Foto: "DSCF0494" von fileccia (CC BY-NC 2.0)

Als wir vor dreizehn Jahren unser erstes Kind bekamen, wollten wir alles anders machen. Den rebellischen Geist tragen wir nicht nur seit der Gründung von den Blogrebellen mit uns.
Alles was wir bis dato erlebt hatten, wollten wir auch unseren Kindern mitgeben. Klar, machen alle Eltern irgendwie. Aber uns war es wichtiger mit vielen Konventionen zu brechen. Unser beider Lebenslauf allein war so sehr gespickt von gravierenden Erlebnissen, außerhalb dem, was in der Schule geboten wurde, dass wir uns einig darüber waren, dass sie so nah wie möglich am Leben heranwachsen sollen. Kein Bullshit und keine disziplinären Maßnahmen sollen dafür sorgen, dass sich Informationen in ihr Gehirn einprägen. Lernen soll Spaß machen. Schule soll ein Ort sein, an dem sie sich ausprobieren, scheitern und Erfolge feiern können. Ohne Vorurteile und ohne Druck.

Mit dieser Basis erziehen wir nun unsere zwei Jungs in einer Großstadt. Einer Stadt mit vielen Bezirken, die ihre Schulpolitik jeweils anders handhaben. Jeder Bezirk hat besonders beliebte Schulen und auch mindestens eine „Problemschule“.
Als wir auf der Suche nach einer passenden Schule waren, stießen wir immer wieder auf die selben Vorurteile selbe Meinung: Die Schule in unserem Einzugsgebiet sei eine Problemschule. Der Grund: Zu viele Kinder mit Migrationshintergrund. Dazu noch brutale Geschichten. Sogenannte Brennpunktschulen. Dass an solchen Schulen vermehrt Kinder mit Migrationshintergrund sind, haben viele Eltern zu einem Qualitätssiegel erklärt. Andere Länder, andere Sitten, quasi. Parallelgesellschaften, die sich nicht integrieren wollen. Waren doch die Probleme der berühmtesten Schule Berlins, die Rütli-Schule, das Machogehabe der arabischen Pubertierenden oder ihre Unfähigkeit, sich auf Deutsch respektvoll artikulieren und auch so handeln zu können.
Ein gefundenes Fressen für besorgte und verängstigte Eltern. Und die einfachste Antwort auf alles, was schief läuft und was sie ihre Kinder nicht zumuten wollen.
Keine Frage nach dem Einkommen und ob es diese Menschen eben auf Grund dieser Ressentiments schwerer haben, sich in der deutschen Gesellschaft zu behaupten. Ganz zu schweigen davon, dass Wohlstand und Armut vererbt werden.
Aber was genau zeichnet eine gute Schule aus?

Eine gute Gegend = eine gute Schule?

Ich zähle mich ebenfalls zu jenen Eltern, die (damals noch) in Kreuzberg bereit waren, ihr Kind aus seinem sozialen Umfeld herauszureißen, um es in einem anderen Kiez zur Schule zu chauffieren. Allerdings ging es mir hier mehr um das Lernsystem der erwählten Schule. Dass hier viele Kinder aus Akademikerfamilien stammten, sorgte allgemein natürlich für einen besseren Ruf der Schule. Hier gab es ein zwei Strängesystem; sogenannte „Montessori-Klassen“ und Ganztags-Klassen, die an den Hort auf dem Gelände angebunden waren. Die „Montessori-Klassen“ – dieser Begriff wurde irgendwann abgeschafft – sind Halbtagsklassen, die mit externen Schülerläden kooperierten und das Lernen mit Hilfsmitteln und Bewegung gestaltet wurden. Hier war die Durchmischung weniger vielfältig. Spitze Zungen sprachen von einer „Zweiklassengesellschaft“. War natürlich weniger dramatisch und letztendlich gab es auf beiden Seiten Vor- und Nachteile. Aber auch hier war die Herkunft der Kinder mehr oder weniger ein Qualitätssiegel.

Dann zog es uns in die ländliche, von Einfamilienhäuser geprägten Vorstadt. Wir wussten natürlich, dass uns hier eine konservativere Nachbarschaft erwartet. Dennoch gewann die Idee eines Mehrgenerationenhauses und das, was die Kinder, Großeltern und wir daraus ziehen können. Frische Luft, ein eigener Garten und die romantische Vorstellung, dass die Kinder den ganzen Tag draußen spielen.

Angekommen an der kleinen, ländlichen Grundschule fiel uns die fehlende, zunächst äußerliche, Vielfalt auf. Hier herrscht noch Frontalunterricht mit Blick auf ein modernes Smartboard. Ein Erzieher fragte mich bereits am ersten Tag, aus welchem Land ich käme und vermerkte, dass es an dieser Schule sehr wenige Kinder mit Migrationshintergund gäbe. Was soll ich sagen: Ein Traum für jeden der die Herkunft der Kinder als ein Qualitätssiegel sieht. Paradiesische Bedingungen für besorgte Helikoptereltern. Denn hier ist man unter sich und die Anderen auf der anderen Seite des Zauns.

