Das mulmige Gefühl blieb bis zum Parkhaus in Chemnitz. Rund fünf Stunden statt der erwarteten drei hat die Fahrt von Berlin in die sächsische Stadt gedauert, da die Autobahn bei Dresden wegen einem schweren Unfall zeitweise vollgesperrt war. Die alternative Route führte über eine Landstraße, tief durch die sächsische Pampa und durch winzige, aber größtenteils hübsche Dörfchen, auf deren Straßen kaum ein Mensch zu sehen war. Dieser Abschnitt der Fahrt durch eine teils trostlose bis wunderschöne Landschaft half beim runterkommen und regte zum Nachdenken an. Mit meinem Beifahrer Marco diskutierte ich, wie es in dieser Region überhaupt so weit kommen konnte, dass hier Menschen unverblümt Hass-Parolen schreien und andere, die nicht in ihr Weltbild passen, auf offener Straße jagen. Eine Antwort darauf haben wir nicht gefunden.

In Chemnitz angekommen löste sich das Unbehagen auf das, was uns in Chemnitz erwarten würde, schnell in Vorfreude auf. Eine Straßenecke weiter standen wir vor dem “Kopp”, der riesigen Karl-Marx-Statue, an dem exakt eine Woche zuvor Nazis und Rechtsradikale, gemischt mit besorgten Bürgern ihre Parolen schmetterten, Menschen durch die Straßen hetzten und verprügelten. Die Bilder und die Videos von diesem Abend schwirrten noch in meinem Kopf herum. Nicht an diesem Tag! An diesem Tag sah die Stadt ganz anders aus. So wie in Kreuzberg oder Friedrichshain an einem Freitagabend, wenn die Leute sich auf der Straße vermischten.

Der Karl-Marx-Kopp in Chemnitz (Foto: Peter Ohnacker © Blogrebellen)

Vor dem “Kopp” wurde vom Berliner Techno-Club “About Blank” eine kleine DJ-Stage aufgebaut. Auf der gegenüberliegenden Straßenseite vor dem Stadthallenpark gab es einige Informationsstände der lokalen Initiativen gegen Rechts, sowie eine Chillout Zone des Chemnitz Dub Collectives. Unser Ziel, die Bühne auf dem Platz vor der Johanniskirche, war nur ein paar hundert Meter weiter entfernt. Aus allen Richtungen strömten Menschen dort hin, Menschen jeden Alters, bunt und gut gelaunt.

“Grundgesetzt ist geil” #wirsindmehr Chemnitz (Foto: Peter Ohnacker © Blogrebellen)
#wirsindmehr Chemnitz (Foto: Peter Ohnacker © Blogrebellen)

Punkt 17 Uhr startete das Programm auf der Bühne mit herzergreifenden Ansprachen von Vertretern der lokalen Initiativen gegen Rechte Gewalt und Gesinnung. Zur Schweigeminute zu Ehren des bei einer Messerattacke in Chemnitz getöteten 35-Jährigen war es muxmäuschenstill Still. Ein ergreifender Moment.

“Seelenfänger schleichen um den Block und machen Geschäft mit der Hoffnung”

#wirsindmehr Chemnitz (Foto: Peter Ohnacker © Blogrebellen)

Als dann der gebürtige Chemnitzer Trettmann auf die Bühne kam wurde es plötzlich ziemlich eng. Das anfangs noch etwas verhaltene Publikum, das wie ich scheinbar erst noch die bedrückenden Tatsachen der Reden zuvor verarbeitete, war allerdings schnell abgeholt. Trettmann startete mit seinem Song “Grauer Beton”, der das Leben zur Wende im Osten der Republik thematisiert. Gänsehaut.

Trettmann #wirsindmehr Chemnitz (Foto: Peter Ohnacker © Blogrebellen)
Trettmann #wirsindmehr Chemnitz (Foto: Peter Ohnacker © Blogrebellen)
Trettmann #wirsindmehr Chemnitz (Foto: Peter Ohnacker © Blogrebellen)
Trettmann #wirsindmehr Chemnitz (Foto: Peter Ohnacker © Blogrebellen)

“Nazis raus – Alerta, Alerta Antifascista”

