Auf meiner letzten Reise nach Wien zeigte sich die Stadt von ihrer schönsten Seite. Ich war auf Anhieb verzückt. Sonne satt und ein Flair, den man tatsächlich nur aus dem Süden Europas kennt.

Der Grund meines Aufenthalts: Ich folgte einer Einladung des Waves Vienna Festivals. Hier sprach ich in einem Panel über die Rolle von Influencern im Bereich Musikmarketing. Mir war es ebenfalls wichtig, während des viertägigen Aufenthalts soviel wie möglich über die Musikszene in Wien/Österreich zu erfahren. Dabei habe ich mich gefragt, ob Wien allein durch die Lage, die heimliche kulturelle Drehscheibe Europas sein könnte. Um mich einer Antwort zu nähren sprach ich mit einigen Influencern *lach* vor Ort und ließ mich von den Menschen und Veranstaltungen inspirieren. Den Auftakt meiner Reihe über Wien – wieviele genau folgen werden, kann ich nicht abschätzen – macht das Interview mit einem Radiomoderator und Musikredakteur.

Am ersten Tag, direkt nach meiner Ankunft, hatte ich einen Termin mit einem guten Bekannten der Blogrebellen: Stefan Trischler aka Trishes. Er ist Musikredakteur und Moderator bei – wie wir finden – einem der wenigen vielfältigen Radiosendern im deutschsprachigen Raum: FM4.
Im Sonnenstrahlen gefüllten Kaffe des ORF sprachen wir etwas über das Radio, Musik und natürlich Wien:

Was macht FM4 so besonders?

Wir haben ein Musikprofil, welches sich vom Mainstream versucht abzuheben und das schaffen wir auch zum großen Teil auch. Tatsächlich ist es so, dass wenn ein Song dann in den großen Radios läuft, wir dann aufhören den bei uns zu spielen. Das ist der Anspruch den wir haben. Hinzu kommt, dass wir am Tag ein gemischtes Programm, angefangen von Indie-Rock, Pop, Elektronik, Hip-Hop bis hin zu Reggae usw. spielen. An den Abenden haben wir spezielle Strecken, die sich einem bestimmten Thema widmen, wie Donnerstags, an denen wir zwei Stunden die Hip-Hop-Show FM4 Tribe Vibes fahren.
Das ist eine Sendung, die mich schon als Teenager begleitet hat und ich bin sehr happy, dass ich jetzt ein Teil davon bin.

Stefan Trischler aka Trishes im Studio
Stefan Trischler aka Trishes im Studio

Du selbst bist ja als Wiener mit FM4 aufgewachsen und nun sogar ein Teil davon. Gibt es Künstler, die du während deiner Zeit beim Sender begleitet und hast wachsen sehen?

Ich tu mir immer schwer mit der Selbstbeweihräucherung. Als Radio machen wir da natürlich etwas. Wanda haben wir gespielt, sobald es einen Song gab. Bilderbuch spielten wir bevor sie ihren Durchbruch hatten und sie ihren speziellen Sound fanden. Um so begeisterter waren wir dann, als “Machine” von ihnen rauskam.
Sicher ist FM4 als ein ernstzunehmender Sender für viele Bands wichtig, um sich einen Namen zu machen. Allerdings ist die Rolle der Radios nicht so wie in den 90er, die wichtigste, da es mit den neuen Medien mehr Plattformen und Möglichkeiten für Musiker gibt, sich zu etablieren.

Und es ist ja auch beidseitig geworden. Viele Künstler sind ja Herr ihrer Marke und bestimmen mit welchem Medium sie sprechen wollen, oder über welche sie gespielt werden wollen. Das gilt für die, die größer sind aber auch der Nachwuchs hat mehr Auswahl, wer die eigene Geschichte erzählt.

