MP3 ist nicht tot, es riecht nur komisch

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Foto: Bild: Walter Marinelli

Seit gestern rauscht es im deutschen Blätterwald. Das MP3 ist tot, aus die Maus, finito, so die fast einhellige Meinung. Das populäre Audiokompressionsverfahren sei eine “Erfolgsgeschichte”, aber eben ab sofort Geschichte oder so. Der Focus, dem einfach gar nichts zu blöd ist, forderte seine Leser sogar auf, sich gefälligst alt zu fühlen, denn MP3 sei genauso tot, wie die Musikcassette, was immer das Eine mit dem Anderen zu tun hat. So zumindest der Tenor sämtlicher Berichte, die bis zum Abend erschienen waren.

Was war der Grund für die morbide Lust am Ableben des defacto-Standards für Audiodateien? Eine unauffällige Pressemeldung auf der Webseite des Fraunhofer-Instituts, in der verkündet wurde, dass das Lizenzprogramm des Audiocodecs endet. Es endet übrigens, weil die entsprechenden Patente ausgelaufen sind. Und deswegen ist MP3 also mausetot? Gemach, ganz so einfach ist es nicht. Wie uns Harald Popp vom Fraunhofer-Institut im Interview erzählte, bedeutet das vor Allem, dass die Lizenzgebühren entfallen, die bisher bei der Nutzung des ISO-Standards MP3 anfielen. Für die futurezone, die sich ebenfalls die Mühe gemacht hat, nachzufragen, formulierte es gestern Karlheinz Brandenburg noch deutlich knackiger:

“MP3 ist nicht tot – ganz im Gegenteil. Es ist und bleibt das am weitesten verbreitete Format für digitale Musik, das von praktisch jedem portablen Gerät abgespielt werden kann.”

“MP3 ist nicht tot – ganz im Gegenteil”

Es kann also Entwarnung gegeben werden. Gestorben ist einzig und allein die Möglichkeit, mit MP3-Lizenzen Geld zu verdienen. Was ganz bestimmt nicht deswegen endet, ist die gigantische Erfolgsgeschichte, die das MP3 für das Fraunhofer-Institut bedeutet. Man setzt dort halt in Zukunft auf die hauseigenen neueren und besseren Kompressionsstandards wie zum Beispiel AAC. Wobei “neuer” in dem Zusammenhang schon eine leicht seltsame Formulierung ist. So neu ist AAC nicht, wenn man bedenkt, dass es seit 2003 (!) das Format ist, in dem der iTunes-Store seine Files ausliefert. Mittlerweile gibt es praktisch keine Hard- und Software mehr, die Probleme mit dem Abspielen dieses Formats hätte. Dass MP3 überhaupt noch eine Rolle spielt, liegt schlicht und edel daran, dass der ursprüngliche Grund, warum Musikdateien so klein wie möglich komprimiert werden mussten, die geringen Bandbreiten im Internet, mittlerweile recht obsolet geworden ist. 320kBit/s sind schon lange die Standard-Kompressionsrate. Bei so geringer Kompression ist aber selbst der veraltete MP3-Standard praktisch transparent, das heißt nicht vom Original zu unterscheiden. (Jedenfalls auf bezahlbarem Equipment.) Der große Vorteil von neueren Codecs wie zum Beispiel Ogg Vorbis oder eben AAC, nämlich bessere Audioqualität bei kleineren Files zu liefern, spielt deswegen kaum eine Rolle.

Und deswegen sind die ganzen Schlagzeilen vom Ende oder Tod des MP3-Formats in meinen Augen einfach nur Quatsch. MP3s werden uns noch lange erhalten bleiben. Obwohl es schöner wäre, wenn sich freie und vor allem verlustfreie Kompressionsverfahren wie ALAC oder flac durchsetzen würden. Das wird aber leider nicht passieren.

Woher die morbide Lust der Presse am vermeintlichen Tod des Formats kommt, weiß ich nicht. Vielleicht gehören viele (Technik-)Redakteure der audiophilen Zunft an und hoffen -wie ich- auf den tatsächlichen Tod der verlustbehafteten Kompressionsverfahren. Dennoch ist es irgendwie seltsam, dass nicht landauf landab betont wurde, dass MP3 jetzt praktisch ein freier Standard wird, der sich frei von Lizenzgebühren implementieren lässt, was ja eigentlich eine tolle Nachricht ist, oder?

Einen sehr interessanten Erklärungsansatz liefert Neunetz. Das Fraunhofer-Institut selbst habe diese Schlagzeilen befeuert, weil es die abgelaufenen Patente in der Pressemitteilung nicht erwähnt. Dort hätte man sich nicht zu einer positiven Formulierung durchringen können, die feiert, dass das Format jetzt “der Menschheit” gehöre und stattdessen lieber betont, dass MP3 veraltet sei und dass in Zukunft doch lieber das bessere AAC benutzt werden möge. (Für dessen Verwendung natürlich wieder Lizenzgebühren an das Institut fällig werden.)
Ich weiß nicht so recht, was ich von dieser Aussage halten soll, finde sie aber einen spannenden Ansatz. Mir persönlich gefällt aber die Erklärung besser, dass die Suche nach knackigen Headlines halt nicht unbedingt der Wahrheitsfindung dient.

