Am 8. März war der Internationale Frauen*tag oder auch Frauen*kampftag oder auch feministische Kampftag, je nachdem wie man ihn bezeichnen möchte um sich halbwegs damit wohlzufühlen, und ich war passenderweise in dieser Woche auf genau zwei Konzerten, die für uninformierte Außenstehende wahrscheinlich im Affekt das Prädikat „Mädchenmucke“ oder auch “Frauen-Rock” aufgepappt bekommen. Das ist für mich mittlerweile natürlich ein Gütesiegel, doch das war nicht immer so, und dazu kommen wir später. Seit Jahren knabbere ich immer wieder an einem Thema, das mich schon seit meiner Jugend schwer beschäftigt: Die chronische Unterschätzung und auch Deklassierung von Musik, die nicht cis-male oder white-cis-male-fronted ist. 

Melissa Etheridge spielt im vollgestopften Club, nicht im Stadion

Am Montag erfüllte ich mir einen Kindheits- und Jugendtraum und besuchte das Konzert von Melissa Etheridge im Capitol in Hannover. Etheridge feiert derzeit das 25jährige Jubiläum ihrer Platte “Yes I Am” und spielt aus diesem Anlass dankenswerterweise extra eine der Scheibe gewidmete Tour. Tags drauf ging es direkt weiter nach Köln zum Florence and the Machine-Gig, in eine ausverkaufte Arena, in der es – wenn man untertreiben möchte – zuging wie bei einer spirituellen Messe, nur dass kein Gott und keine Göttin angebetet wurde sondern aus unterschiedlichen aber auch sehr nachvollziehbaren Gründen eben Florence Welch.

Am Montag also waren wir anlässlich Melissa unter lauter Menschen, von denen wie zu erwarten nur sehr wenige Cis-Männer am Start waren (und wenn sie da waren, kamen sie zumeist auch als Hälfte eines Hetero-Paares, also vielleicht gar nicht mal so freiwillig). Während wir mit unseren Radler-Bechern im vollgestopften Capitol standen und versuchten, die hinter uns Schnaps trinkenden und grölenden Karnevalistinnen zu ignorieren um Etheridges Show genießen zu können, kam mir wieder ein Gedanke, den ich seit Jahren immer mal wieder habe wenn es um die Musik von Melissa geht: Die ewige Deklassierung ihrer Musik als “Lesben-Rock”, vor allem auch im deutschsprachigen Raum, obwohl Lesben-Rock aus ziemlich vielen Gründen eine ganz ausgezeichnete Sache ist, aber wenn jemand das Label auspackt ist es ja meistens nie wohlwollend gemeint.

“Like the Way I do”, auch wenn Dich so viele hassen, I`ll always love you!

Zudem stellte ich mir wie so oft zuvor die Frage, warum ein Track wie „Like The Way I Do“ bis heute so kriminell unterbewertet ist – auch, wenn er natürlich mal ein solider Kassenschlager war, von Menschen mit gutem Musikgeschmack durchaus auch geschätzt aber heutzutage zumeist in Schützenfestzelten oder auf meinen Geburtstagsfeiern oder bei Autofahrten mit guten Freund_innen abgespielt wird. Und so sah ich mir also Melissa an und dachte: Warum wirst Du nicht mindestens genauso gehyped wie Bruce Springsteen, wo Du es doch absolut verdienst, Schwester? Vermeintlich objektive Stimmen können nun denn dazu anmerken: Naja, die Zeiten in denen Melissa noch was reißen konnte sind ja nun eh schon laaangeee vorbei, und man muss doch sehen, sie tourt immer noch international, veröffentlicht Platten und hat eine stabile Fanbase, und dennoch nagt immer noch etwas in mir: Melissa, so wurde es mir seit den 1990er Jahren immer wieder gespiegelt, ist sozusagen der Arche-Typus der Rock-Musik spielenden Frauen, die verkannt werden, weil sie sich bestimmten Anforderungen entziehen. Weil sie nicht für den Male Gaze existieren. Weil sie zu homo sind. Weil sie jetzt, 2019, zusätzlich dazu auch noch in die Jahre gekommen sind. 

Und warum dachte ich, als ich versuchte im vollgestopften und was die Menge des Publikums betraf ziemlich überbucht erscheinenden Capitol nicht plattgerempelt zu werden oder aufgrund mir aufgezwungener Stehhampelei mein Bierglas möglichst nicht auf meinem T-Shirt zu leeren, spielt Melissa auf ihrer Deutschland-Tour eigentlich nicht in einem Stadion? Und mal wieder erinnerte ich mich bekümmert und feministisch peinlich-berührt an eine kurze und verwirrte Phase meiner Jugend, in der ich noch so viel Sexismus internalisiert hatte, dass ich zeitweise und traurigerweise dachte ich müsste aus Gründen der Coolness einige Exemplare meiner Plattensammlung entsorgen: Platten von Melissa Etheridge. Von Tracy Chapman. Von Alanis Morissette. Von Sheryl Crow. Von Natalie Merchant. Musik für die man gerne mal belächelt wurde (und auch heute noch wird), auch wenn hier und da in der Musikrezeption – auch der professionellen – wohlwollend auf die Künstlerinnen eingegangen wurde, das ist nicht von der Hand zu weisen. 

Ich war 13 oder 14 Jahre alt und die Werke der musizierenden Frauen, die ich damals so großartig fand, wurden ständig abgeschmackt deklassiert als mittelprächtiges, überbewertetes Zeug von wütenden Sängerinnen “mit message”. Ich erinnere mich auch an sehr peinsame Gespräche mit selbsternannten Musik-Experten vor gar nicht allzu vielen Jahren, die meine nahezu vollständige Sammlung von Tori Amos-Platten als schlimme Geschmacksverirrung bezeichneten, selbst jedoch ganz unironisch allerlei durchschnittlichen Dudebro-Mittelklasse-Rock verteidigten, inklusive Nickelback, und das ist – leider – kein Scherz (zumindest nur ein Einzelfall, aber ich hatte schon viele Gespräche mit Dude-Bro-Musikverehrern, die zwar Tom Waits für einen Gott halten aber Tori Amos für komplett überflüssig).

