Schaut man sich die DJ Szene in meiner Heimat Frankfurt am Main an, fällt einem schnell die fehlende Diversität auf. Es handelt sich überwiegend um junge Männer, die entweder Techno oder Hip- Hop auflegen. Dass das nicht sein muss und Innovation erfolgsbringend wirken kann, zeigt DJ Moa Belén. Wenn man diese Dame in den Lineups der Frankfurter und mittlerweile auch Londoner Clubs sieht, kann man mit positiven, ausgelassenen Vibes rechnen. Belén bedient nämlich tatsächlich gleich zwei Nischen: Female DJ und frischer Afrohouse und Trap. Sie ist unter Szene-Coneisseuren als starke Frau bekannt, die sich nie hinter Männern verstecken muss.
Belén möchte Frauen ermutigen sich stark zu machen, weil die Musikindustrie noch immer von Männer dominiert wird. Sie will die Zukunft mitgestalten.

Wir haben ihr daher im Zuge der Female Festival Task Force-Reihe einige Fragen zu ihrer Arbeit als Female DJ gestellt.

Wie hast du das Genre für dich entdeckt?

Musikalisch habe ich definitiv eine kleine Reise hinter mir. Ich habe schon immer verschiedene Genre gehört. Als ich mit 21 (ich weiß, das ist verhältnismäßig spät) begonnen habe, feiern zu gehen, bin ich dann ebenfalls auf die verschiedensten Partys gegangen. Egal ob Tanzhaus, Gibson oder Dough House. Und ich habe mich überall relativ wohl gefühlt. Ich gehe in der Regel alleine feiern und trinke keinen Alkohol und ich bleibe, bis das letzte Lied gespielt wird. Feiern gehen bedeutet für mich tatsächlich noch tanzen gehen. Doch obwohl ich mich überall einfügen konnte und gute Abende hatte, kannte ich die Musik, die gespielt wurde. Speziell auf Hip-Hop Partys langweilte ich mich bald. Ich wollte tanzen – nicht posen.
Und dann spielte ein DJ plötzlich Wizkid. Dann Mr Eazi. Dann Tekno. Und ich war verliebt. Afrobeats waren vor 2-3 Jahren in Frankfurt noch sehr unpopulär und man konnte nur vereinzelt die kommerziellen Hits aus Nigeria und Ghana in die Hip Hop Sets einbauen. Aber der Sound war einzigartig und ich genoss die Abwechslung sehr. Vor allem aber genoss ich, wie die Leute auf die Musik reagierten. Die Stimmung änderte sich. Von aggressiv zu befreit, von Ego zu „lass zusammen tanzen“. Und ich hatte das Gefühl, dass der Sound etwas tief in mir bewegte.

Ich habe meine ersten Lebensjahre in Spanien verbracht und meine Eltern haben viel Folklore und lateinamerikanische Musik gehört. Manchmal glaube ich, dass ich mich unterbewusst daher zu bestimmten Rhythmen und Sounds hingezogen fühle und mit ihnen ein warmes Gefühl von Zuhause verbinde. Afrobeats war neu. Und doch hatte es so viele vertraute Elemente. So begann die Reise. Heute spiele ich mehr als Wizkid und Mr Eazi.
Ich habe über den Lauf der Zeit auch Futuresound, Afroswing und Kuduro, aber ganz besonders afrikanischen und lateinamerikanischen House lieben gelernt. Letzteren vor allem weil er zwei essentielle Aspekte guter Musik für mich vereint. Spiritualität und den Drang, sich dazu einfach bewegen zu müssen.
Die Fusion aus traditionellen Instrumenten, elektronischen Beats und Gesang stellt für mich die perfekte Kombination dar.
Wie gesagt, ich wollte noch nie posen. Ich will, dass wir tanzen.

 

Musstest du dir von Kollegen*innen Sprüche gefallen lassen?

Von Kollegen selbst habe ich mir bisher nicht wirklich was anhören müssen. Klar, manchmal meint schon der ein oder andere, es besser zu wissen, aber ich lerne nie aus und versuche aus allem etwas für mich rauszuziehen.

Außerdem darf man nicht vergessen, dass die Musikindustrie doch recht oberflächlich und an manchen Stellen sehr Fake ist. In der Regel, wird da eher hinter deinem Rücken geredet, anstatt dass Dir jemand mal seine Meinung ehrlich ins Gesicht sagt.

Mein Tipp: Hör auf dein Bauchgefühl, wenn es um Zusammenarbeiten geht, und nimm dekonstruktive Kritik nicht persönlich!

Wie wird es von der AFRO-Community aufgefasst, dass du als weiße Frau diese Sets spielst ?

