen Notwendigkeit heraus, Bilderbuch gut finden müssen: “Joa, die Buben, da samma stolz drauf.” Sondern so eine neutrale Haltung: “Ja, das ist geil, hat Energie. Schau ich mir gerne an.” Wenn wir rein theoretisch die Chance hätten auf diesen großen Festivals weltweit zu spielen, sei es Japan oder Südafrika, dann hätten die Leute Spaß uns zu schauen. Aber es muss sich immer die Frage stellen: Wer entscheidet das? Sind das Kulturforen, die uns wohin buchen? Sind das Hypes im Internet, die uns notwendig machen? Oder ist einfach irgendein komischer Zufall? Also eine Permanenz kann man da einfach nicht erwarten, außer es ist irgendein Zufall. Von dem her: Wenn Kleinigkeiten passieren ist das herrlich, wie z.B. “Spliff”, das jetzt in einem Hollywood-Film, in “A Cure for Wellness” vorkommt. Das ist ein Horrorfilm von Gore Verbinski, der auch “The Ring” und “Fluch der Karibik” gemacht hat. Hans Zimmer hat die Filmmusik gemacht. Das sind so Momente, die internationaler sind. Wo du selbst denkst: Boah, das ist Zufall. Das kannst du nicht planen. Du kannst halt deine Mucke machen und setzt Kinder in die Welt. Wer weiß, ob Kanye nicht in zwanzig Jahren unser “Maschin”-Sample nimmt und damit einen fetten Welthit macht. Beim Sampling ist man ja nicht notgedrungen an einen Interpreten gebunden. Die Zukunft sagt: Wenn du gute Musik machst und deine eigenen Samples schaffst, strahlst du nicht nur einen Song aus, der nur so wiedergegeben werden kann, sondern du schaffst die Möglichkeit einen Ton, ein eigenes Instrument zu schaffen. Der Song an sich wird wieder gesampelt, irgendwann. Wieso sollte das aufhören? Ich glaube, Eklektizismus und Sampling ist nicht nur eine Idee, sondern eine Konsequenz, die durchs Selbermachen kontrastiert wird.

Was hältst du dann von den Versuchen genau dieses Sampling durch striktes Copyright zu beschneiden!?

Das ist super interessant. HipHopper haben da ja Erfahrung, aber wir schneiden was von YouTube aus und können nicht mehr schlafen vor lauter schlechtem Gewissen. Wo müssen wir das jetzt clearen und kostet das jetzt eintausend Euro? Werden wir jetzt verklagt? Und müssen wir jetzt unsere CDs einstampfen? Ich glaube längerfristig wird es da extreme Profis geben und irgendein System. Also man gibt ein Album irgendwohin und sagt: Dieses Sample ist da und da drin, klär das mal. Irgendwann darf das künstlerische Ego und Verlagsdinge keine Rolle mehr spielen. Es muss einfach auch richtig abgerechnet werden und dann darf jeder es machen. Es sei denn es ist irgendein politischer Approach mit dem sich der Künstler nicht identifizieren will. Ob jetzt die Taylor Swift oder der James Blake “Maschin” sampelt, muss mir eigentlich egal sein, weil mein Song ist fertig. Mein Teil ist getan. Mein Ton ist in die Welt hinausposaunt worden. Warum soll ihn nicht jeder so verwenden, wie er es für sich gerne hätte. Nur mit der Fairness, dass dieser Ton wieder richtig abgerechnet zurück kommt. Und da muss es irgendwie ein System geben, dass es einfacher macht für die Künstler.

Gibts in diesem Zusammenhang schon Pläne für Remixes von Songs auf der Platte?

Remixes ist auch ein superinteressantes Thema. Juicy Gay hat z.B. einfach Sweetlove genommen und was drüber gerappt. Ich glaube nicht, dass der sich um Sample-Clearing Gedanken macht. Aber wir nehmen das hin und freuen uns, dass er was macht. Weil wir realistisch sind. So lange das nicht ein Riesenhit wird, braucht sich da niemand anscheissen.
Und Remixes zu planen!? Es kann schon passieren, dass sich etwas ergibt. Aber ich würde nicht mehr auf die Suche gehen. Es muss sich aber irgendwie gut anfühlen. Sowas zu erzwingen finde ich auch nicht so prickelnd. Das haben wir schon ein paar Mal gemacht, aber eigentlich arbeiten wir lieber an neuen Sachen weiter.

Ich habe vor ungefähr einem Jahr Wanda interviewt und die haben mir damals erzählt: “Ja, das dritte Album ist eigentlich auch schon fertig.” Wie ist das bei euch? Habt ihr schon Skizzen oder sogar fertige Songs fürs nächste Album?

