Letztes Wochenende war ich im Rahmen des Schredderfestivals auf einer Veranstaltung der Hildesheimer Flöckchen: Das kleine Fest – Oststadt feiern. Im Rahmen dieser Veranstaltung kam es mehrfach zu rassistischen Sprüchen des Sängers Der Capt’n, die ich an dieser Stelle nicht wiederholen möchte. Ich würde lieber darauf verzichten seinen Namen zu nennen. Tut mir den Gefallen und googelt ihn nicht, folgt nicht seinen Seiten etc. Ich nenne seinen Namen, damit BIPoC (Black/Indigenous People of Color), die diesen Text lesen, Bescheid wissen und sich nicht auf seine Publikumsinteraktionen einlassen, im besten Fall gehen und etwas schönes unternehmen!

Das Problem war nicht nur Der Capt’n

Verschiedene Besuchende der Veranstaltung haben sich an mich gewandt und mir klar gemacht, dass sie diese Sprüche nicht lustig fanden. Dass sich damit an mich gewandt wird finde ich spannend, da ich wirklich nur als Gast auf diesem Fest war. Was soll ich mit diesen weißen Erkenntnissen anfangen? Etwa sehen, dass die Personen begreifen, dass es dabei um mich geht? Ja das stimmt, aber es geht auch um die Personen, die von diesen Aussagen nicht geothert oder rassifiziert werden, sondern von dem System profitieren, in dem sie als die vermeintlich unmarkierte Norm existieren.

Als Der Capt’n Publikumsmitglieder für seine Darbietung des Songs Sansibar rekrutieren wollte, um ein fiktives Schiff zu rudern, bezeichnete er diese mehrmals als “Rudersklaven” und bemerkte, dass auch er sich nicht zu schade sei ein “Rudersklave” zu sein.

Ich möchte an dieser Stelle meine Zeit nicht damit verbringen zu erklären, was an diesen “Gags” so problematisch ist, sondern erklären wie ich die Situation wahrgenommen habe und was sie mit mir gemacht hat. Mehrere weiße Besuchende des kleinen Fests – darunter auch viele Personen, die ich als meine Freund_innen bezeichnen würde, einige, mit denen ich noch nie ein Wort gewechselt habe – drehten sich zu mir und anderen BIPoC und warfen uns wehleidige Blicke zu.

Ich bin wütend

Ich sage es hier einmal klipp und klar, weil ich keine Lust auf eine Unterhaltung mit jeder Person habe, die an dem Tag anwesend war: Eure Blicke, euer Mitgefühl, eure “Awareness” für den Schmerz in dieser Situation haben uns nichts gebracht. Ich bin wütend auf jede Person, die in diesem Moment nicht eingeschritten ist und in stiller Kompliz_innenschaft diesem Rassismus eine Bühne gegeben hat. Wenn auf einer Kulturveranstaltung Rassismus reproduziert wird und keine Person einschreitet, dann fühle ich mich auf dieser Veranstaltung nicht sicher. Dann muss ich die Situation verlassen, um das Trauma, das Rassismus mit sich bringt, auf ein Minimum zu begrenzen. Das habe ich dann auch getan.

Ich bin selber Kulturschaffende, ich weiß um die vielen Fragen, die weiße Kulturschaffende an mich haben, wie sie ihr Publikum diversifizieren können oder, um es mit Sara Ahmeds Worten zu sagen, die Wahrnehmungen ihrer Institutionen als weniger weiß erreichen. Ich mache Kunst, ich arbeite nicht im Kulturmarketing, eigentlich weiß ich nichts über Publikumszusammenstellungen, außer dass sie sehr weiß sind. Ich wurde auch selten – nie fair – dafür bezahlt, dieses vermeintliche Wissen, das ich habe zu teilen. Es handelt sich in diesen Fällen selten um strukturelle Veränderungen, sondern um PR Stunts. Das ist der Grund, weshalb ich ungern auf Fotos von Veranstaltungen auftauche, die übermäßig weiß besucht sind. Mir ist bewusst, wie leicht sich meine Anwesenheit instrumentalisieren lässt, diese Veranstaltungen dann als “divers besucht” zu verkaufen, auch wenn meine Anwesenheit eigentlich hervorhebt, wie weiß diese Veranstaltung eigentlich ist. Die Tatsache, dass ich bemerkt werde, erzählt mehr darüber, wer schon da ist, als wer dazustößt.

