“Hip-Hop hat was mit geradestehen zu tun und mit Meinung vertreten” Veedel Kaztro im Interview

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Eigentlich hatte ich Sonnenschein und milde Temperaturen erwartet, als ich zur Verabredung mit Veedel Kaztro an die Spree fuhr. Noch am Vortag war es für Anfang April relativ warm, doch das Wetter spielte an diesem Tag nicht wirklich mit. Mein Plan, bei herrlichem Berliner Frühlingswetter ein Outoor-Interview mit dem Kölner Rapper zu machen, war am kippen. Veedel war in Begleitung von Olski in der Stadt, dem Mastermind, Gründer und Label Manger von MPM, auf dem kürzlich das Büdchen Tape 3 erschien.
Trotz frischer 10 Grad und wegen fehlender Ausweichlocation setzten wir drei uns schließlich doch auf eine Bank am windigen Spreeufer. Jacken zu, Mikrofon an:

Das wievielte Interview ist das heute für dich?

Das ist jetzt das Zweite. Wir hatten vor ein paar Wochen ein Promo-Marathon, da habe ich so um die acht am Tag gemacht. Heute ist das das zweite von dreien.

Wie oft hast du in den Interviews erklärt was ein Büdchen ist?

Gar nicht eigentlich.

Das hast du wohl allen schon vor zwei oder drei Jahren erklärt?

Ja und das hatte ich jetzt vor ein paar Wochen nochmal Wie kamst du auf den Namen? Die Klassiker “was ist ein Büdchen?”, “was ist ein Veedel?” – drei bis vier mal bestimmt.

Ich hab ja in der Vergangenheit oftmals gesagt bekommen, dass ich Rap nicht verstehe, weil ich diese Gangster-Rap-Scheiße, das sexistische und homophobe bei ganz vielen deutschen Rappern überhaupt nicht gut finde…

Finde ich aber auch nicht gut.

… bei dir habe ich so das Gefühl, dass das was du machst echt ist. Hört sich vielleicht blöd an, ich meine damit, dass es real ist. Wie nah ist der Künstler Veedel Kaztro an der Privatperson?

Ich würde sagen sehr nah, weil ich glaub – jetzt sind wir bei echt oder unecht – wenn Leute so übertriebene Punchline bringen wie “Ich fick deine Schwester” oder irgendwie sowas, dann ist das immer so ein Battle-Ding. Leute in ihrem alltäglichem Leben würden es vielleicht nicht machen oder sind nicht homophob, sondern machen das wie gesagt aus dem Battle-Gedanken heraus. Ja und bei mir sind da auch so grenzwertige Zeilen würd ich sagen, die halt nicht zu hundert Prozent peacy sind. Aber ich achte schon drauf, wie ich mich präsentiere und das dann das Bild, was die Leute von mir haben so ist, wie ich auch bin. Groß verstellen kann ich mich auch nicht. Hab ich nie versucht und deswegen ist das auch so wer ich wirklich bin.

Wie wichtig ist es dir deine Haltung in einer Musik zu vermitteln?

Das ist schon sehr wichtig, weil Hip-Hop hat was mit geradestehen zu tun und mit Meinung vertreten. Das ist das, was Hip-Hop ausmacht. Sonst wäre es wahrscheinlich eine andere Musik. Ich hab auf jeden Fall meine Meinung zu vielen Sachen und die sag ich gerne. Ich hab das Bedürfnis das zu tun und deswegen ist mir das schon wichtig.

Im Januar letzten Jahres hast du den Song “Klick klick no Pegida AfD” als free download raus gehauen, den hatten wir damals gebloggt. Wie kam es, dass du so deutlich und öffentlich Stellung dazu bezogen hast?