Ja, weil wir uns bei der “Magic Life” auch bewusst für die “Magic Life” entschieden und gegen die andere Platte. Wenn du anfängst mit Musik machen und ohne Gedanken Musik machst, dann bist du entweder wie Wanda und stehst im Proberaum und singst über Schnaps oder du versuchst es ein bisschen künstlerischer anzugehen und fragst: Ok, wie soll der Duktus sein, welche Atmosphäre wollen wir? Welches Konzept? Dabei ist nichts perfekt und das Konzept muss nicht zu 100 Prozent aufgehen, aber du musst ein paar Schlüsselpunkte haben, die im besten Fall ganz anders sind, als die anderen drei. Wenn sich drei von zehn Songs für eine Seite entscheiden, dann bringst du die auseinander und schaffst dir beim nächsten Mal schon wieder eine Möglichkeit. Rein theoretisch hätten wir Material für eine nächste Platte, aber es ist bei Weitem nicht fertig. Manchmal kanns extrem schnell gehen, aber es kann sich auch noch zwei Jahre ziehen, bis sie dann wirklich fertig ist.

Du hast vorhin erzählt, wie “Bungalow” entstanden ist. Wie ist das denn, wenn du zuhause hockst und schreibst? Ich habe mir immer vorgestellt, dass ihr im Bandraum seid und an irgendwelchen Instrumenten oder Schräubchen rumdreht. Mich hat es also ein bisschen überrascht, dass du erzählt hast, dass du zuhause warst und den Song geschrieben hast.

Bei dem Akkuding: Ja genau. Das ist schon so, wie du dir das vorstellt, so ganz grundsätzlich. In Crew und in E-Mails setzt sich eine Idee fort. Wir arbeiten sehr gerne in kleineren Gruppen. Zu viert vor dem Computer ist einfach nicht so ideal. “Dreh mal da rum.” “Oider, ich dreh doch eh grad was Anderes.” Deswegen immer so Zweier-, maximal Dreier-Gruppen. Zweier-Gruppen sind da sehr gut, weil einer ein bisschen freier denken kann und der Andere kann ein bisschen mehr arbeiten. Da hat man z.B. seit ein paar Jahren einen Loop aus der eigenen Library und baut einen Beat dazu. Dann nimmst du irgendein Sample, das ein bisschen nach Biggie klingt. Und dann hast du einen Beat,der juicy klingt. Und lässt ihn erstmal liegen. Drei Tage später kommt Peter mit einer Orgelidee und alle anderen sagen: “Bist du deppert, is des geil” Das könnte jetzt Rihanna sein,aber gleichzeitig könnte es auch der größte Scheiss sein. Da stehst du auch als Pop-Sänger wieder vor einer Herausforderung: Das ist so einfach und gleichzeitig gibt es dir halt jede Möglichkeit. Es gibt Songs, da kann man zwei Gesangslinien singen und bei manchen sind es hundert. Ich könnte jetzt sofort eine neue Gesangslinie auf “Bungalow” machen. Ich sitze also öfter über Beats und jamme mit der Stimme, baue Wörter ein, bearbeite den oder jenen Part. Das Solo entwickelt man dann oft später, wenn man merkt:Ok, bei dem Song muss jetzt irgendwas passieren, sonst wird es wirklich langweilig. Dann kommt wieder ein Bruch. Es ist also schon sehr etappenhaft. Nach dem Prinzip: Hingehen, weggehen, hingehen, weggehen.

Maurice Ernst von Bilderbuch
Maurice Ernst von Bilderbuch (Foto: Elizaveta Porodina)

Du hast gerade schon ein bisschen Technologie angesprochen. In diesem Zusammenhang: Facebook oder WhatsApp?

Whatsapp, weils privat ist. Und Facebook eben nicht. Warum sollte ich mich da für Facebook entscheiden?

Also die direkte Kommunikation auf jeden Fall!?

Ja auf jeden Fall. Alles was privat ist und dann habe ich auch kein Facebook. Für mich ist Facebook eine Homepage, auf der man Momente teilen kann. Und Whatsapp ist “von bis”. Und die Gruppenfunktion ist bei einer Band herrlich. Da läuft halt sehr viel darüber.

Ihr habt ja immer wieder Bezug zu Technologien, wie z.B. Autos im Maschin-Video. Ist diese Auto-Begeisterung real oder ist das nur ein Stilelement?

Sie ist wahrscheinlich mehr Stilelement als real, im Moment. Aber sie ist sehr naiv. Ich habe Autos geliebt als Kind und liebe sie jetzt weniger denn je, weil sie mir wurschter sind, denn je. Sie verkörpern so was ganz Klares. Also ist es eher Stilelement mit dem Wissen, dass ich dazu mal eine Liebe empfunden habe. Bei “Sneakers4free” ist der Traum auch in Erfüllung gegangen, so ein Bubentraum, den man so musicalmäßig überstilisiert: Man geht in einen Sneakers-Laden und alles ist gratis. Das ist ja praktisch Wonderland. Wir wollten einen ToysRUs-Moment erzeugen.

Das hast du auf jeden Fall geschafft.

Ich habe mich selber schon so wohlgefühlt in der Geschichte. Seit ich ein Kind bin, sehe ich das weiße Licht: Reich und shiny. Da hats doch auch diese Sendung gegeben, in der die Kinder alles möglichst schnell in den Wagen haben werfen dürfen. Geil.

Zurück zur Musik: Auf der neuen Platte habe ich auch ein paar Reggae- und Dubeinflüsse wahrgenommen. Das fand ich zum einen sehr gut und sehr stimmig umgesetzt, zum Anderen aber auch einen krassen Bruch.