Diversität bedeutet Verantwortung übernehmen

Diverses Publikum zu wollen, aber dann nicht die Verantwortung für die Anwesenden BIPoC zu übernehmen ist genauso rassistisch, wie diese BIPoC gar nicht erst auf die Veranstaltungen einzuladen. Denn Ausschlüsse vollziehen sich auch implizit, über Schweigen, Mitklatschen, oder wehmütige Blicke an die wenigen BIPoCs, die vor Ort sind, wenn rassistische Sprüche auf der Bühne fallen.

In meiner künstlerischen und akademischen Arbeit muss ich mich immer wieder dafür rechtfertigen, wenn ich Counter Spaces einfordere, in denen weiße nicht erwünscht sind, obgleich sie z.B. finanziell an der Entstehung dieser Spaces beteiligt sind. Diese Veranstaltung hat mir nochmal schmerzhaft gezeigt, weshalb ich diese Räume immer und immer wieder einfordern darf: Weil egal wie viele Freund_innen von mir vor Ort sind, ich stehe alleine als Schwarze Person da. Die sogenannte Allyship, die da praktiziert wird, geht nicht über wehleidige Blicke hinaus, der Rassismus dreht sich um mich, weniger um die Personen, die das soziale Kapital hätten, ihn zu unterbinden, zu thematisieren und diese Chance – aus welchen Gründen auch immer – versäumen. Ich habe still die Veranstaltung verlassen und jetzt schon mehr unangenehme und zeitfressende Unterhaltungen geführt, als ich möchte. Es ist nicht so, dass ich nicht gerne eingeschritten wäre; einer weißen Person, die nicht aufhören wollte, mit mir darüber zu reden, wie schrecklich das sei, habe ich ganz konkret gesagt: “Nimm ihm doch das Mikro weg!”, sie saß weiter rum und laberte mich voll. Hätte ich eingegriffen, wäre ich mit den darauf folgenden Unterhaltungen wahrscheinlich noch sehr lange beschäftigt, ich bin stillschweigend gegangen und denke, dass selbst diese Handlungen einige Unterhaltungen mit sich bringen wird. Unter anderem verfasse ich deswegen diesen Text: Es geht zwar Zeit drauf, die ich lieber in Aufräumen, Kochen, Wäsche waschen, Lohnarbeit, mein Studium oder eine saftige Meditation stecken würde, aber ich glaube alles in Allem komme ich dabei mit mehr Zeit und größerer Effizienz raus, als wenn ich diese Unterhaltung mit jeder Person führe, die anwesend war. Die Veranstaltenden sind auf mich zugekommen und haben mich diese oder nächste Woche um ein Treffen gebeten, womit sich wieder einmal der Fokus auf mich richtet und nicht diejenigen, die in stillem Einverständnis anwesend waren oder womöglich mitgerudert haben.

Dear white People, diese Zeit ist euer Privileg

Dass ihr untätig herumsitzen könnt und danach vielleicht nicht mehr darüber nachdenken müsst ist euer Privileg, dass ihr diese Wut auf alle Anwesenden auf einer Veranstaltung, inklusive eurer eigenen Freund_innen nicht spürt, das ist euer Privileg, dass ihr nicht aus Achtung vor euch selbst gehen müsst, ist euer Privileg. Und ihr haltet an diesen Privilegien fest, als wäre es die Behauptung, dass Salz und Pfeffer einem Gericht ausreichend Würze verleihen. Ich lebe ohne diese Privilegien und ich halte es ja auch irgendwie im Leben aus (dafür hat leider noch keine Person geklatscht); Ich meistere meinen Alltag, mein Studium, mein Sozialleben, meine Lohnarbeit und ich ertrage eure wehleidigen Gesichter auf Veranstaltungen, auf denen ich mich unsicher fühle.

