#ListenToo

Hab eine Droge in ihren Champagner getan
Sie weiß es nicht
hab sie nachhause genommen und hatte Spaß
Sie weiß es nicht mal.
Rick Ross – “U.O.E.N.O.”

Wenn du schreist, muss ich deinen Körper näher ziehen
lass mich dich “sexen” baby
Mädchen du änderst besser nicht deine Meinung
“Nein” ist keine Option… Ich nehme, was mir gehört!
Chris Brown – “Biggest Fan”

Ich ertrage es nicht mehr.

Ich kann mich nicht mehr in einer Gesellschaft zu Hause fühlen, die, angesichts der MeeToo Debatte, so tut, als würde sie sich etwas darum scheren, dass Frauen und Männer gleichberechtigt sind.

Was uns die Reaktion auf MeeToo lehrt

Männer werden medial zu Recht geächtet, wenn sie Frauen verbal oder körperlich sexuell belästigen. Wenn sie Frauen zum Objekt machen, sie als Person schlecht machen. Der Blick bleibt dabei jedoch beschränkt auf viele, viele- zugegeben sehr viele!- individuelle Einzelfallschilderungen und das direkt anzuklagende Verhalten der männlichen Protagonisten. Aber: Wo bleibt im Bezug auf frauenverachtende Musik die mediale Entrüstung, wo auch nur eine entsprechende Beachtung des gesellschaftlichen Nährbodens, aus dem „das kroch“? Wo bleibt die Empörung und Grenzsetzung bei frauenfeindlichen Kulturprodukten, wenn wir Kulturprodukte stets als Ausdruck, Spiegelfläche, Verarbeitungs- ja vielleicht auch Sublimierungsstätte des archaisch Menschlichen sehen wollen?

Schön, dass in und durch MeeToo ein Bewusstsein für die Erniedrigung durch Sexualisierung geschaffen werden soll. Wo bleibt aber der Aufschrei, wenn- seit Jahren, Jahrzehnten- Songtexte völlig unbeeindruckt von vermeintlich existierenden gesellschaftlichen Konventionen (vom Grundgesetz ganz zu schweigen) in bunter Mischung frauenherabwürdigende, zu Gewalt, Hass, sexuellen Übergriffen ermunternde Inhalte transportieren?

Wo ist hier der dazu passende Hashtag? In welchen Foren kann ich mich austauschen, wenn ich verstört bin, weil solche Songtexte nicht mehr aus meinem Kopf gehen? Es gibt für diese Songs keine Altersbegrenzung. Wie soll man seinem Kind erklären, was es gerade im Radio hörte? Wo sind die Stimmen, die sich hierüber laut empören, die Grenzen aufzeigen? Nun, es sieht so aus, als wäre zumindest ich eine.

Ein blinder Fleck?

Musik hat den Menschen sei je begleitet. Ob eingebettet in Rituale oder als Ausdruck schäumender Lebenslust, im puritanischen eben so wie im sinnlich barocken Zeitalter.

Kunst und Kultur sind, so wie ich das verstand, verdichteter Zeitgeist. Was lässt sich dann über den unseren sagen?

Betrachtet man einerseits die einschlägigen musikalischen „Kultur- Machwerke“ unserer Zeit und andererseits die – ebenfalls medial vermittelten, ach so anspruchsvollen Zeitgeistdiagnosen der großen Journale nebeneinander, enttarnt sich, was einem sofort als Bigotterie ins Auge springt. Legt man dann noch Grundgesetz Artikel 1 …die Würde usw. daneben, die Verfassung, dann wird schnell deutlich, ja was…?

  • Ein blinder Fleck?
  • Ignoranz?
  • Orientierungslosigkeit?
  • Lupenreine Abwehrstrategien a la Freud im Sinne einer kollektiven
  • Verdrängungsleistung?

Codices, Tabus und Grenzen vs. künstlerische Freiheit

Die Beziehung zwischen Mann und Frau ist die Keimzelle der Gesellschaft und schon allein deshalb, noch ganz ohne ethische Prämissen, schätzens- und achtenswert. Ein respektvoller Umgang miteinander ist nicht nur wünschenswert, sondern maßgeblich für das Weiterbestehen unserer Kultur.

Eigentlich, so dachte ich, gelten in unserer Gesellschaft gewisse Codices, Tabus und Grenzen: Jeder würde dich schräg anschauen, wenn du bei der WG- Party versuchtest, mit Behindertenwitzen Stimmung zu machen oder die homosexuellen Nachbarn mit Sprüchen abzuwerten. Auch antisemitische Ausfälle und Rassismus verbieten sich schon per Staatsräson. Kaum zu glauben, dass es in der EU Regulierungen über die Krümmung und Länge von Gurken gibt, wenn es jedoch um das Verteidigen der Würde von Frauen in „pseudokulturellen“ Produktionen geht, d.h. die schlichte Beachtung des Artikel 1 GG geht, kaum jemand zur Tat schreitet. Oder es überhaupt auch nur ausreichend registriert oder thematisiert.