Fazit

Unabhängig von der Artikelflut zum Thema, werden MP3 auch in Zukunft auf unseren Endgeräten laufen und unsere Musik-Sammlungen werden sich nicht zerstören. Ich würde dennoch mittelfristig zu einem Umstieg auf AAC oder noch besser flac raten. Es kann nie schaden, die höchstmögliche Klangqualität anzustreben.

Hier das Interview, das ich mit dem Fraunhofer-Institut geführt habe:

Interview mit dem Fraunhofer Institut

Die Fragen beantwortete uns Harald Popp, stellvertretender Bereichsleiter Audio und Medientechnologien beim Fraunhofer IIS und einer der mp3-Entwickler. Herzlichen Dank dafür.

In diversen Medien konnte man in den letzten Tagen Schlagzeilen lesen, in denen der Tod des MP3-Formats heraufbeschworen wird, weil die Technicolor-Lizenz ausläuft. Es sei, „das Ende einer deutschen Erfolgsgeschichte“ titelt beispielsweise das Magazin „t3n“. Was bedeutet das Auslaufen dieser Lizenz genau?

Die Patente von Technicolor und Fraunhofer, die Bestandteile des mp3-Lizenzprogramms unter der Administration von Technicolor waren, sind zum 23.4.2017 abgelaufen, und folgerichtig wurde das Lizenzprogramm jetzt beendet. Das Ende dieses Lizenzprogramms bedeutet tatsächlich nicht mehr und nicht weniger: die beiden Hauptentwickler des offenen ISO-Standards mp3 haben das Lizenzprogramm beendet, weil ihre in diesem Programm lizenzierten Patente abgelaufen sind.

Das heißt also gerade nicht, dass man nun plötzlich den offenen ISO-Standard mp3 nicht mehr nutzen dürfte. Es gibt im Gegenteil die Auflagen nicht mehr, die das Lizenzprogramm für die Nutzung der Patente bisher vorgesehen hatte (z.B. Gebühren für die elektronische Musikverteilung, also z.B. mp3-Streaming oder mp3 online sales).

Vor dem Umkehrschluss muss man sich allerdings auch hüten: das Ende des Lizenzprogramms bedeutet nicht, dass alle mp3-Produkte und -Werkzeuge jetzt generell “lizenzfrei” sind, weil es freilich über die o.g. Kernpatente hinaus möglicherweise noch andere Patente gibt, die bei einer spezifischen mp3-Implementierung Verwendung finden. Und die Frage der Urheberschaft (copyrights) gibt es bei Software natürlich ebenfalls. Hersteller von mp3-Produkten, die am mp3-Lizenzprogramm teilgenommen und dabei auch unsere Software lizenziert haben, sind über die neue Lage informiert und können ihre Produkte reibungslos weiterhin vermarkten. Andere Hersteller müssen – wie üblich – die geplante mp3-Nutzung für ihren Anwendungsfall natürlich individuell prüfen.

Was ändert sich für den Endnutzen, der -so wie ich- zigtausende MP3s auf der Festplatte hat? Wird sich daran in Zukunft etwas ändern, oder werden MP3s weiterhin auf praktisch allen Endgeräten funktionieren?

Für den Endnutzer ändert sich gar nichts. Die zig Milliarden von mp3-Dateien weltweit werden natürlich auch weiterhin abspielbar sein.

Wird es einen Nachfolger für das AAC-Format geben? Eventuell sogar mit verlustfreier Kompression?

mp3 ist das leistungsfähigste Format in der ersten Codec-Generation der ISO-MPEG-Standards gewesen.

Mit AAC ist eine Codec-Familie im ISO-MPEG-Standard eingeführt worden, also eine Reihe rückwärtskompatibler Generationen von immer leistungsfähigeren Codierverfahren AAC-LC, HE-AACv1, HE-AACv2, xHE-AAC (und mit Low-Delay-Varianten AAC-LD, AAC-ELDv1, AAC-ELDv2). So gesehen sind wir jetzt mit “MPEG-H 3D Audio LC Profile” (immersiver interaktiver individueller Sound für TV und VR) und “EVS” (Telefonieren in natürlicher Tonqualität) bei der 5. oder 6. Generation von Codierverfahren.

Verlustfreie Codierverfahren (sogar skalierbar hinsichtlich der Verluste, und AAC-kompatibel) haben wir freilich auch schon entwickelt und standardisiert (HD-AAC), aber bisher haben diese Formate praktisch keine Marktbedeutung erlangt.


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