Neo Soul-Sängerin Y’akoto im Interview: “Wir müssen die Geschichte neu erzählen!”

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Sie hat den Blues in ihrer Stimme und in ihren Augen. Ihre dunkle und ausdrucksstarke Stimme erinnert an Nina Simone und Billie Holiday. Die deutsch-ghanaische Soul-Sängerin Y’akoto hat derzeit Paris als ihren Wohnsitz gewählt. Sie bewegt sich in vielen Welten und sucht dabei immer wieder den Kontakt zu ihren Wurzeln.  Sie wurde bereits zweifach für den ECHO in der Kategorie „Künstlerin National Rock/Pop“ nominiert.
Am 31.03. veröffentlicht sie ihr neues Album „Mermaid Blues“ und wir haben vorab mit ihr persönlich gesprochen.

Y’akoto
Y’akoto

Wo fühlst du dich zu Hause?

Ich bin Afro-Europäerin. Halte nicht viel von Grenzen und fühle mich in jeder europäischen und westafrikanischen Metropole zu Hause.

Bist ein einem dieser Orte an Grenzen gestoßen?

Ich bin schon in meiner Kindheit viel gereist, es war schon immer meine natürliche Lebensart. Ich nehme mittlerweile wahr, dass frei zu reisen nicht selbstverständlich ist und merke, wie privilegiert ich mit meinem Pass bin, der mir alle Türen öffnet.

Du warst unter anderem mit Erykah Badu auf Tour. Gab es eine Gelegenheit, dich mit ihr auszutauschen?

Erykah Badu ist eine besonders mysteriöse Künstlerin, die ihr Privatleben sehr schätzt und das respektiere ich. Auf der Bühne, als auch hinter der Bühne ist sie authentisch und macht niemanden etwas vor. Sie ist Erykah Badu, immer Weise, sehr warmherzig und eine Frau, die keine Kompromisse macht, im Sinne von „ich check jetzt ab, was du von mir hören willst“. Sie ist da ganz autark und authentisch. Das war ein schöner Start für meine Karriere, gleich von Erykah Badu, Joy Denalane oder Asa umgeben zu sein. Da hab ich einfach Glück gehabt.

Gab es auf der musikalischen Ebene einen inspirierenden Austausch?

Musik ist ja nicht einfach nur Musik machen, sondern meine Musik besteht zu 100% aus meiner Persönlichkeit. Ich schreibe ja meine Songs selbst und singe Geschichten aus meiner Perspektive. Natürlich haben mich diese Frauen persönlich beeinflusst. Es ist auch eine Inspiration Menschen beim Arbeiten zu zuschauen.

Wenn man dich nicht kennt und deine Songs hört, hört man eine afro-amerikanische Soul-Sängerin heraus. Umso überraschender war es zu erfahren, dass du aus Hamburg stammst. Dennoch klingt es, als wärst du in den Staaten geboren und mit Jazz und Blues aufgewachsen. Wie kommt es zu dieser starken Prägung?

Der Blues ist der Ursprung von Pop-Musik. Alles was wir hier heute hören – nicht nur meine Songs – stammt vom Blues ab. Der Blues hat wie ich afrikanische Wurzeln. Die schwarze Kultur ist sehr Verankert in der modernen Pop-Welt. Das wird in diesem Genre leider so nicht benannt. Ed Sheerens Nummer-eins-Hit „Shape Of You“ ist Dancehall! Die Ursprünge des Dancehalls sind schwarz. Als Künstlerin sehe ich mich verpflichtet, auch mal eine andere Geschichte zu erzählen. Die schwarze Kultur gibt es schon sehr lange in Europa und die europäische Kultur gibt es auch in Afrika. Das ist wie es ist und die Frage ist: Wie erzählen wir die Geschichte? Leider wird sie meist sehr einseitig erzählt. Zum Beispiel das schwarze Musik nur aus Amerika kommt. Deswegen bin ich hier, um eine andere Geschichte zu erzählen.

Wie nah sind wir an Afrika dran?

Wir sind alle direkt an Afrika dran. Den Kaffee, den du morgens trinkst und die Jeans die du trägst. Wo kommt wohl die Baumwolle her? Der Wohlstand, den Europa erlebt, beruht eben auf dem Leben derer, die das ermöglichen. Darüber muss man sich bewusst sein. Das ist auch was ich meine mit, wir müssen die Geschichte neu erzählen. Wie müssen wir die Geschichte neu und wahrhaftig erzählen, um auf Plakatierungen, Stigmatisierungen und Sensationen zu verzichten? Wie geben wir einer gewissen Identität auch ein neues Gesicht?

Deine Kleidung im Video „Fool Me Once“ zeigt afrikanische Wurzeln ohne Klischeehaft zu sein. Gibt es hier eine kontemporäre Kunst- und Kulturszene, die direkt aus Afrika kommt?

Meine Kleidung ist zeitgenössisch und – wie es mit zeitgenössischer Kunst, Musik, Mode etc ist – eine Fusion aus allen Einflüssen, die mich umgeben.

An welchem Ort spürst du die Fusion am stärksten?

Überall. Die Welt und die Städte sind nicht das, was wir auf den ganzen Zeitschriften oder im Fernsehen sehen. Jede europäische Großstadt ist bereits fusioniert und hier bewege ich mich auch.

Wie viel von der Person, die sich Morgens einen Kaffee kocht und eine Ladung Wäsche anschmeißt steckt in der Künstlerin?

Ich erzähle immer aus meiner Perspektive. Eine andere kann ich nicht einnehmen. Ich bin ein relativ normaler Mensch, der Morgens in Paris in die Metro steigt. Das Privileg was ich habe ist, dass ich durch meine Arbeit mit vielen verschiedenen Menschen sprechen kann. Also nicht nur mit meinen Freunden, meiner Familie und meinen Arbeitskollegen, sondern mit noch mehr Menschen. Das ist das, was ich versuche so gut wie möglich zu nutzen, so lange ich da bin.

Dein neues Album „Mermaid Blues“ trägt viel Schwere und Melancholie in sich. Gibt es da etwas, was du da besonders versuchst zu verarbeiten?

Musik sollte immer subjektiv wahrgenommen werden. Ich scheue mich hier eine Vorgabe zu machen, wie jemand meine Musik empfinden soll. Ich mache Musik, damit Menschen in verschiedenen Lebenssituationen eine ganz besondere Beziehung zu meiner Musik aufbauen. Wenn ich hier viele Vorgaben mache und zu viel verrate, könnte das schon stören. Es gab auch andere Menschen, die das anders empfinden als du und das muss auch richtig sein. Hier nehme ich mich ganz bewusst raus.

 

Danke Y’akoto

Y’akoto – Mermaid Blues im Stream




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