Es soll hier nicht um das Verbieten oder Eingrenzen kreativen Potenzials gehen. Natürlich: Musik ist Kunst. Kunst hat das Recht auf künstlerische Freiheit. Aber jede Freiheit findet ihre Grenzen an der Freiheit und Würde des anderen. Gerade in einer zivilisierten Gesellschaft. Wenn in einem Liedtext Minderheiten beschimpft, erniedrigt werden, bspw. Juden oder körperlich beeinträchtigte Menschen, so greift der Staat ein. Wenn aber Frauen, die Hälfte der Menschheit, beleidigt werden, ja sogar Straftaten an ihnen besungen und glorifiziert werden- wo bleibt denn da das Eingreifen des Staates?

Wo bleiben Restriktionen und Zensur?

Wie du in deinem Bett sitzt, halbnackt du Dreckstück
Ich wusste dass du so bist, und jeden Dreck fickst
Nur weil du eine Frau bist und man dir in den Bauch fickt
Heißt es nicht, dass ich dich nicht schlage bis du blau bist
Bushido – “Dreckstück”

Man stelle sich vor: statt über eine Frau, würde hier über einen Vertreter der oben genannten Minderheiten gerappt. Der Aufschrei wäre groß. Und zwar völlig berechtigt. Aber: sind Frauen weniger achtens- und schützenswert als andere Volksgruppen? Wie kommt es, dass wir zu so einem Song noch laut im Club mitgrölen, das Lied im Autoradio aufdrehen und die Straße beschallen?

Schon höre ich kritische Stimmen, die mir vorwerfen, ich würde hier Äpfel mit Birnen vergleichen. Aber nein: Ich vergleiche Mensch mit Mensch.

Fehlt uns das Bewusstsein?

Wieso ist das Herabwürdigen, Unterdrücken, Beleidigen und „Sexen“ von Frauen noch immer gesellschaftsfähig und wird in der Mitte unserer Gesellschaft entweder toleriert oder ignoriert? Es ist wahrlich verstörend, wie viele Frauen sich im Rahmen der MeToo Debatten zu Wort meldeten. In all den vielen Einzelgeschichten der betroffenen Opfer stand das Handeln einzelner männlicher Individuen am Pranger.

Wenn es um Musik geht, hören Tausende, ja Millionen von Menschen diese Lieder. Wie stark werden wir davon beeinflusst, wenn wir zu ihnen tanzen, sie mitsingen, sie repetitiv wie ein Mantra im Radio hören? Was macht das mit uns? Ist uns das überhaupt noch bewusst?

Vieles spricht dafür, dass wir jenseits unserer Ansprüche an eine moderne, aufgeklärte, emanzipierte Gesellschaft mit nicht reflektierten, archaischen, dunklen Bereichen eines kollektiven Unbewussten zu tun haben, mit Schattenseiten, alten patriarchalen, sexistischen, Macht- und Besitzansprüchen, die sich immer wieder Bahn brechen. Was sich in Jahrtausenden als patriarchale Gesellschaftsstruktur etablierte, wird nicht in 20 oder 50 Jahren einfach so auszuschalten sein – das wohl lehren die Ereignisse und die sexistischen Durchbrüche. Ja, und nun?

Es wird nicht möglich sein, eine ganze Gesellschaft „auf die Couch“ zu legen. Aber die konstante und hartnäckige Reflexion dieser Tendenzen in einem breiten gesellschaftlichen Diskurs ohne blinde Flecken und ohne Ausblendung wichtiger, wenn nicht zentraler Bereiche unserer Gesellschaft wie zum Beispiel der Kultur (die ja unser Spiegel sein soll), würde uns um Längen weiterbringen.

Spotify und iTunes legten nun vor, indem sie den Rapper MC Diguinho in Brasilien wegen frauenfeindlicher Texte aus ihren Playlists ausschlossen. Ob sie dies allerdings auch mit Pop-und Rap Giganten tun würden, die nun einmal die Haupteinnahme Quelle der Streaming-Anbieter sind, ist jedoch fraglich. Nein, es muss ein ganzheitliches Umdenken stattfinden, damit es gar nicht erst so weit kommen muss.

Artikelbild Quelle


Flipboard
Folge uns auf Flipboard @Blogrebellen

HINTERLASSEN SIE EINE ANTWORT

Please enter your comment!
Please enter your name here

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.