Angry Porridge: Genervt von Kartoffeln und ihren vegetarisch-veganen Foodblogs

4

Seit ich aus Iran zurück bin, weiß ich irgendwie nicht mehr, was ich essen soll. Ich bin dermaßen genervt von weißen, gerne auch vegetarisch-veganen Foodblogs, in denen Menschen völlig unreflektiert ihre rassistischen, klassistischen, ableistischen und sonst wie ignoranten Stereotype ausleben und sich munter „fremdes“ Kulturgut aneignen. Es ist auch echt lächerlich mit welchem Leseaufwand man sich das Rezept für ‘nen Standard-Haferbrei raussuchen muss, weil manche denken, sie hätten das Rad neu erfunden, wenn sie drei Himbeeren oben drauf legen und sich darüber wundern, dass manche Getreidesorten „ja schon ganz alt“ sind. Aber ich lese immer nur die gleichen kartoffeligen, von Privilegien getränkten Blogger, die ihre Zutaten anscheinend bei Firstworld24.org zusammensuchen.

Superfood, Detox und allseits bereit!

In den meisten Blogs finde ich Einträge zu „Superfoods“ zum Optimieren und Detoxen, um der Gesellschaft weiter dienen zu können. Marie, eine blonde Fee aus Prenzlauer Berg, ist genau wie ich auf der Suche nach den schönen Dingen. Sie erzählt von ihrem „Papa“, der gerade in den Gräfekiez gezogen und dank „Energy Balls“ (geheime Zutat: Datteln!), gestärkt aus dieser Erfahrung hervorgegangen ist. Marie schreibt statt Likör auch lieber Liqueur, „weil sich das einfach besser anhört“, und weil das Product-Placement im Blog sonst nicht funktioniert. Ich lasse mir ungern von einer Heidi Klum für abendländische Bildungsbürger Datteln als Innovation verkaufen. Damit bin ich dann wohl endgültig die angry bitch, die einfach nur das Augenzwinkern in den Posts nicht versteht.

Hier ist also mein spontaner Angry Porridge von heute morgen. Mit Datteln, Kakao, Amaranth, Robe Anar medium sauer aus Nordiran (ja, es gibt mehrere Sorten Granatäpfel) und persischen Aprikosen, die ich selbst im Flugzeug hierher geschleppt habe. Yay. Und Äpfeln und Haferflocken, falls das jemand interessant findet.

Auf der suche nach Porridge-Rezepten in Kartoffelland

Okay, die 9kg Übergepäck haben mich über 70€ gekostet. Teuer und anstrengend, geb’ ich zu. Schon schwer, manche Zutaten zum schönen Leben in Kartoffelland zu besorgen, wobei das mit den Reiseprivilegien eines EU-Passes eigentlich kein Problem sein sollte. Ich finde jedoch im Netz nur Maries und ihr Ironic-Life, die zu Blogger-Events fahren und sich von Getränken aus Einmachgläsern ernähren. Errungenschaften, bei denen manche Abla aus dem Wedding nur müde lächeln würde. Marie kennt viele Anglizismen aber keinen Juwelenreis. I feel for you. Dafür kriege ich einen total interessanten Einblick in das Leben einer Berlinerin, ihre Vintage-Einrichtung und ihren super netten Freund Stefan, den ich auf der Suche nach Porridge-Rezepten gar nicht kennenlernen wollte, und der ihr, wie sie verrät, jeden (!) Morgen Kaffee ans Bett bringt.

Ich wäre ja eigentlich interessiert an guten Rezepten von echten Menschen. Vielleicht auch an der einen oder anderen kritischen Auseinandersetzung mit Essen, bzw. dem Konsum von sogenannten „gesunden“ Lebensmitteln. Als Soziologin könnte sie wissen, was so passieren muss, damit sie ihren Quinoa und ihre Hass-Avocados auf dem Teller hat, oder wie soziale Ausschlüsse funktionieren. Sie beschäftigt sich immerhin damit, welche Folgen das Verletzen des Style-Katechismus zur Folge haben könnte, falls das Essen doch mal aus einer Plastikdose ausgepackt wird: „Was sollten die Kollegen denken?“ (das steht da wirklich). Stefan darf jetzt wahrscheinlich auch nur noch mit Mason Jars aus dem Haus gehen. Vielleicht sagt sie ihm auch, was er anziehen darf. Zwanglose moderne Beziehung halt. Sicherlich unterhalten sie sich auch genauso ungezwungen über Scheidenpilzinfektionen oder Selbstbefriedigung oder Alltagsrassismus in Deutschland, während sie ihre schönen kleinen Rituale zelebrieren. Ich jedenfalls habe lange genug als Minderheit gelebt, um nicht wegen Tupperware einen Minderwertigkeitskomplex zu entwickeln.


Flipboard
Folge uns auf Flipboard @Blogrebellen

4 KOMMENTARE

HINTERLASSEN SIE EINE ANTWORT

Please enter your comment!
Please enter your name here

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.