Was kam eigentlich zuerst? Die Liebe zu einem Kleidungsstück und dann der Blick auf die Marke oder das Schielen auf die Marke desselben und daraufhin die Liebe zum Kleidungsstück? Es mag sich hier um ein first world problem handeln, aber immer wieder fällt mir die Leidenschaft zu Markenklamotten in verschiedenen Jugendkulturen auf. Oft tritt diese in kontroverser Gepaartheit mit einer kapitalismuskritischen Grundeinstellung zu Tage. Diese Phänomen lässt sich zum Teil auch im deutschen Gangster-Rap wiederfinden, anhand dessen exemplarisch die gesellschaftliche Rolle von Markenkonsum dargestellt wird:

„nur noch Gucci“

Wie sollte man sich dem Modewahn auch entziehen in einer Szene, in der ganze Hooks lediglich davon handeln, „nur noch Gucci“ zu tragen oder darauf verwiesen wird, dass man „da wo ich wohne […] Carlo Colucci“ trägt … und man sich guten Gewissens ein LacosteMarkenlogo tätowiert. Diese Rapper leisten sich Edelmarken, verkörpern Reichtum und Ruhm und beeinflussen die Modetrends, bestimmen was angesagt ist im Influencer-Game.

Klar ist es geil, wenn Leute von „ganz unten“ sich nach „ganz oben“ rappen und plötzlich den Schnöseln mit ihren eigenen Erkennungszeichen vor der Nase herumtanzen. Sie eignen sich die modischen Kennziffern der rich and famous an. Und das spielt auch immer eine zentrale Rolle in den Texten.

„Werkzeug vom Teufel“

Verrückt ist das ja eigentlich schon: Man grenzt sich in vielen Fällen vom kapitalistischen System mit all seinen verlockenden Gütern ab, definiert sich aber gleichzeitig über diese. Haftbefehl erkennt im Song „Brudi namens Fuffi“ im Geld gar ein „Werkzeug vom Teufel“, berichtet anschließend über „Depressionen im Ghetto“, rechnet also mit einer Gesellschaft ab, in der keine „Menschliche(n) Werte zähl’n (…), sondern nur ob er glänzt, der Mercedes Benz“, mit dem er im nächsten Track dann „auf Chrom“ weiterrollt. Skippt man noch einen Song weiter, preist Hafti dann über fünf Minuten die eigene Klamottenmarke „Chabos“ an, mit der jetzt der Hahn als eigenes Statussymbol „internationalen Umsatz“ eintreibt. Das Tape gipfelt nachfolgend im Song „Hang the bankers“, wo jegliche Verantwortung im Umgang mit Geld an das internationale Finanzsystem abgegeben wird. Ganz schön paradox.

Die oben benannten Rapper haben gemein, dass sie sich den Zugang zum Warensystem als (Klein-)Kriminelle verschafft haben. Zumindest behaupten sie das. Die deutsche Gangsta-Rap-Landschaft ist zwar Spiegel einer Konsumgesellschaft, hat aber dennoch einen ganz anderen Ausgangspunkt als der neureiche Immobilienmakler. Darum ist die Selbstdarstellung in Geld und Ruhm nur die eine Seite. Gleichzeitig wird sich klar von den „Bonzen“ abgegrenzt, denn anders als sie hat man es nicht leicht gehabt.

MIAMI YACINE hat beste Leben
MIAMI YACINE hat beste Leben

von „ganz unten“

Die Wurzeln von „ganz unten“ lassen Rapper nicht los. Stets bemüht um authentisches Auftreten werden aber nebenbei die erwirtschafteten Waren in einer Extravaganz zur Schau gestellt, die mit einer ablehnenden Haltung gegenüber dem Kapitalismus, der oftmals angeprangert wird, nur schwer vereinbar ist. Vielmehr sind sie jetzt Teil von einem System, das nach Profit strebt und geben das auch offen und ehrlich zu, versuchen aber immer noch ihre Realness und ihren Straßenbezug beizubehalten.
Es stellt sich nun die Frage, ob jene denn nun pro oder contra abgehobenem Konsumverhalten sind. Vereinen sie gar Kritik an einer Gesellschaft, die oben und unten hervorbringt und gleichzeitig exklusiven Markenfetischismus? Ein Miami Yacine, „aus dem Ghetto in die Charts“, ist sichtlich erleichtert „nie wieder Pennymarkt“ besuchen zu müssen und sieht sich direkt nur noch im „Alpakafell à la Karl Lagerfeld“.

Andere verteufeln nach jahrelangen Erfolgen im Rap-Business all die unnützen, materiellen und oberflächlichen Besitztümer: So wirkt die Message von Sido und Savas „Verbrenn’ mein Geld, ich brauch’s nicht mehr. Dis alles kann ich gern entbehr’n“ zunächst vermessen. Denn nur wer es „nach oben“ geschafft hat, kann in seiner privilegierten Position ganz entspannt und auf Federn gebettet den Wert von Reichtum und Geld hinterfragen. In „jedes Wort ist Gold Wert“ steckt aber auch ein Umdenken, indem die Line „nicht meine Uhr, nicht mein Auto, definier’ mich nicht über meinen Besitz“ den Fokus wieder ganz auf den Wert des Raptextes an sich rückt. An die Kultur, an der jeder und jede teil haben kann, ohne teures Equipment, um von und für die Straße ein Sprachrohr zu sein, „denn Worte zeigen am besten, was du draufhast“.

Hier sind nur einige Beispiele genannt, die verdeutlichen, dass auch anklagende und kritische Gangsta-Rapper nur Teile in dem großen Schaulaufen um kapitalistische Waren sind. Es gibt kein richtiges Konsumieren im Kapitalismus. Also finden wir auch keine letztendlich befriedigende Antwort auf die Frage geben, inwiefern anders konsumiert werden sollte, das muss jeder selber für sich entscheiden. Warum sollten gerade diejenigen, die es geschafft haben, Abstand vom Konsumwahn nehmen? Und ist nicht vielmehr jeder
Schritt die bestehenden Verhältnisse anzuprangern zumindest einer in die richtige Richtung?



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2 KOMMENTARE

  1. Gut geschrieben – Dass Rapper nicht gerade bescheiden sind , liegt wohl in der Natur der Sache. Ist halt intressanter drüber zu rappen über was man hat, anstatt über die Dinge die man nicht hat. Ich habe den Sido und Savas Track noch nie aus der Perspektive betrachtet – Ist wohl deeper, als ich dachte 😀

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