Ja genau. Wir supporten auch schon sehr lange österreichische Künstlerinnen und Künstler über unsere eigene Internetplattform Soundpark, die ich auch schon sehr lange betreue. Musiker können hier Tracks in Form von mp3 hochladen, die wir uns dann anhören und entscheiden, ob da was für das Radio dabei ist. Bisher war immer wieder was dabei. Da haben wir auch immer wieder Künstler_innen und Bands entdeckt, die uns über klassische Medien und Agenturen nicht erreicht hätten. Die Plattform wurde 2001 gegründet.
Wir haben auch einmal in der Woche eine fünfstündige Sendung mit dem Namen Soundpark, in der nur die österreichische Musik im Vordergrund steht.

Die FM4 Redaktion und das Studio in der Mitte
Die FM4 Redaktion und das Studio in der Mitte

Ist das üblich das in Österreich so Radio gemacht wird? Das mit dem direkten Draht zu den unbekannteren Bands ohne Mittelsmänner, ist ja bei anderen Redaktionen Gang und Gebe.

Also diese Plattform ist schon einmalig in Österreich. Es gibt natürlich ein paar ähnliche Projekte in gesamt Europa, aber das ist hier schon unser Alleinstellungsmerkmal.

Irgendwie ziemlich romantisch, wie zu Beginn der Popkultur im Radio, als die Menschen ihre gepresste Vinyls und später Tapes einschickten und heute ist es eben die mp3 als direkte Leitung zu euch.
Mein Eindruck ist, dass das Radio mit der Zeit immer seelenloser wurde.

Viele Radios sind tatsächlich ziemlich durchproduziert. Als Newcomer oder wirklicher Einsteiger wird man eher selten gespielt.
Das ist bei FM4 eben wichtig, dass da auch Musik reinkommt, die wir erst einige Stunden vor der Sendung gehört haben, dann gehe ich kurzfristig zum Musikredakteur und spreche es mit ihm ab. Wenn es passt, dann geht es recht schnell und kommt schon am Nachmittag oder Abend auf Sendung.

Schaut man sich die Musikwirtschaft und Kultur an, so könnte man meinen, dass es offen und grenzenlos zugeht.
Wien ist eine multikulturelle Stadt. Zwischen Ost- und Westeuropa, in der Mitte von Nord- und Südeuropa gelegen. In urbanen Regionen merkt man die globale Verschmelzung viel mehr als in ländlichen Gegenden. Kannst du was zur politischen Stimmung in Wien in Relation zum übrigen Österreich sagen? 

In den südlicheren Regionen, an den Grenzen zu den Balkanländern herrscht, auch wegen der Geschichte, eher eine rechtskonservative Stimmung – aber in vielen anderen ländlichen Gegenden auch. Hier ist das anders: Ein viertel der österreichischen Bevölkerung lebt in Wien, sogar noch mehr, wenn man die angrenzenden Regionen mitzählt.
Wien hat den Ansatz einer Metropole. Aber auch die relativ entspannte Lebensqualität, die die Stadt in den Rankings, wenn es um Sicherheit und Work-Life-Balance und solchen Sachen geht, gut dastehen läßt.

On Air: FM4 Studio in Wien
On Air: FM4 Studio in Wien

Irgendwie haben es ja auch die Rechten in Europa verstanden die tiefsten und existenziellen Ängste der Menschen anzusprechen und damit Politik zu machen. 

Ja, und das Feindbild sind dann Menschen mit Migrationshintergrund. Was völlig aus der Luft gegriffen ist. Aber das ist auch eher eine Message die in Richtung von Menschen zielt, die wenig Kontakt mit anderen Kulturen haben.

Dabei ist meine Erfahrung mit meinem Kind an der Grundschule, dass eher die ‘Bernies’ und ‘Christophs’ Stunk machen, weil ihre Eltern die Erziehung irgendwie nicht hinbekommen haben.

Ich bin ja dafür, dass jeder zu seinem 18. Geburtstag einen Bahnticket geschenkt bekommt, mit dem er oder sie durch Europa reisen kann. Bei mir war es eben auch so, dass ich erst durch das Reisen einen Klick-Moment hatte und erfuhr was es heißt, in Europa zu leben. Das erweitert den Horizont und auch die Ängste gegenüber dem Unbekannten relativieren sich.

Vielen Dank Trishes für das tolle Gespräch!


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