Es hört sich wie ein Alptraum an, was jüngst einem Mann in Münster geschehen ist. Kurz gesagt: alles, was der Mann im Sinn hatte, war jemanden zu finden, der ein Foto von ihm im Schnee machen sollte, weil er angeblich noch nie im Schnee stand.

Da er zuvor in einem gebrochenen Deutsch versuchte Passanten und auch Kinder anzusprechen, um eben jemanden zu finden, der ein Bild von ihm macht, wurde seine Absicht direkt voreingenommen verurteilt und stigmatisiert. Die Hetzjagd besorgter Eltern nahm seinen Lauf. Nun müssen sich die Eltern, die Selbstjustiz ergriffen und über die sozialen Medien alle anderen Eltern verrückt gemacht haben, mit Strafen rechnen.

Berlin Reinickendorf, Januar 2019

Anfang der Woche habe ich per WhatsApp eine Mitteilung einer Mutter aus der Klasse meines jüngsten Sohnes erhalten. Sie verwies auf diese Seite:

An alle Berliner/innen bitte Teilen???Passt schön auf eure Kinder auf! Aktuell besonders hier im Norden von Berlin!!!?Gleich zwei Schulen geben eine Warnung raus.

Gepostet von Aktiv gegen Kindesmissbrauch – Wegschauen geht nicht am Sonntag, 20. Januar 2019

In unserem Eltern-Gruppenchat habe ich Sie gebeten, diese Nachricht direkt an die Schule weiterzuleiten und nicht an alle Eltern. Natürlich wussten alle bereits bescheid, aber so ein offizieller Chat macht das Ganze eben offiziell.

Ob ich eine gute Mutter bin, weiß ich nicht. Das erste was ich dachte war nicht, dass meine Kinder in Gefahr sind, sondern, dass hier etwas nicht stimmt. Ich habe tiefstes, unerschüttertes Vertrauen in meine Kinder. Zudem bin ich noch nie von einzelnen Strukturen des Systems enttäuscht oder in Stich gelassen worden, was mich dazu bring, unserer Schule zu vertrauen. Wenn es also eine öffentliche Warnung seitens des LKAs geben solle, werden betroffene Schulen alarmiert und die Eltern müssen ihre Kinder persönlich von der Schule abholen. Das war hier nicht der Fall.

Also machte ich mich auf die Suche, um die Wahrheit zu finden. Warum und von wem wird eine solche Nachricht verbreitet und wieso reagieren hier Schulen zeitgleich mit dem scheinbar selben Schreiben darauf?

Um mir ein möglichst klares Bild von der Lage verschaffen zu können, habe ich mich an die Kollegen von Mimikama gewandt, die ebenso parallel Recherchen betreiben. Danke nochmal an die Kollegen in Wien!

Geschichten sind Geschichten und keine Wahrheiten

“Leicht dicklich, breites Gesicht mit Sommersprossen und Pickel. Sehr kurze rotblonde Haare.” Bei dieser Beschreibung schießt mir direkt Karlsson vom Dach vor dem geistigen Auge. Diese Beschreibung, die die Schulen hinaus in die Welt jagten war initiiert von Eltern, so meine Vermutung. Das Landeskriminalamt hatte sich natürlich auch dann eingeschaltet, als sie auf diesen Fall aufmerksam gemacht wurden. Angeblich ist dieses Schreiben, laut Aussage der Schule, gemeinsam mit dem Landeskriminalamt entstanden.
Bestätigen konnte mir das die Pressestelle der Berliner Polizei nicht. Die Polizei gibt prinzipiell keine Täterbeschreibung raus, wenn noch nichts nachvollziehbar bewiesen wurde. Somit haben die Schulen ein Täterbild gezeichnet, das eine bestimmte Gruppe Menschen stigmatisiert.

Da Menschen gerne den inneren Dämonen ein Gesicht geben, in diesem Fall die Angst der Eltern um ihre Kinder, verbreiten sich solche Geschichten wie ein Lauffeuer. Hinzu kommt noch der Stille-Post-Effekt. Es vermehren sich detaillierte Beschreibungen, die die Polizei nach dem Stand der Ermittlungen nicht bestätigt.

Das rät die Polizei Berlin:

Wovon wir dringend abraten, ist das ungeprüfte Teilen und Weiterleiten vermeintlicher Warnungen und Gerüchte auf Social Media Kanälen oder über Messenger. Es ist nicht zielführend, sondern trägt oft eher zu einer unbegründeten Verunsicherung aller bei.

