Interview mit Clueso: “Man sagte mir, ich wäre auf dem Arbeitsmarkt klinisch tot.”

0

Zugegeben, die Musik von Clueso gehört nicht zu den Empfehlungen, die wir hier normalerweise geben. Dennoch konnte ich es mir nicht nehmen lassen, mich mit einem Menschen zu unterhalten, der schon 15 Jahre mehr als erfolgreich in Deutschland Musik macht. Clueso startet morgen eine fast ausverkaufte Tour, hier und da werden ihn Freunde wie zum Beispiel Chefket begleiten.
Sechs Soloalben, zwei EPs, drei Live-Alben, 25 Singles, fünf Mal Gold, zwei Mal Platin, über eine Million verkaufte Tonträger. Seine Karriere verläuft wie in einem Traum eines jeden jungen Künstlers, der es mal weit bringen will. Nur Clueso kann sagen, was ihm der Erfolg gebracht hat und was ein Neuanfang bedeuten kann, wenn einem alles zu viel wird.
Ich, für meinen Teil, wurde für meine Neugier belohnt: Heraus kam eines der tollsten Interviews, die ich je führen durfte:

“Das erste Mal in meinem Leben konnte ich nicht erklären warum”

Wir trafen Clüsen – so hat er sich auch bei uns vorgestellt – bereits ende Juli, also lange vor seinem “Neuanfang” Tourstart. Einen Festival-Auftritt hatte er bereits hinter sich und wirkte tiefenentspannt als er uns empfing. Wir sprachen über seinen letzten Auftritt und über zusätzliche Bläser in der Band, die er eigentlich nur für die Festivals vorgesehen hatte, aber sie jetzt mit auf  Tour nehmen möchte: „Wir müssen nur sehen, wie wir das machen. Können ja nicht einen zusätzlichen Nightliner buchen, nur weil drei Leute zusätzlich mitkommen.”

Clueso
Clueso und die Autorin Niloufar

Bist du es gewohnt, dass du allein die Ansagen machst?

Ich weiß nicht woher das kommt, aber ich weiß sofort, was ich will. Oder: Ich weiß sofort, was ich nicht will und was mir Hilft dahin zu kommen, wo ich hin will. Ich weiß: das nicht! Das nicht und das nicht! Das selektiert sich dann und das ist geil. Es muss sich ja dann auch finden in der Musik.

War es schon immer so? Bist ja jetzt fünfzehn Jahre dick im Business

Es war schon immer so, dass ich genau wusste, was mir nicht gefällt. Es gibt Phasen, in denen man herum sucht. Selbst da bilde ich mir ein, dass ich wusste, was ich will. Im Nachgang merke ich, dass ich es nicht gefunden habe. (Lacht)

 

Es ist ja erstaunlich; nicht jeder findet den Mut, so selbstsicher Dinge einzufordern. Musst du irgendetwas überwinden?

Ich hab den glücklichsten Umstand, dass das mit der Musik wirklich mein Ding war, ich es nur am Anfang nicht wußte. Zu Schulzeiten, als ich auffällig war und mich meine Eltern zum Gitarrenunterricht schickten, fand ich Etüden spielen ziemlich doof. Erst später, durch den Rap, bin ich ja zu Musik gekommen und da hab ich dann beim Produzieren gemerkt – ich produziere ja auch viel – dass mir das liegt. Wenn es über Lust geht, wenn man Dinge macht, die einem spaß machen, dann ist es auch egal, ob man im Hort einen Turm baut und alle ansteckt. Doof ist nur, wenn man dann mittendrin merkt: ‚ne! Das ist es vielleicht doch nicht’, und alle stehen da und denken sich ‚Spinnst du?!‘. Kann schon passieren.

Und wie kriegst du die Kurve?

Man ließt es mir von den Augen ab, dass das keine Marotte ist, keine Idee, um die anderen zu kränken. Ich kann das im besten Fall meistens immer erklären. Bei „Neuanfang“ war das erste Mal in meinem Leben, als ich nicht erklären konnte warum ich das jetzt mache.

“Neuanfang“ kam aus einer Krise heraus. Irgendwie warst du da wohl sehr ausgepowert.