Mangelnde Selbstreflexion – das Kind ist schuld!?

Hier spürte ich wieder wie es ist ‚anders‘ zu sein. Nicht einer Norm zu entsprechen und wie es ist, wenn Pädagogen eine ruhige Kugel schieben und Probleme eher am Kind und dessen Elternhaus sehen, als sich als Teil des Systems zu betrachten. „Lehrer werden die, die nicht belehrt werden wollen“. An dieser Schule mehr als nur ein Klischee.

Meine beiden Kinder vielen dadurch auf, dass sie ihren eigenen Kopf hatten. Der Große ‚diskutierte‘ etwas zu viel und der jüngere ‚verweigerte‘ Aufgaben. Wir sagen: Alles richtig gemacht! Denn Hausaufgaben und Lernen bestimmte den Alltag der Kinder. Freizeit war ein seltenes Gut und schon in der dritten Klasse hatten wir unseren jüngeren bei der Nachhilfe angemeldet, damit er bessere Noten schreibt. Seine erste Note, die er in seinem Leben in der Schule erhielt, war eine Sechs!
Die Lehrerin war der Meinung, dass sie ihm diese Note -in rot- unter den nichtangekündigten, ersten Test, den er in seinem Leben geschrieben hat, hinschreiben muss. Unsere Nachmittage verbrachten wir mit Hausaufgaben und Lernen für Arbeiten und Tests.
Die Lehrer hingegen waren davon Überzeugt, dass wenn das Kind in der Schule mitarbeitet, es nicht so viel zuhause machen müsse. Eine Behauptung, die ich auch schon in meiner Schulzeit zu hören bekam. Mich interessierte: Warum macht er nicht mit und was braucht er, um motivierter zu sein? Die Antwort der Lehrer hierzu war: mehr fordern, denn der Anspruch sei an der Schule wirklich nicht hoch, an anderen sei er viel höher.
Und da waren wir als Eltern komplett raus. Denn wir haben gesehen, wie unser Kind anfing sich schwach und überfordert zu fühlen, wie unserer Familie ein Lernsystem übergestülpt wurde, das nichts mit unserer Lebenswelt zu tun hatte.

Es ist nicht die Herkunft sondern die Lernstruktur

Um es auf den Punkt zu bringen: Wir haben nach drei Jahren an dieser Schule zu einer sogenannten „Brennpunktschule“ gewechselt. Beide Kinder besuchen eine sogenannte Gemeinschaftsschule, an der sie jahrgangsübergreifend lernen. Hier kommt es nicht auf das Geburtsjahr an, sondern auf den Entwicklungsstand der Kinder. Ein staatliches System, das sehr an die Montessoripädagogik angelehnt ist. Kinder werden als Baumeister ihres eigenen Selbst gesehen und für voll genommen. Egal wo sie her kommen. Sie definieren ihre eigenen Ziele und die Erwachsenen helfen ihnen dabei, sorgen für die entsprechenden Rahmenbedingungen. Hier werden keine Problemfälle gezüchtet oder aussortiert. Klar gibt es hier Konflikte, aber sie werden offen und lösungsorientiert mit allen Beteiligten auf gleicher Augenhöhe angegangen. Sozialpädagogen, Lehrer und Eltern arbeiten Hand in Hand.
Unserem jüngeren bringen wir nun bei, dass er sich bei Diktaten entspannen soll. Dass er keine Angst haben soll, vor einer Note. Wichtig ist, dass er es zunächst macht. Mehr nicht. Der Lernstand ist der selbe, wie an der alten Schule, nur definieren sich die Kinder und deren Eltern hier nicht über Zensuren. Hausaufgaben gibt es keine, wenn dann ist das eine große Ausnahme. Denn die Kids sollen Nachmittags zuhause ihre Freizeit haben und genießen. Hinzu kommt ein junges, engagiertes Kollegium. Viele möchten gleich nach ihrem Referendariat an dieser Schule bleiben, weil sie hier als Pädagogen und Lehrer etwas bewirken können und nicht nur auf ihren Ruhestand warten müssen.

Einen langen Weg sind wir gegangen um uns zuzugestehen, dass Kinder Kinder sind und es tatsächlich darauf ankommt, auf das eigene Kind zu hören und auf dessen Bedürfnisse einzugehen. Es ist wichtig eine Lernstruktur zu finden, in die man als gesamte Familie passt und dabei darf man keine Kompromisse eingehen. Den Schulwechsel nicht scheuen, wenn das Kind es sich ebenfalls vorstellen kann, an eine anderen Schule zu gehen.

Bei der Wahl der Schule spiet die soziale Herkunft der Schüler keine Rolle, denn das sagt nichts aber auch gar nichts über die Qualität einer Schule aus!


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