Wie soll es jetzt weitergehen? Ich erwarte von euch, dass euer rassismuskritisches Engagement nicht an den Grenzen eurer Bequemlichkeit und nicht dort, wo ihr es nicht in eure Lebensläufe schreiben könnt, endet. Teilt lieber nie wieder einen spannenden Artikel, brüstet euch nicht damit bestimmte Bücher zu lesen oder BIPoC in eurem Freund_innenkreis zu haben, als dass ihr auf solchen Veranstaltungen schweigend herumsitzt und den Status Quo erhaltet. Liked nicht “die Vielen” oder tanzt schlecht zu Hip Hop, macht keine Witze über Kartoffel “Kultur”, wenn ihr dann die kartoffeligste aller Kartoffelhandlungen vollzieht: Schweigend zusehen.

Ich habe Mitgefühl für eure Untätigkeit

Ich kann mir schon denken, dass ihr euch verletzt oder bloßgestellt fühlt oder ein schlechtes Gewissen habt, wenn mir das nicht bewusst gewesen wäre, wäre dieser Text schon viel früher und weniger entschärft online gewesen. Das macht auch was mit mir, das ist ja das schlimme: Ich habe Mitgefühl für eure Untätigkeit, aber ich ordne sie auch ganz klar als hegemoniefördernd ein und fordere für das Gefühl von Unsicherheit und Ausschluss, das dabei bei mir und anderen BIPoC vor Ort entstanden ist, mindestens das gleiche Mitgefühl.

Diese Woche geht die Uni wieder los und wir werden mit euch in Seminaren sitzen und nicht wissen, was passiert, wenn Lehrende oder Mitstudierende Rassismus reproduzieren. Wir werden uns alleingelassen fühlen, an einem Ort, von dem wir ohnehin schon systematisch ausgeschlossen werden, in unserer Vereinzelung jedoch als Beispiel für “gelungene Diversity” herhalten sollen. Vielleicht müssen wir den Raum verlassen, gar ganze Seminare, um auf uns aufzupassen, während ihr sitzen bleiben könnt, ohne euer psychisches Wohl zu gefährden. Also gönnt uns eine Pause und schreitet das nächste Mal ein, egal wie scheiße es für euch ist, für uns wird es definitiv schlimmere Konsequenzen haben. Wenn ihr das bisher verpasst habt, dann überlegt euch, wo ihr Privilegien aufgeben könnt, um slowly daran zu arbeiten, dass BIPoC es ein kleines bisschen leichter im Leben haben. Und das sind nicht immer die glamourösen prestigeträchtigen Aufgaben, manchmal heißt es auch einfach einem Eklon in Lederhose das Mikro aus der Hand zu reißen.

Weiterführende Literatur:
Ahmed, Sara. On being included: racism and diversity in institutional life. Durham?; London: Duke University Press, 2012.
Sequeira, Dileta Fernandes. Gefangen in der Gesellschaft-Alltagsrassismus in Deutschland: rassismuskritisches Denken und Handeln in der Psychologie. Marburg: Tectum, 2015.
Solorzano, Daniel.“Critical Race Theory, Racial Microaggressions, and Campus Racial Climate: The Experiences of African American College Students”. The Journal of Negro Education 69, Nr. 1/2 (Winter – Spring 2000): 60–73.


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3 KOMMENTARE

  1. Leider weitgehend unkonkret.
    Den einzigen konkreten Kritikpunkt erkenne ich in dem Ausdruck “Rudersklave”.
    Auch wenn “Sklave” drin vorkommt, waren die Ruderer weder Sklaven im rechtlichen Sinne, noch tatsächlich gezwungene Schwarzafrikaner.
    Die Galeerenstrafe war eine (unmenschliche) Strafe für ein Verbrechen der europäischen Mächte an ihren eigenen weißen Untertanen.

    https://de.m.wikipedia.org/wiki/Galeerenstrafe

    Rassismus kann ich daher in diesem Fall nicht erkennen.
    Sollte ich historisch falsch liegen, bitte korrigiert mich.

    Liebe Grüße!

  2. Das habe ich.

    Ich verstehe anhand des Textes leider nicht, was konkret vorgefallen ist, noch was nun der Aufreger daran ist.

    Ich will den Sachverhalt weder kleinreden noch beschwichtigen, sondern verstehen.

    Der Text ist leider mehr Empörung als nachvollziehbare Kritik.

    Bitte erkläre es mir!

    Schöne Osterfeiertage!

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