Im Jahr 2019 als Frau auf’s Festival zu fahren, sollte eigentlich keine große Sache mehr sein. Als aktiver Festivalbesucherin fällt mir trotzdem auf: die Atmosphäre ist auf den einen sexistischer und primitiver als auf anderen. Woran liegt das? Und was kann man dagegen tun? Vermutlich sind es auch die Veranstalter*innen, die durch die Organisation und die Botschaft, die sie vorab und während des Festivals senden, erheblichen Einfluss auf dessen Verlauf nehmen können. Ist das Festival nur ein großes Volksfest alias Saufgelage für „Jedermann“ oder ein aufwendig organisierter Kurztrip für Musikliebhaber*innen? Deckt die Infrastruktur mehr schlecht als recht die rudimentärsten Bedürfnisse ab oder wird sich um einen reibungslosen Ablauf und eine soziale Message bemüht?

Festivals ziehen das Publikum an, dass sie verdienen

Es macht einen großen Unterschied, ob auf der Homepage eines Festivals über Geschlechtergerechtigkeit auf Bühnen reflektiert und an der Erreichung dieser mitgearbeitet wird (vorbildlich hier: die Macher*innen des Roskilde Festivals) oder ob Veranstalter*innen nach heftiger, viraler Kritik an taktlosen „Triebtäter“-Westen ihrer Besucher einfach schweigen (so geschehen bei: Rock im Park).

Klar, Veranstalter*innen können nicht für das Verhalten aller einzelnen Besucher*innen bürgen, aber sie haben die Plattform, sich gegen Sexismus und in diesem Fall Vergewaltigungskultur auf ihrem Festival auszusprechen und dementsprechend zu formulieren, welche Zielgruppen sie erreichen wollen. Sexismus ist und bleibt ein gesamtgesellschaftliches Problem, und jedes Festival als eigener Mikrokosmos spiegelt die in der Gesellschaft vorhandenen Machtverhältnisse wider. Anzunehmen, dass ein Festival frei von Sexismen und übergriffigem Verhalten sein kann, ist zwar ein schönes Gedankenspiel, aber auf keinen Fall realistisch.

Roskilde Festival 2019 (Foto: Peter Ohnacker)

Umso wichtiger ist es, dass Veranstalter*innen ihre elementare Rolle in der Vermeidung von sexistischen Strukturen und als Supportinstanz für Betroffene erkennen. Sie haben die Möglichkeit, Strukturen und Orte zu schaffen, die dabei helfen können, Sexismus und Gewalt abzubauen und in Notsituationen Schutz zu bieten – im Infield, auf den Campingplätzen, vor den Bühnen.

Laut einer Studie hat fast jede siebte Frau seit ihrem 16. Lebensjahr Formen von sexualisierter Gewalt erlebt. Wem das zu abstrakt ist, der kann sich gerne die jährlichen Nachrichten rund um das Oktoberfest ins Gedächtnis rufen. Dort wird wir über den Liveticker der Polizei quasi in Echtzeit über Grapscher und Vergewaltigungen informiert. Solange Belästigung und sexualisierte Gewalt Teil von Großveranstaltungen sind, müssen Präventionsmaßnahmen und Hilfsangebote ganz selbstverständlich in die Organisation integriert werden. Auch wenn sich „Daran wird sich doch nie etwas ändern“-Mythen rund um Sexismus und sexualisierter Gewalt sich in unserer Gesellschaft hartnäckig halten.

Wenn es um Lösungen und Handlungsoptionen geht, um die Problematik anzugehen, schaut man meist entweder in fragende Gesichter oder es werden Tipps zum Schutz vor Übergriffen runtergebetet: “Geh nicht mir Fremden mit”, “Bewege dich stets in belebten Räumen”, “Trink nicht zu viel”. Umso ermutigender ist es, wenn auf diese Notlage zumindest vereinzelt reagiert wird.

„Wo geht’s nach Panama?“ Bewährte Konzepte übernehmen – ein erster Schritt

Dass das geht hat der Konzert- und Festivalveranstalter FKP Scorpio gezeigt: Das aus England stammende Sicherheitskonzept “Wo geht’s nach Panama?” wird auf veranstalteten Festivals und Veranstaltungen übernommen. Personen, die belästigt wurden oder Übergriffe erlebt haben, können sich mit der Frage „Wo geht’s nach Panama?“ an das Personal wenden. Im Idealfall wissen alle Bescheid, helfen der betroffenen Person aus der Situation heraus und bringen sie an einen sicheren Ort.