Ich bin als Kölner vielleicht ein bisschen mehr davon betroffen, weil es (Sexuelle Übergriffe in der Silvesternacht 2015/16) in “meiner Stadt” stattgefunden hat und mich es irgendwann angeödete, dass die Berichterstattung immer eine Meinungsmache war. Die ganze Zeit stand die Herkunft der Leute mega krass im Vordergrund und wurde zu extremen Dimensionen aufgebauscht. Wie “Der Untergang des Abendlandes ” usw. Es haben dann die entsprechenden Leute ihre Chance gesehen, um ihre Argumentation damit zu füttern, dass mehr Überwachung benötigt wird und zu viele “Fremde” da sind. Das hat mich genervt. Dass dann auch daraus allgemein auf Köln oder große deutsche Großstädte zurückgeführt wurde, wo man sich angeblich nicht mehr hin trauen kann, weil das alles kriminell wäre. Und der Kölner Hauptbahnhof – ich bin da fast jede Woche einmal und der ist halt kein Problem. Diese ganze Hysterie hat mich genervt, deswegen hatte ich das Bedürfnis diesen Song zu machen.

Gab es da aus dem rechten Lager irgendwelche Reaktionen auf den Song?

Ne. Die hatten den Song anscheinend nicht gehört. Aus dem linken Lager gab es Kommentare, dass der Song wohl nicht so gelungen wäre. Zum Beispiel die Formulierung klick klick, die – muss ich auch sagen – vielleicht nicht die Schlauste war. Es klingt halt nach Gewalt und Schusswaffen, wovon ich mich distanziere. So sollte es natürlich nicht sein. Das war ein Stilelement und klang im Chorus ganz geil. Irgendjemand hat dann auch eine Cartoonfigur mit einer Schusswaffe unter unserem Song gepostet. Das fand ich fragwürdig. Es gab eher Anfeindungen aus den “eigenen Reihen”, dass es eben ein Griff ins Klo war. Find ich nicht.

Olski: Das kann man ja kritisieren oder diskutieren. Ist ja ein klassisches Hip-Hop Stilmittel mit dem Knarren-Ding ein bisschen zu spielen. Und wenn man dann den Künstler kennt, dann weiß man auch, dass es nicht wörtlich gemeint ist.

Peter: Wir haben ja auch bei den Blogrebellen eine klare Meinung gegen Rechts, teilen sie mit und bekommen allerdings meistens die größte Kritik aus den eigenen Reihen. Man erreicht nicht die, die es erreichen sollte, damit die mal ein bisschen darüber nachdenken, sondern eigentlich nur die eigene Suppe in der man schwimmt.

Veedel: Man hat zu sehr vielen Sachen die gleiche Meinung aber oft herrscht eine Uneinigkeit und die Leute sind zerstritten. Das ist ein bisschen Schade. Es ist aber auch Komplex und betrifft nicht nur ein einziges Thema.

Olski: Die Hip-Hop Szene in Deutschland ist größtenteils sehr unpolitisch. Da finde ich so einen Redebeitrag schon gut und wichtig, auch wenn dann “nur” im eigenen Kreis darüber geredet wird.

Veedel: Man muss ja noch nicht mal die Gegenseite erreichen. Ich hab das Gefühl, dass wenn man überhaupt etwas sagt schon Anfeindungen abbekommt, weil sich die Leute, die sich damit überhaupt nicht befassen wollen, auf den Schlips getreten fühlen. Weltverbesserer und Gutmensch sind so beliebte Wörter. Kann man zum Beispiel in YouTube-Kommentaren oft lesen. Die kommen wahrscheinlich auch nur von Kids, die sich einfach angegriffen fühlen, wenn mal irgendjemand was sagt. Wir waren jetzt zum Beispiel bei Skinny in der Rap Küche. Da war Sookee zu Gast, die Feministin ist und sehr viel darüber sprach. Da waren mega viele Kommentare, die krass angefeindet haben, weil sie sich in ihrem Weltbild gestört gefühlt haben. Denn da ist eine Frau, die auch mal was sagt.

Sookee ist ein gutes Beispiel für politischen Rap. Ist dir persönlich deutscher Rap politisch genug?

Meiner Meinung nach müsste das nicht so sein, ich höre alles mögliche. Wenn man danach sucht, dann findet man das auch. Es gibt krasse Künstler, die nicht explizit als politisch zu bezeichnen wären, die aber auf jeden Fall immer mal wieder in Songs ihre Meinung und Statements zu Themen durchblitzen lassen. Zum Beispiel Morlockk Dilemma, MC Bomber, oder Retrogott.

Olski: Edgar Wasser und Fatoni manchmal.