Noch nicht mal so ausgepowert. Ich hab mich ein bisschen gefangen gefühlt auf Grund von dem Druck, es gut machen zu wollen. Für die Leute, die in der Struktur von meinem Tun betroffen waren. Ich hab ein eigenes Label, ich hatte ein Management. Angestellte mit einer hohen Identifikation mit der Marke, eine Band. Das kann dann auch sein, dass dies alles in Stress ausartete, der mir persönlich nicht gut tat und ich es nicht checkte – man muss unterscheiden; ich hab jetzt auch viel Stress, aber eher Eustress als Distress. Ich war müde und lustlos. Ich hab gemerkt, dass ich irgendwas ändern muss. Deswegen dachte ich, ich fange da an das zu tun, was ich gerne möchte. Dafür musste ich mich von dem ganzen Trott verabschieden.

Ist das der Preis, den du zahlen musstest, weil du eben alles selbst machen möchtest und du dann doch am Ende alleine da stehst und die Verantwortung alleine bei dir liegt?

Clueso: „Damit habe ich weniger ein Problem. Ich habe nicht gelernt, wie man Chef ist und es einfach ausprobiert und hatte kein System dafür. Da kann es sein, dass man viele Leute entfacht. Was ich jetzt mache, ist dass ich Situationen und Erwartungen von vornherein kläre. Es ist viel leichter bei Null anzufangen und über Erwartungen zu reden. Von hier hätte es auch die Möglichkeit gegeben wieder zu der alten Band zurück zu gehen, es gab keine ernsten Probleme, die es hätten verhindern können. Aber ich wollte eine neue Band. Und hier habe ich es gleich geklärt und es wie beim Theater gehandhabt. So wie wir jetzt spielen, werden wir nie wieder spielen. Danach ist Ende und ob man dann weiter macht, ist dann was ganz anders im Kopf, als das ‚für immer‘. Dann ist nämlich jedes Problem auch für immer und das macht es extrem locker gerade.

 

Hallo aus der Achterbahn

Aus dieser Geschichte ist ein komplettes Album entstanden. „Achterbahn“ ist eine Singleauskopplung (…)

Achterbahn ist eine Ansammlung von Tipps, die auf einem zu kommen, wenn man viel von sich preisgibt. Es sind so elterliche Tipps, die einem vor etwas beschützen wollen oder es ist eine große Sehnsucht wie ‘Du hast doch jetzt die Chance dazu, mach das doch mal!’. Das heißt nicht, dass die Tipps alle schlecht sind. Ich muss nur Autonomie zu mir selbst entwickeln, um herauszubekommen, was ich selbst will. Dafür steht der Song “Achterbahn”. Der ist eigentlich einfacher, als das was ich jetzt erklärt hab. Der ist so einfach rausgeflossen und hat auch eine einfache Sprache.  Es ist die Frage, worum geht es im Leben. Jetzt ist man ja in so einem Alter, in der man die Sterblichkeit auch versteht. Vorher gab nur Licht und nur losrennen. Es geht viel mehr um das eigene Seelenheil. Ich muss mehr das machen, worauf ich Lust habe. Ohne anderen damit zu schaden.

Es scheint die Geschichte der Generation Burn-Out zu sein: Sich unter Druck setzen, die Erwartungen erfüllen zu wollen, die selbst gesetzten Ziele verfolgen und dabei völlig über die eigenen Grenzen hinausschießen. Eigentlich wolle wir es anders machen, als unsere Eltern und im Angesicht unserer Vergänglichkeit, wollen wir alles bekommen und das innerhalb kürzester Zeit. 

Aber in dem Zerstörerischen liegt auch eine Faszination. Ich fand immer Jim Morrison cool. Es gab eine Zeit in meinem Leben, da hab ich viel geschrieben, um eine Sprache zu entwickeln. Ab und zu gesoffen, Nächte durchgemacht bis mein Hirn Mus war und ich fand es geil! Jim hat es auch geil gemacht, der ist zwar damit drauf gegangen und vielleicht gehe ich auch damit drauf, aber ich werde irgendwas erschaffen. Ich finde es natürlich viel geiler länger zu leben, als zu verglühen. Dennoch: besser verglüht, als gar nicht gelebt!