Auf jeden Fall. Da merkt man aber auch, wie wenig sich die Leute eigentlich auskennen, weil du der Erste bist, der von außen sagt: Ja, ihr habts ein bisschen Reggae versucht, was wir mit “Spliff” schon mal ein bisschen probiert haben. Reggae ist eine sehr altbackene Bandmucke, die kann man immer mal wieder machen. Deswegen war es auch so reizvoll. Viele Leute sagen: Das ist nur Funk. Aber für uns steckt da schon auch dieser Reggae-Flair drin. Das ist einfach Dancehall. Und Dancehall und Trap sind ja wieder verwandt. Wir sind da sehr offen und konsumieren jegliche Musik von ZZ Top bis zur ärgsten Jamaika-Mucke. Das ist uns so ein bisschen wurscht. Und wenn du dann das alles zueinanderfügst, dann kriegst du wieder Bilderbuch raus. Weil wir mit was anfangen und uns nicht verschränken, sondern versuchen unsere Parts aus den unterschiedlichen Stilen herauszuholen.

Bei den dubbigen Parts klingts dann trotzdem eher nach “Sunshine Reggae” als nach Roots.

Du hast schon recht. Wobei du dir auch mal die drei Hits von UB40 anhören musst. Die sind super geil. Das ist natürlich auch in den Dreck gezogen worden. Logischerweise, weil es eben totgespielt wurde und ein bisschen unsympathisch ist. Und trotzdem muss man sagen: Hey, das törnt schon richtig an, irgendwie. Das ist super fresh. Ich glaube, dass in Zukunft auch die hippen Leute wieder ein bisschen mehr UB40 hören werden. So ein bisschen mehr Bauchgefühl. Bei mir machts bei “Red red wine” so: Boah, geil.

Aber genau wie auch bei den Gitarren-Soli habt ihr schon auch Spaß daran die Klischees zu überdrehen, oder?

Unbedingt!
Auch sie weiterzubringen, sie zu zitieren in neue Kontexte und in eine neue Zeit mitzunehmen. Es wäre so schade drum, denn das Gitarren-Solo ist einer der wenigen Momente in der modernen Musik, in denen man nochmal ausbrechen und sagen kann: Jetzt gehts nur noch ums Gefühl. Jetzt müssen Beat, Grid und Gesang nicht mehr nur programmistisch eine Funktion erfüllen, sondern es darf ausbordern, es darf machen, es darf schreien, es darf leise werden. Das ist ganz selten. Und wenn das gut passt, dann ist es für uns immer eine Notwendigkeit die Gitarre laut zu drehen und vorzuschieben.

Maurice Ernst von Bilderbuch
Maurice Ernst von Bilderbuch (Foto: Elizaveta Porodina)

Bei “Baba” vom neuen Album habt ihr damit auch extrem gespielt. Das ist eigentlich ein klassischer Radiohit, aber die Gitarren-Soli kontrastieren das komplett. Im ersten Moment denkt man: Ah komm, das ist jetzt schon ein bisschen drüber. Und dann verbindet ihr beides und man denkt: Ah ja krass, doch das macht schon Sinn.

Genau. Das ist auch voll wichtig. Bei “Baba” haben wir ab dem Moment, in dem das Solo da war, gewusst: Ok, diese Nummer geht sich aus. Als erstes dachten wir: Komm, machen wir was Sweetes wie Roxy Music oder ein bisschen Reggae-Style und dann sind wir zum Gitarren-Solo gekommen und haben genau das gemacht, was unserer Meinung nach moderne Musik, wie Kanye West, auszeichnet. Nämlich zu sagen: Ich hab zwar eine Ballade, die an Cheesyness nicht zu übertreffen ist und dann machst du da einen Cut rein und fickst in Wahrheit jeden, der vorher noch gedacht hat, das sei flach. Auch die Vorstellung, wie geil das live ist, macht mich jetzt schon ganz wuschig. Das ist GunsNRoses und Kanye zusammen. Alles eben, was jemals groß und emotional war.

Und vor allem ist es auch eine Probe für die Radiosender, ob sie sich trauen das zu spielen.

Ich finde man muss denen ja auch nichts auf dem Silbertablett servieren.

Und den Radiohit habt ihr ja schon mit “Bungalow” geliefert.

Ja schon, aber es ist halt zu geil und zu sehr auf den Punkt, als dass sie es als Grund nehmen könnten das nicht zu spielen.

Mit der Band alt werden oder mal Solopfade einschlagen?

Mit der Band alt werden. Ich bin so viel Bilderbuch, das lässt sich nicht trennen. Ich würds extrem super finden, wenn wir eine richtig schöne lange Karriere machen würden. Es ist jetzt schon das vierte Album und wir haben trotzdem noch so viele Sachen zu erreichen und zu begehen. So viele Genres und im Moment ist da noch kein Ende in Sicht. Ich bin eher so der Modellier-Typ und nicht der, der alleine da sitzt und irgendwas macht.

Also eher das Stones-Modell als das Beatles-Modell!?

Ja genau. Eher schon, ja!



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