Foto: “Post Humains”, das Theaterstück des Autors und seiner Frau Dominique Leclerc.

Erst wenn alle Bürger einen Mikrochip implantiert haben, wird die Menschheit absolut frei leben können!

Ruhig Großer! Überschrift und erster Satz sind nur dazu da, um zu provozieren. Also erst einmal ein „Hallo“. Schön, dass du weiter liest.

Wenn du es bis hierhin geschafft hast, kommen jetzt die Fakten: Ich habe mir 2017 einen reiskorngroßen RFID Chip in die linke Hand implantieren lassen, im Dreieck zwischen Daumen und Zeigefinger. Eine kurze Prozedur: Schnitt, Spritze unter die Haut, Chip rein, Spritze raus. Keine 30 Sekunden und auch kein wirklicher Schmerz. Warum? Ich beschäftige mich seit einigen Jahren mit Cyborgs, Transhumanismus und Posthumanismus.

Zusammen mit meiner Frau Dominique Leclerc wollte ich wissen, wie es sich anfühlt, einen Chip in der Hand zu haben, mit dem man rein theoretisch bezahlen und sich ausweisen kann. Es ist dieselbe Technologie wie in einer Kreditkarte oder im Personalausweis. Der Chip an sich ist so lange auf Standby bis man ihn mit einem weiteren Gerät aktiviert, bzw. scannt. Erst in der Nähe von ungefähr einem Zentimeter kann er gelesen werden. Unser Modell hat eine Kapazität von 888 Bytes, also eigentlich nichts. Sein einzigartiger Nummerncode funktioniert wie ein Schlüssel, mit dem man Türen öffnen, Autos starten oder Computer entsperren könnte. Wir haben den Chip so programmiert, dass er bei einem Scan per Smartphone mit Hilfe der Near Field Communication (NFC) unsere Heiratsurkunden auf dem Display anzeigt, genauer gesagt wird der Link geöffnet, mit dem unsere Dokumente online zu finden sind. Dieser ist natürlich geheim. Das ist unsere Romantisierung der Digitalisierung.

Das ist ja schrecklich! Jetzt kann dich ja jeder verfolgen. Du machst dich zum Spielzeug der Mächtigen.

Wie ich mich nach ungefähr zwei Jahren damit fühle? Nicht anders als zuvor. Einzige Veränderung sind die Begegnungen mit Menschen, die nicht viel darüber wissen. Und dann spüre ich doch etwas in mir: Wut, und mittlerweile auch Verzweiflung! Denn oft begegnen mir Freunde und Fremde mit Vorurteilen, die natürlich, so ist das ja mit Vorurteilen, auf Unwissen basieren: „Das ist ja schrecklich! Jetzt kann dich ja jeder verfolgen. Du machst dich zum Spielzeug der Mächtigen. Sie wissen jetzt genau wo du bist und was du machst.“ Nein, tun sie nicht! Wie oben schon erwähnt, ist die NFC Technologie nur darauf abgerichtet, aus nächster Nähe zu funktionieren. Und nein, es ist kein GPS. An dieser Stelle die Antwort, die ich immer gebe: „Jeder Kommentar auf Facebook, Twitter, Instagram etc gibt mehr über dich Preis, als dieser kleine Chip, der nur eine Nummer ist. Jeder Klick, sagt mehr über dich aus. Jede Bewegung mit deinem Smartphone ist gefährlicher.“

Oft kommen sie mir dann mit erhobenen Zeigefinger und spulen die üblichen Thriller Fantasien durch: „Was aber ist, wenn jemand deinen Chip braucht, um eine Tür zu öffnen. Dann hackt der dir die Hand ab und zack!“ Für mich ist die Vorstellung, einen Chip implantiert zu haben, den man rein theoretisch mit einem einfachen kleinen Eingriff wieder entfernen kann, sympathischer als die Vorstellung, sich irgendwann mit Gesichtserkennung oder Fingerabdruck zu identifizieren. Denn bei genau dieser Anwendung denke ich eher an abgehackte Fingerkuppen oder entferne Augen.

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Natürlich ist das Implantieren keine Lösung, aber es ist eben auch nicht zu verteufeln. Denn im Grunde genommen ist es nur die logische Fortführung menschlicher Entwicklung. Dafür muss man kein Prophet sein, sondern sich nur einmal im Alltag umschauen: Technologie kommt dem Körper immer näher und bald wird sie eben auch in uns drin ihr Unwesen treiben. Das mag vielen Angst machen. Völlig normal! Absolut verständlich. Nachvollziehbar. Aber ich kann euch beruhigen: Das war schon immer so. Als die Druckschrift erfunden wurde, fürchteten sprachgewandte Redner übrigens den Untergang des menschlichen Intellekts, weil man ja nicht mehr sich auf sein Gehirn verlassen musste, sondern alles nachlesen konnte. Und heute gilt Lesen als „schlau“. Es gibt unzählige solcher Beispiele neuer Entwicklungen in den vergangenen Jahrhunderten.

Ich kann auch nicht vorhersagen, wohin genau der Weg führen wird. Ich weiß nur: Zurück gehen in die Zeiten davor werden wir niemals. Kontraproduktiv wäre es also jetzt, nicht über die neuen Entwicklungen zu reden und die Entscheidungen über unsere Zukunft einzig und allein den Musks und Bezos’ dieser Welt zu überlassen.

Also: Implantiert euch!

…und fangt an, über eure Zukunft zu sprechen, bevor es (mal wieder) zu spät ist!

 


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