Veedel: Die breite Masse ist das nicht, teilweise gegenteilig. Viele fallen durch fragwürdige Statements wie Verschwörungstheorien auf. Aber da hat man sich dran gewöhnt. Es ist ja auch so, dass die breite Masse sanftere Töne schlägt. Wenn man aber danach sucht und wenn man sich dafür interessiert, findet man das. Die Frage ist halt auch, ob die Leute Bock drauf haben. Die Kids haben wahrscheinlich andere Interessen.

Olski: Was ich vermisse ist, dass außerhalb der Musik Rapper in Deutschland keine Position ergreifen. Vor einem Jahr erhielt Frei.Wild einen Echo. Das Jahr davor hatten Die Ärzte noch gesagt, wenn die kommen, kommen wir nicht. Ok, dann wurden Frei.Wild nicht eingeladen. Im nächsten Jahr wurden sie dann eingeladen. Da waren auch Kollegah, Sido und 187 mit dabei und keiner hat das Maul aufgemacht. 187 haben den Stinkefinger gezeigt, das wars dann auch. Das fand ich beschämend. Da hat Deutschrap auf einem öffentlichen Fernsehkanal mal die Möglichkeit gehabt aber es kam nichts. Man kann darüber diskutieren wie schlimm Frei.Wild sind, ob man die noch größer machen sollte. Aber da hätte ich von Hip-Hop erwartet, dass da einer mal was sagt.

Veedel: Ich war da ja nicht eingeladen. (alle lachen)
Was man da direkt sagen kann ist, dass Deichkind zum Beispiel mit Refugees-Welcome-Pullis auf irgendeiner Veranstaltung waren. Das war cool. Die sind ja eigentlich der Inbegriff von Mainstream und haben sich da so positioniert. War richtig cool.
K.I.Z. kann man auch nennen. Die sind ein gutes Beispiel dafür, das man das mit einem hittigen Sound verpacken kann.

Olski: … und die sind auch nicht so platt. Wenn du K.I.Z. nicht kennst, dann bist du dir erstmal unsicher, wie sie das meinen. Dann hörst du weiter und dann checkst du es. Die machen das schon sehr gut.

Veedel: Die sind sehr erfolgreich, haben einen großen Einfluss schon machten von Anfang an ganz klare Ansagen.

In deinen Texten auf dem neuen Büdchen Tape benutzt du so Begriffe wie Kartoffel und Almans. Die nutze ich auch hin und wieder in Artikeln und werde dafür regelmäßig kritisiert. Einige Leser fühlen sich dadurch angegriffen und beleidigt. Mir wurde da schon umgekehrter Rassismus vorgeworfen. Ist dir das auch schon mal passiert?

Naja. Als Kartoffel bezeichne ich mich ja selbst. (lacht) Dann ist es ja eigentlich ok, wenn man das zu sich selbst sagt. In dem Almans Song geht es um diese Mob-Kultur, es ist ein Sammelbegriff und es tut mir leid, wenn sich da jemand angegriffen fühlt. Bier-Proll-Dynamik, Zügellosigkeit – dieses gemeinsam dumm sein und herum grölen.

Olski: Diese Hook „Wir sind Aalmaaans“ – da ist doch alles klar.

https://open.spotify.com/track/56QdoMxI1kN4Ww7IIKw7bc

Veedel: Rassismus ist das nicht. Man sollte über sich auch lachen können. Sofern man Deutscher ist in dem Fall. Ich bin ja selbst Deutscher und ich weiß nicht, was daran rassistisch sein soll.

Peter: das frag ich mich auch. Rassismus gegen Weiße? Sowas gibt es per se nicht. Der Rassismus kommt von den Weißen.

Olski: ja und Rassismus ist immer eine Frage der Machtverhältnisse.

Veedel und Peter
Der Autor (links) und Veedel Kaztro

Köln ist deine Base, dein Lebensmittelpunkt. Kannst du dir vorstellen wie Fatoni oder Mädness & Döll nach Berlin zu kommen und das Büdchen gegen einen Späti zu tauschen?