Roskilde Festival 2019 (Foto: Peter Ohnacker)

Auch das splash!-Festival hat in diesem Jahr diese Strategie genutzt und in einem Statement betont, dass jegliche Art von Grenzüberschreitung nicht geduldet wird – zwar gelang es dank fragwürdiger Personen im Security-Bereich in diesem Jahr noch nicht, doch Luft nach oben ist noch. Auch die Stadt Erlangen ist in dem Bereich engagiert. Während der Bergkirchweih, das man sich als jährliches Open-Air-Saufgelage vorzustellen hat, wurden so genannte „Rettungsinseln“ eingerichtet, auf die sich Betroffene zurückziehen können und Betreuung erhalten. Der Name ist diskutabel, aber das Angebot notwendig.

Dennoch: Dass die Übertragung der Verantwortung vor dem Schutz vor Übergriffen nicht auf die potenziell Betroffenen abgewälzt werden darf, ist bei den meisten Initiator*innen noch nicht angekommen. Im Gegensatz zu kommerziellen Veranstaltungen wurde die Wichtigkeit des Themas in autonomen Kontexten schon früh erkannt und an Awarenesskonzepten gearbeitet. Trotzdem sind auch diese Räume nicht frei von Diskriminierung, aber durch die inhaltliche Auseinandersetzung konnten sich Sensibilität und Achtsamkeit entwickeln. Ein Blick über den Tellerrand ist hier trotzdem zu empfehlen.

Representation matters

Nicht nur Präventions- und Versorgungsmaßnahmen tragen dazu bei, aus einem Festival einen wenn schon nicht diskriminierungsfreien, aber doch besser auszuhaltenden Ort werden zu lassen. Die Diskussionen um Sexismus und #metoo sind auch in der Musikbranche angekommen. Ob auf der Ebene des Managements oder der Buchung fürs Line-Up – die Repräsentation von Frauen und Personen aus der LGBTIQ-Community muss noch viel stärker Thema werden. Bei Rock im Park und einem Männeranteil von 97 Prozent auf der Bühne wussten wir gleich: Das hier ist ein Gelage geplant von und für Männer.

Roskilde Festival 2019 (Foto: Peter Ohnacker)

Aber das männerdominierte Line-Up war nicht der einzige Grund, warum das Festival für uns eher ungemütlich wurde. Auf eine Ordnerin kamen ca. fünf Ordner, was die Wartezeit bei den Einlasskontrollen für Frauen erhöhte. Ein Problem, das bald auch bis zum Himmel stank, stellten die abgesperrten Klos bei 30 Grad am ersten Festivaltag dar – und die Widerwilligkeit der Ordner, die Frauen das Männerklo nutzen zu lassen. Das machte nicht nur uns Schwierigkeiten, sondern auch den Verantwortlichen für die Toiletten, die, bevor sie die Nutzung gewährleisten konnten, erst mal die Sümpfe hinter den Klos abpumpen mussten, die durch die Wildpinkelei der männlichen Besucher entstanden sind.

Kulturwandel bewirken

Es wäre top, wenn Festivals als Orte des Vergnügens und des Eskapismus besonders darauf erpicht wären, bei der Planung darauf zu achten, Sexismus nicht als Haupterlebnisachse im Main-Programm einzuplanen – so dass alle die Chance haben, eine schöne Erfahrung zu machen. Natürlich lässt sich diese Problematik nicht einfach durch gute Organisation und diskriminierungsfreie Bestrebungen der Veranstalter*innen überwinden. Trotzdem sind soziale Botschaften, ein ausgewogenes Line-Up und der Anspruch Lücken in der Infrastruktur zu schließen wichtige und leider immer noch nicht selbstverständliche Schritte der Veränderung.

Es muss klarwerden, dass vielschichtige Lösungsansätze nötig sind, um einerseits schnell auf akute Situationen regieren zu können und andererseits Nachhaltigkeit in Form von Kulturwandel zu schaffen. Einen Unterschied lässt sich grob zwischen kommerziellen und alternativen Festivals ausmachen – letztere zeichnen sich aus durch ein aufmerksameres Konzept einschließlich sozialer Message und Awarenesskonzepte. Das Grundproblem bei allen Bemühungen aber bleibt: Sexismus wirkt paradox. Den einen drängt er sich auf, für die anderen ist er nicht sichtbar. Aus diesem Grund ist das kontinuierliches Daraufhinweisen unerlässlich. Denn wer auf kostenintensive Festival fährt, sollte zumindest für ein paar Tage dem Alltag entfliehen können. Und zwar möglichst ohne unschöne Erlebnisse.


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