Unsere Eltern haben eben auf Sicherheiten gebaut, die sie nicht bekommen haben. Mein Vater hat für eine Firma und Chefs gearbeitet, die ihn fallen gelassen haben. Heute haben sich die Werte verschoben. Ein Auto ist lange kein Prestige mehr. Es wird genutzt. Es ist wichtiger eine geile Wohnung zu haben, oder geile Klamotten.

Es gibt so viele Lebensmodelle und da kann man auch im Labyrinth der Möglichkeiten verloren gehen. Wenn es mal bei dir stagniert, dann hast du die Möglichkeit drei deiner Freunde anzusehen, die irgendwo im Süden Achterbahn fahren. Du denkst dir nur, ‘und ich? was ist mit mir? Wann bekomme ich endlich ein Stück vom Kuchen ab?’.

 

Es können nicht alle springen

Mit den vielen Möglichkeiten, müssen wir auch bereit sein mehr scheitern zu können und uns eingestehen, dass wir nicht alles machen können

Ich war mal in L.A. und ich war sehr inspiriert, weil dort die Situation sich so potenziert – im schlechten auch – wie es hier passieren wird. In Hollywood haben die wenigsten ein Haus. Es gibt ganz viele Menschen, wie ein Teich mit vielen Fischen. Nur weil drei springen, sagen alle ‘guck mal, es geht doch!’. Es können aber nicht alle springen. Der Vorteil heutzutage ist, das man sein Werk rausgeben kann. Du machst ne Seite auf und sagst: hier ist es. Jeder kann es sehen. Wenn es gut genug ist, wird es irgendwie durchkommen.

Was würdest du Nachwuchskünstler, jungen Musikern, auf den Weg geben, die jetzt in dieser Zeit anfangen Musik zu machen? 

Ich lese gerade ein Buch “Denkfehler”. Da geht es in einer der ersten Geschichten darum, gedanklich über den Friedhof der gescheiterten zu gehen. Das hätte mich aber nicht aufgehalten, ehrlich gesagt. Klingt ja auch schon wieder wie so ein Eltern-Tipp. Statistisch gesehen ist es tatsächlich so, dass es die wenigsten schaffen. So wie ich es hier mache, dass ich Musik mache, davon leben kann und es auch von vielen gehört wird, ist das, was den wenigsten gelingt. Das darf man nicht vergessen. Wenn man also Fähigkeiten wie Videoschnitt habe und darin super gut bin, nebenbei Filme und Musik mache, wäre es vielleicht schlau, das eine nicht aufzugeben. Könnte sein, dass man irgendwann davon leben muss.

Also doch mal was anständiges lernen?

Ja genau. Ich hatte nix anständiges. Kein Abschluss und kein Handwerk. Ich hab Kunst aus Notwehr gemacht. Deshalb habe ich in Köln nie ein Job bekommen. Kein Führerschein, noch nie im Lager gearbeitet und Friseurlehre abgebrochen. Man sagte mir, ich wäre auf dem Arbeitsmarkt klinisch Tod.
Aber hey! Was ich ihnen wirklich mitgebe ist, dass objektive Freunde, die einem ehrlich sagen, wenn man daneben liegt. Es tut manchmal weh aber die sowas sagen wie: “Hasenkostüm auf der Bühne? Don’t do it!”

Der geilste Moment

Zum Schluss: Was wünschst du dir für deine Tour?

Es gibt einen Moment im Konzert, in dem alle vergessen, warum sie gekommen sind, ich eingeschlossen und der Personenkult außen vor steht. Das ist meist in der Mitte bei jedem Konzert und wenn ich das schaffe, dass alle loslassen und feiern, befreit sind. Es gibt diesen einen Moment, der ist fast wie Stille. Das ist der geilste Moment auf einem Konzert. Wenn ich diese Momente auf den Konzerten schaffe, dann hab ich es richtig gemacht.

 

Wir wünschen Clüsen eine tolle Tour mit vielen solchen einmaligen Momenten der Stille und Ekstase!


Flipboard
Folge uns auf Flipboard @Blogrebellen

HINTERLASSEN SIE EINE ANTWORT

Please enter your comment!
Please enter your name here