Ja vielleicht für eine Zeit. Ich bin auf jeden Fall in Köln sehr verwurzelt. Aber was ich mir vorstellen kann ist für zwei Wochen oder zwei Monate irgendwo hinzuziehen und mir die Gegend anzugucken. Das könnte jede Stadt sein. Ich bin auch innerhalb von Köln umgezogen und hab da viel gesehen. Es ist auch sinnvoll innerhalb der Welt umzuziehen und sich da irgendwas anzugucken. Aber ich freue mich immer wieder, wenn ich nach Hause komme.

Ich hab da so einen Produzenten getroffen, dass kann ich ja mal anteasern, der heißt Teka von Kitschkrieg. Wir machen eine EP zusammen, die sehr nice wird und er hat ein sehr geiles Studio hier in Berlin. Wenn wir das angehen kann ich mir vorstellen eine Zeitlang hier her zu ziehen. Mein Bruder wohnt auch hier, bei ihm könnte ich vielleicht auf der Couch pennen. Gegen ein kurzzeitiges Vagabundenleben habe ich nix. Da bleibt dann auch die Gefahr aus, dass man in Gewohnheiten versinkt und bekommt immer mehr Einflüsse, Eindrücke mit. Das ist sehr gut für die Kreativität. Ich hab viele Interessen und in Berlin gibt es unfassbar viel zu sehen. Aber ich bin in Köln sehr verwurzelt, könnte mir auch vorstellen da alt zu werden.

Der Juice hast du mal gesagt, dass du es dir nicht vorstellen kannst mit 50 noch mit Rap auf der Bühne zu stehen. Siehst du es allgemein so, dass Rapper ein Verfallsdatum haben?

Das ist ja so eine Sache mit einer jungen Kultur. Ich will da niemanden was vorschreiben. Man ist halt mit fünfzig nicht mehr so fit wie mit zweiundzwanzig. Das Publikum bleibt immer gleich jung, auch wenn man selber älter wird. Es kommen dann neue Künstler nach, die frischer ans Werk gehen können. Weiß nicht wie viel Chancen man da noch hat. Wenn jemand Bock drauf hat, soll er das machen. Ich würd da wohl eher eine Musik machen, die man im Sitzen machen kann – oder vergleichbares. Ich rechne mir mit fünfzig keine Chancen gegenüber dem jüngeren Nachwuchs aus. Ich werde kreativ schaffend sein. Deswegen liebäugele ich mit vielen anderen Sachen und werde das dann mit fünfzig machen.

Olski: Es ist sehr schwierig. Gibt es Beispiele, wo das gelungen ist?

Peter: ich hab auch überlegt. Kenn ich denn irgendwelche deutschen Rapper, die schon fünfzig sind?

Olski: du hast halt die ersten Ü40 rapper. Max Herre ist Ü40.

Veedel: Kool Savas

Peter: ja aber die sind ja nicht mehr so richtig aktiv. Ich war vor drei Wochen in Wiesbaden beim Tapefabrik Festival und sah dort David Pe von Main Concept. Ich war hin und weg, glaube der ist auch so Mitte vierzig und geht auf die fünfzig zu. Das Talent muss nicht wirklich schwinden. Aber ob man in diesem Alter noch so erfolgreich ist und Massen erreicht sei dahin gestellt.

Olski: Wen erreichst du dann? Vielleicht gibt es dann so eine Hip-Hop-Oldie-Revue. In Amerika gibt es ja Eminem, der ist deutlich über vierzig. Jay Z… man weiß es nicht… Chaos One ist fünfzig. Relevant bist du dann nicht mehr so.

Peter: auf der anderen Seite wächst ja dein Publikum und wird ja mit dir alt. Bestenfalls hört es dann mit fünfzig keine Radiomusik.

Olski: Ab einem gewissen Alter wollen die Leute Nostalgie. Ich war jetzt nicht bei den Beginnern, aber mich hätte mal interessiert, wer da so hingeht. Ich finde eher Künstler wie Jan Delay, Marteria, Peter Fox spannend. Bei denen war Hip-Hop der Ausgangspunkt, sind dann aber woanders damit hingegangen. Überzeugt mich mehr als wenn jemand Ü40 versucht wie zwanzig zu flexen.

Veedel Kaztro – Büdchen Tape 3 im Stream



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