Sehr unterschiedlich. Manche sind anfangs natürlich skeptisch, meiner Erfahrung nach werde ich allerdings überwiegend doch sehr warm aufgenommen. Ich unterhalte mich viel über das Thema cultural appropriation (kulturelle Aneignung) und tue mein Möglichstes, keinem auf die Füße zu treten. Mein Ziel ist es, eine diverse Crowd zu formen, in der sich jeder wohl und willkommen fühlt. Musik kann Menschen zusammenbringen und Mauern einreißen. Wenn wir es schaffen, die Leute im Sound zu vereinen, bauen sich hoffentlich auch außerhalb des Clubs die Vorurteile und Stigmata ab. Wir können nur im Dialog wachsen; dieser Dialog steckt für mich in meiner Musik.

Welche Erfahrungen hast du als Frau bezüglich des Bookings gemacht? Spielen an einem Abend eher mehr Männer oder ist das mittlerweile gut verteilt?

Es spielen noch immer überwiegend männliche DJs, wobei es faktisch auch einfach mehr Männer auf dem Markt gibt. Im letzten Jahr habe ich dann auch verstanden, weshalb das der Fall ist. Als Frau ist es sehr schwer, sich ernsthaft zu etablieren. Es existiert noch immer diese Irrglaube, dass man als Djane bloß gut aussehen und ein bisschen Haut zeigen muss, damit es läuft. Das ist definitiv nicht der Fall. Zudem gibt es eigentlich keinen Fall, in dem man nicht an mindestens einem Mann “vorbei muss”, bevor man gebucht wird. Ob es die Veranstalter, Clubbetreiber oder Booker sind. Ich wünschte, dass sich diese Dynamik langfristig verändert und freue mich daher immer, wenn ich Frauen in der Industrie sehe. Leider ist es mit denen manchmal nicht zwingend einfacher. Der Mann sieht in dir das Objekt sexueller Begierde, die Frau sieht in dir Konkurrenz. Ich finde das sehr schade und hoffe, dass gerade wir Frauen in der Zukunft mehr zusammenhalten und einander supporten.

Dieses Jahr legst du auf deinem ersten Festival auf. Welche Erwartungen hast du an deinen ersten Festival GIG und wie bist du zu diesem Auftritt gekommen?

Den Auftritt hat mir mein Management noctarium zusammen mit dem Label Souluvmuziq ermöglicht. Ich habe im Januar zusammen mit dem Labelchef Marc Liebe und zwei seiner Künstler aufgelegt. Anschließend hat er uns einen seiner Slots auf dem Splash Festival im Juli angeboten, den wir natürlich dankend angenommen haben. Er war vorher bereits auf dem Festival mit seinen Künstlern vertreten und so fahren wir dieses Jahr als große Gruppe dort hin. Fühlt sich ein bisschen an, wie Klassenfahrt.

Konkrete Erwartungen habe ich nicht, bisher überwiegt die Vorfreude. Was ich aber sagen kann, ist – ES WIRD HEISS!

Bist du privat auch öfter auf Festivals unterwegs und gibt es dort im Bezug auf den Umgang mit weiblichen Besuchern deiner Meinung nach Verbesserungsbedarf?

Ich war bisher noch auf nicht so vielen Festivals (Splash, Dour [Belgien], The Great Escape [UK], Southside ) und kann daher nur auf wenige Erfahrungen zurückgreifen. Spontan muss ich sagen, dass mir persönlich dort nicht viel negativ aufgefallen ist, allerdings war ich auch nie alleine unterwegs. Man darf nicht vergessen, dass Festivals Ausnahmezustände bedeuten. Die Besucher sind gelöst, betrunken und wollen Spaß haben. Ich bin mir sicher, dass dadurch auch übergriffiges Verhalten gefördert wird. Wir müssen alle mit wacheren Augen herumlaufen. Wenn wir etwas beobachten, das uns komisch vorkommt, einfach hingehen und nachfragen, ob alles gut ist. Ein bisschen mehr aufeinander aufpassen. Und nach Hilfe bitten, wenn wir uns unsicher fühlen. Ich möchte hier ganz besonders an die Männer appellieren: Maßregelt einander, wenn ihr unangebrachtes Verhalten bei männlichen Festival Besuchern beobachtet. Es hat leider oftmals mehr Wirkung, wenn ein Mann einen Missstand anspricht. Und an die Frauen: Es ist euer Körper,  es gelten eure Regeln. Kleidet euch, wie ihr möchtet, liberalisiert euch! Deswegen darf euch aber noch lange keiner einfach anfassen! Stop bodyshaming, stop slutshaming! Steht füreinander ein, passt aufeinander auf!

Danke Belén! 


Female Festival Task Force


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