Im Patriarchat wird es niemals genderneutrale Geschmacksobjektivität geben

Und überhaupt, der Geschmack: Musikgeschmack wird ja immer wieder so als ambivalentes Topos gehandelt, etwas, dass zwar irgendwie individuell ist, aber natürlich auch kulturgesteuert, und zusätzlich aber auch als Fähigkeit, aufgrund irgendwelcher Fähigkeiten nahezu objektiv Gutes von weniger Gutem oder sogar Schlechtem zu unterscheiden. Und dazu sage ich nur: Im Patriarchat wird es niemals genderneutrale Geschmacksobjektivität geben.

Manchmal gehe ich auch meine Plattensammlung durch, und dann frage ich mich manchmal auch wo so manche Heldinnen meiner Jugend geblieben sind. Die großartige Heather Nova habe ich schon in nur halb-ausverkauften kleinen Hallen spielen sehen. Dionne Farris, die in den 90ern legendär war, so legendär, dass sie unter anderem auch von Tupac Shakur angebetet wurde und unfassbar großartige Hooks für die Band “Arrested Development” eingesungen hat, ist mittlerweile so in der Unbekanntheit versunken dass sie angefangen hat Nichtsnutzen wie mir bei Twitter zurückzufolgen, was zwar eine Ehre für mich ist, mir aber trotzdem einen Stich ins Herz versetzt.

Musik die nicht dem Male Gaze zuträglich ist: Schneller ein Ladenhüter als man Male Gaze blinzeln kann

Und auch heute ist es nicht immer besser: Julien Baker, die sich mittlerweile mit Phoebe Bridgers und Lucy Dacus zu boygenius zusammengetan hat, hat noch nach ihrem weltweiten Durchbruch in kleinen Kaschemmen gespielt – auch etwas, wo ich denke: WHY AREN´T YOU HUGE?

Aber zurück zu den verschollenden Heldinnen: Amanda Marshall, die ich bis heute auf eine nahezu religiöse Art verehre, fehlt mir jedes Jahr mindestens zehnmal, und ich frage mich ob es tatsächlich seit Jahren anhaltende Streit mit ihrer alten Plattenfirma ist, der sie daran hindert, neue Musik aufzunehmen, oder ob es auch daran liegen könnte dass sie oft auch keinen Bock mehr hatte im Bereich der Rockmusik als Schwarze Frau grundsätzlich – weil es das Genre-Stereotyp so mit sich brachte – immer wieder als weiße Sängerin gelesen zu werden was sie ab und an in Interviews beklagte. Sexismus gibt sich halt gern die Klinke mit Rassismus, und auch das Shamen von queeren Künstler*innen oder die Dämonisierung Schwarzer Künstlerinnen wie Beyoncé als Speerspitze des Kapitalismus gehören mit in dieses Game, oder auch die ständige Widersinnigkeit, Musiker*innen für zu viel Butchness oder auch Sexyness zu verurteilen. 

Das Musik-Business wird halt insgesamt anstrengend und auslaugend sein denke ich mir dann, wenn ich an alle Menschen denke die bewaffnet mit ihrem Arsenal an Tool-Platten über das Genre “Frauen-Musik” lachen (dass es ein eigenes Genre ist ist ja genau wie beim Label Frauen-Literatur auch schon ein Ärgernis), und natürlich hege ich selbstverständlich den Verdacht, dass sexistische Strukturen im Musik-Business alles noch mal anstrengender machen. Systematische Verkennung ist dabei ein Sympton, das nicht nur die betreffenden Musiker_innen disst, die außerhalb cis-männlicher Repräsentation operieren, sondern auch deren Fanbase treffen soll (also: “Leute, die keine Ahnung von Musik haben”). Und dann gibt es die Abende, wo ich mir ganz sentimental  zum Beispiel alte Heart-Videos ansehe und feststelle was für eine grandiose Sängerin Ann Wilson einfach immer schon gewesen ist, und dann frage ich mich, wie viele Menschen da draußen wahrscheinlich gar nicht wissen dass Ann Wilson mit eine der besten Rock-Sängerinnen aller Zeiten ist, und wie sehr es damit zusammenhängt dass Ann eine Sängerin ist, die jeden Anflug von Male Gaze komplett kaputtsingen könnte. 

Wie viele grandiose Talente haben wir in der Musik-Industrie wohl schon an toxic masculinity verloren, obschon es so viel besser wäre hätten wir noch mehr gute Musik auf diesem Planeten?, das frage ich mich manchmal. Und dann höre ich noch viel lieber meine ganzen als “Mädchenmucke” gelabelten Platten, und ich finde die ganze Welt sollte es tun. Und in eigener Sache: Wer heute damit anfangen will, kann direkt weiter spazieren zur Playlist, die wir anlässlich des Kampftages gestern bei der Mädchenmannschaft hochgeladen haben. An deren Spitze steht übrigens unserer bisheriger Lieblingsrelease des Jahres: EBOW mit “K4L”!

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Edit: Vinyldyke hat letzte Woche das Thema ebenfalls aufgegriffen, und erklärt in ihrem ganz ausgezeichneten Video, was problematisch an “Women in Music”-Speech ist, woher es kommt (“male mainstream music journalism”) und warum sie sich für den Namen “Vinyldyke” entschieden hat.




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