Immer wieder skandierten die Besucher lautstark “Nazis raus” und “Alerta, Alerta Antifascista” und das deutlich lauter, als Feine Sahne Fischfilet auf der Bühne standen. Die Punk-Band ist bekannt für ihre antifaschistische Message und engagierte Arbeit gegen Rechts. Sie gehen dort hin, wo es weh tut. In die kleinen Dörfer in Meck-Pom oder eben nach Sachsen und stellen sich dort auf, um gegen Nazis laut zu sein und die regionalen Aktivistinnen zu unterstützen. (Siehe auch unser Interview mit Feine Sahne Fischfilet)

#wirsindmehr Chemnitz (Foto: Peter Ohnacker © Blogrebellen)
Monchi von Feine Sahne Fischfilet und Marteria #wirsindmehr Chemnitz (Foto: Peter Ohnacker © Blogrebellen)
Monchi von Feine Sahne Fischfilet #wirsindmehr Chemnitz (Foto: Peter Ohnacker © Blogrebellen)
Herz für Feine Sahne Fischfilet #wirsindmehr Chemnitz (Foto: Peter Ohnacker © Blogrebellen)

Zu diesem Zeitpunkt wurde es so richtig rappelvoll vor der Bühne. Menschenmassen drängten sich mit Wucht weiter vor und rings um mich herum formten sich Moshpits. Trotz der plötzlichen Enge, eingezwängt zwischen den vielen tausend Menschen, hatte ich zu keinem Zeitpunkt das Gefühl, dass die Lage eskalieren könnte. Man war zwar nicht mehr Herr seiner Bewegungen, dafür war es viel zu voll, aber man ging trotzdem respektvoll miteinander um und – soweit möglich – auch nachsichtig. Zwischen den Songs ergriff Monchi, der Sänger der Band, immer wieder das Wort und fand die richtigen und wichtigen Worte.

#wirsindmehr Chemnitz (Foto: Peter Ohnacker © Blogrebellen)
Moshpit #wirsindmehr Chemnitz (Foto: Peter Ohnacker © Blogrebellen)
#wirsindmehr Chemnitz (Foto: Peter Ohnacker © Blogrebellen)

Nach dem Auftritt der Berliner Rapper von K.I.Z. wurde es mir dann doch zu eng an meinem Standort vor der Bühne und ich sehnte mich nach etwas Raum.

K.I.Z. #wirsindmehr Chemnitz (Foto: Peter Ohnacker © Blogrebellen)
K.I.Z. #wirsindmehr Chemnitz (Foto: Peter Ohnacker © Blogrebellen)
K.I.Z. #wirsindmehr Chemnitz (Foto: Peter Ohnacker © Blogrebellen)

Etwas Freiraum finad ich allerdings nicht so schnell, denn wie sich herausstellte, war das komplette Gelände soweit das Auge reichte gefüllt mit Menschen. Jede Möglichkeit einen Blick auf die Bühne zu erhaschen wurde genutzt. Die Leute saßen auf Bäumen, auf Dixi-Klos auf Bushaltestellen und standen auf den Dächern der umliegenden Parkhäuser.

#wirsindmehr Chemnitz (Foto: Peter Ohnacker © Blogrebellen)
#wirsindmehr Chemnitz (Foto: Peter Ohnacker © Blogrebellen)
#wirsindmehr Chemnitz (Foto: Peter Ohnacker © Blogrebellen)
#wirsindmehr Chemnitz (Foto: Peter Ohnacker © Blogrebellen)
#wirsindmehr Chemnitz (Foto: Peter Ohnacker © Blogrebellen)

Auf meinem Weg am Rand der Veranstaltung fiel mir unterdessen auf, wie viele Menschen jeden Alters dort waren. Von Oma und Opa, über junge Familien, die mit ihren Kindern dort waren und natürlich viele Junge. Auffällig war, dass eben nicht die “Linken” in der Mehrheit waren, sondern alle, die für die Demokratie, das Grundrecht und die Menschenrechte stehen. Wer gegen Nazis und Rassismus ist, ist nicht links, sondern verfügt über einen gesunden Menschenverstand. Für mich war das ein ergreifendes Erlebnis. Fernab von irgendwelchen konstruierten identitären, nationalistischen Parolen haben sich einfach Menschen versammelt, um zu zeigen, dass das Grundgesetz lebens- und liebenswert ist. Das “Wir” in #wirsindmehr kennt keine Fahnen, keine Hautfarbe und kein Geschlecht.

