Als Teenie war ich immer latent neidisch auf die Dudes, die in ihrer Freizeit im Proberaum abhingen und mit ihren Boys jedes Jahr aufs Festival fuhren – als selbstverständlicher Teil einer Gruppe und nicht nur Freundin von XY und/oder dekoratives Beiwerk. Wollte ich etwa Teil dieser heiligen Dude-Bro-Allianz werden? Manche waren süß, andere talentiert, aber die Mehrheit war einfach nur unsicher wie jeder andere Pubertierende. Was sie aber von uns Mädchen unterschied, war die Normalität, mit der ihr Wunsch Musiker zu werden, behandelt wurde – und das bei weniger Talent immer noch das Ansammeln von Inselwissen (und Tonträgern) eine respektable Position in der Gruppe garantieren konnte.

Männer im Metal: Spaß haben mit Saufen & Raufen

Jungs mit schlechtem Klamottengeschmack, null bis wenig emotionaler Intelligenz, aber dafür viel Selbstbewusstsein, erfuhren durch die abgewetzte und deswegen so magische Fender Stratocaster in ihren Händen oder den schwarz gefärbten Haaren samt Unterlippenpiercing einen erstaunlichen Vertrauensvorschuss. Andere waren einfach nur Teil der Gruppe weil sie männlich waren, Gras mitbrachten, Verstärker schleppten oder sich selbst zu den Überfans dieser 08/15-Kleinstadtbands erklärten (Vorsicht, keine Groupies!!!).

Wollte ich mich besaufen und Teil der grölenden Masse sein? Definitiv. Wollte ich dabei an den Arsch gefasst oder alle fünf Minuten von ‘nem besoffenen Vogel angelabert werden, um mir dann anzuhören, wie cool es doch sei, dass ich ja gar nicht so aussehe, als ob ich “diese Musik” hören würde? Sicher nicht. “Diese Musik”, die anscheinend nur von besoffenen Arschgeigen gehört wird, die sich nur im Zustand des bevorstehenden Alkoholdeliriums trauen, mich anzuquatschen. Why tho? Einfach mal in der Masse untergehen. Nur Fan sein, nicht Freundin von XYZ, Groupie oder die Perle, die mal eben angegraben wird, um vor den Kumpels einen auf Macker zu machen. Eben “one of the boys” sein. Ernstgenommen werden als Mensch, der die Musik genauso abfeiert und für Konzerte das ganze Taschengeld raushaut – nur eben in weiblich. War das so schwer? Ja, das war es, und das ist es bis heute.

Die Frauen-Bands gab es schon immer. Man sah sie nur nicht so oft.

Klar, wenn man als kleines Mädchen keine Frauen in Metalbands sieht, keine Artikel von Frauen über Metal liest und die einzigen Frauen, die in der Szene eine Rolle spielen, Modelfreundinnen, Groupies oder einfach bloß Objekte in Musikvideos sind, ist es nicht leicht, sich mit den Typen auf der Bühne* zu identifizieren. Was du nicht siehst, kannst du nicht werden – oder nur mit Hindernissen. Teilhabe? Ja will ich. Identifikation? Nö, muss nicht sein. Deswegen konnte ich auch lange ohne einen schalen Beigeschmack die ganzen Männerbands feiern, ohne mich nach einer Alternative zu sehnen.

Aber: Vor 15 Jahren schienen SIE (also: Dude-Bro-Macker-Bands) eben der Ausdruck der Musik zu sein, die mir auch heute noch alles bedeutet – so widersprüchlich das jetzt für manche auch klingen mag. Ich wusste noch nichts von Girlschool – wie oft liefen sie auf MTV? Ich wusste nichts über Vixen, hatte nie von The Runaways gehört oder L7. Sie waren schlicht und einfach nicht sichtbar wie ihre männlichen Pendants – und im Zeitalter ohne Breitbandinternet auch nicht so schnell ergooglebar.

Metal und Rock: Weibliche Zukunft und männliche Gegenwart

Geändert hat sich bis heute wenig, auch wenn es heisst, die Zukunft der Rock-Musik sei weiblich. Auch heute muss ich aber noch in jedem Line-Up eines Rock- oder Metalfestivals nach den Frauen auf der Bühne mit der Lupe suchen. Ich freue mich dann umso mehr über die steigende Bekanntheit von Thundermother (Rock’n’Roll Sisterhood!!!) oder dem Erfolg von Burning Witches.

Ich denke Metal kann mehr sein, als „Warriors of the World“, „Animal (Fuck like a beast)” und „Girls, Girls, Girls“. Und ja, finally: Die Dinge ändern sich. Ich habe vielleicht noch nicht so viele Bands auf Festivals, die die Dude-Bro-Macker auf der Bühne ablösen. Aber ich habe mittlerweile meine eigene Gang, mit der ich auf Festivals reise. Meine Girl-Gang. Hier muss ich mich nicht verstellen, um dazu zu gehören. Ich kann, aber muss nicht sexy sein. Muss mich nicht dumm stellen oder mir anhören, ich soll mal locker bleiben, wenn ich sexistische Kackscheiße beim Namen nenne. Bin nicht raus, wenn meine Beziehung scheitert. Mit meinen Girls fiebere ich jedes Jahr ab Frühling auf die Festivalsaison hin. Fragen wie „Mit Mens aufs Dixieklo?“, „Woher bekomme ich Strom für den Lockenstab?“ oder „Wie umgehe ich den Zeltaufbau?“ sind in unseren Vorbereitungsaustauschgesprächen legit, sogar WICHTIG und provozieren kein Augenrollen. Meine Gruppe ist mein safe space (sicher ballern inklusive) in einer immer noch männerdominierten Szene. Unser gemeinsamer Konzertkalender steht für alles, was ich mir schon mit 15 Jahren sehnlich gewünscht habe: Eskapismus, Solidarität & Rock’n’Roll.

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*Zahlen zum Schluss: Hinter der Kamera, in den Musikredaktionen oder im Management: 2013 lag der Frauenanteil im Bereich Tonträger und Musikverlage insgesamt bei 42,9%. Nur 7,4% der Mitgliedsunternehmen des Verbands unabhängiger Musikunternehmen (VUT) wurden von Frauen geführt. Es wird also wirklich Zeit, dass sich was ändert!


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