Sprechen Sie mit Ihren Kindern, sprechen Sie mit Lehrerinnen und Lehrern, sprechen Sie mit uns. Ein vertrauensvoller Austausch trägt am besten dazu bei, dass es dem Kostbarsten in Ihrem Leben gut geht: Ihren Kindern.

Der Stand der Dinge

Laut Polizei wurde eine Anzeige erstattet und es laufen auch Ermittlungen. Nach dem vermeidlichen Täter wird allerdings nicht mehr ermittelt. Die Sache sei erledigt. Dies sagten mir sowohl alle Schulen, die das Schreiben verfasst haben, als auch die Polizei.
“Bitte schreiben sie darüber, damit die Eltern sich wieder beruhigen” so auch die Polizeisprecherin heute Morgen am Telefon. “Wir werden auch noch über Social Media uns dazu äußern, damit dem Lauffeuer etwas entgegen gesetzt wird.”

Kinder – sie sind für uns alle das Kostbarste. Wir lieben sie, schützen sie, sorgen uns um sie. Wir haben Angst um sie,…

Gepostet von Polizei Berlin am Mittwoch, 30. Januar 2019

Warum mach ich das?

Zunächst einmal hat mich die eingangs geschilderte Geschichte wirklich sehr traurig gestimmt. “Angst essen Seele auf”. Das ist hier nicht von der Hand zu weisen. Natürlich sorge ich mich um meine Kinder. Allerdings habe ich mehr Angst davor, dass sie im Straßenverkehr von einem Auto angefahren werden oder so schlimm beim Spielen stürzen, dass sie sich was brechen.

Während meiner Kindheit und Teenagerzeit auf dem Dorf erzählten wir uns Geschichten von einem Triebtäter, der Kinder ansprach und sie mit Süßigkeiten locken wollte. Gesehen und gefaßt wurde nie niemand. Was aber zu dieser Zeit immer geschah: Stigmatisierung von Menschen, die es eh bereits schwer in der Gesellschaft hatten. Die Aussenseiter, Aufgrund ihrer Herkunft oder Aussehens. All das spielte sich damals im Mikrokosmos unseres Dorfes ab.
Wer mich nun in diesem Kontext des victim blamings bezichtigt, dem kann ich nur sagen: die Welt ist nicht schwarz oder weiß. Wir sind in erster Linie Menschen, die ihre Welt durch Geschichten gestalten. Wir sollten nicht aufhören zu fragen, bis ein Urteil gesprochen wurde.

Wie gehts weiter?

Wir müssen natürlich nach wie vor unsere Kinder auf mögliche Gefahren im Alltag vorbereiten. Wir müssen uns aber auch in Zeiten von Social Media hingehend so weit bilden, dass wir von Nachrichten, die auf Facebook verbreitet werden von denen unterscheiden können, die von Medien und öffentlichen Stellen an uns herangetragen werden, die fundierte Recherchen betreiben oder befähigt sind eine Täterbeschreibung oder eine Warnung rauszugeben, was zunächst einmal nur die Polizei machen darf!

Alle beteiligten Schulen haben ihren Kompetenzbereich überschritten. Wie kann das sein, dass eine Schulleitung so sehr vor Eltern einknickt?

Keiner der Schulen war der Ausmaß ihrer Warnung bewußt. Nun laufen die Leitungen bei ihnen heiß, weil aus verschiedenen Bezirken aus Berlin angerufen wird, um sich Informationen einzuholen.

Das Thema “Quellen-Check” und “Fake News” sollte zum Schulfach werden. Auch für Eltern sollte es seitens der Schulen Angebote hierzu geben. (Eigenwerbung: Sie können mich gerne ansprechen, wenn Sie hierzu Unterstützung benötigen)

Wo Angst wütet besteht die Gefahr auf rechtes Gedankengut

Dass die AfD gerade mit der Angst der inneren Sicherheit spielt, dürfte uns nicht erst seit den letzten Wahlen bekannt sein.

“Polizeibehörden und auch professionelle Medien sind sich all dessen bewusst. Sie gehen im Normalfall in der Öffentlichkeit entsprechend vorsichtig mit Fotos, Namen und anderen Identitätsmerkmalen um. Auch die Polizei fahndet mitunter mit der Veröffentlichung von Fotos und Beschreibungen – allerdings nur in besonderen, geprüften Fällen, in denen das angemessen erscheint.” Schreibt der Spiegel in Bezug zum Fall aus Münster.

“Gerade in sozialen Netzwerken wird gegen diese Grundsätze hingegen täglich verstoßen: Facebook, WhatsApp und Co. sind aber keine rechtsfreien, sondern allenfalls das Recht ignorierende Räume.” So weiter im Artikel.

 




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