#wirsindmehr Chemnitz (Foto: Peter Ohnacker © Blogrebellen)
#wirsindmehr Chemnitz (Foto: Peter Ohnacker © Blogrebellen)
#wirsindmehr Chemnitz (Foto: Peter Ohnacker © Blogrebellen)
#wirsindmehr Chemnitz (Foto: Peter Ohnacker © Blogrebellen)
#wirsindmehr Chemnitz (Foto: Peter Ohnacker © Blogrebellen)
#wirsindmehr Chemnitz (Foto: Peter Ohnacker © Blogrebellen)
Marteria & Casper #wirsindmehr Chemnitz (Foto: Peter Ohnacker © Blogrebellen)
Kraftklub #wirsindmehr Chemnitz (Foto: Peter Ohnacker © Blogrebellen)
#wirsindmehr Chemnitz (Foto: Peter Ohnacker © Blogrebellen)
#wirsindmehr Chemnitz (Foto: Peter Ohnacker © Blogrebellen)
#wirsindmehr Chemnitz (Foto: Peter Ohnacker © Blogrebellen)
#wirsindmehr Chemnitz (Foto: Peter Ohnacker © Blogrebellen)

#wirsindmehr

Laut Medienberichten waren es rund 65.000 Menschen, die in Chemnitz lautstark gegen Rassismus demonstrierten und feierten. Viele davon weit angereist, aber natürlich auch Chemnitzer_innen, die die Stadt an diesem Tag von einer vermeintlichen braunen Hochburg, in eine bunte und vielfältige Ortschaft verwandelten.
Trotz des schönen Tags in Chemnitz mit freundlichen Menschen aller Nationen und Herkunft, die zeigten, dass anständige Menschen in der Mehrheit sind, bleibt bei mir eine innere Unzufriedenheit. Die Veranstaltung war ein voller Erfolg und ein mächtiges Zeichen. Doch wie wird es heute und in den kommenden Tagen in Chemnitz aussehen? Fakt ist, es war ein Anfang und er darf hier nicht enden. Nicht im Chemnitz und auch nicht auf den Dörfern in Brandenburg, Sachsen, Meck-Pom und auch nicht im Rest der Republik. Laut sein gegen Rassismus ist mehr als eine Veranstaltung zu besuchen, auf der tolle Künstler spielen. Wie wichtig das ist, hat unser Freund Floh von der Welle One Love, der sich tagtäglich gegen Rassisten stellt, so zusammengefasst:

65.000 ist eine ordentliche Anzahl Menschen, die sich gestern gegen Faschist*Innen ausgesprochen hat.

Jetzt wäre es schön, wenn ihr ab und an auch mit auf der Straße wärt, wenn es kein Konzert gibt, für das man sonst 70€ Eintritt bezahlen würde.
Der Kampf gegen Faschist*Innen muss jeden verschissenen Tag geführt werden und niemand schenkt euch dafür irgendwas.
Es wäre also sehr schön, wenn man in Käffern wie Meerane nicht zu Elft rumsteht, wenn das rassistische Kleinbürgertum seine Runden durch die Stadt zieht.
Aber da gibt’s halt kein Kraftklub. Da steh ich allenfalls rum und spiel bisschen Cumbia am Controller.
Also, jeden Tag Arsch hoch gegen Rechts, gerade dann, wenn keine Gegenleistung winkt.
Auf der Straße, in der Kneipe, auf der Arbeit, in den Kommentarspalten.

65.000 kann ein schöner Anfang sein. Oder es bleibt alles, wie es ist und wir haben einen weiteren Wohlfühl-Hashtag, von dem wir uns als Gesellschaft nix kaufen können. Es liegt an euch. Gemeinhin sind wir nämlich gar nicht mehr, sondern sehr oft viel zu Wenige.

(Explizit ausgenommen sind Menschen mit Sozialphobien, Agoraphobien, Paniker*Innen, Depressive Menschen, etc. -> für euch gilt nur der Teil mit der Kommentarspalten-Arbeit)

Mehr Fotos von #wirsindmehr – die schönsten und kreativsten Protest-Schilder.

#wirsindmehr Chemnitz (Foto: Peter Ohnacker © Blogrebellen)
#wirsindmehr Chemnitz (Foto: Peter Ohnacker © Blogrebellen)

#wirsindmehr Chemnitz (Foto: Peter Ohnacker © Blogrebellen)



Flipboard
Folge uns auf Flipboard @Blogrebellen

1 KOMMENTAR

HINTERLASSEN SIE EINE ANTWORT

Please enter your comment!
Please enter your name here

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden .