Ich treffe Mando Diao Sänger Björn Dixgård und Keyboarder Daniel Haglund an einem sonnigen Montag in Berlin. Schon lange habe ich keine Interviews mehr gemacht, daher bin etwas nervös. Am heutigen Freitag kommt ihr neues Album „BANG“ heraus und ich denke darüber nach, ob eine Band mit einer 20-jährigen Geschichte vor einem Album-Release immer noch nervös wird.

„Ja, natürlich“, meint Björn. „Wenn du Musik machst, denkst du darüber nach, dass jemand sie hören wird. Wir machen immer Musik, die wir fühlen, und so war es auch dieses Mal. Es gibt niemanden, der für uns entscheidet – wir mögen keine Produzenten, weil wir viel lieber selber über die Platte entscheiden und machen sie richtig home-made“.

Wir reden darüber, dass das Musikgeschäft heutzutage ein Dschungel ist, und man weiß kaum, wo man neue Musik findet. „Meistens sagen mir meine Bandkollegen, höre mal das neue Album von Tame Impala. Aber anderswo finde ich sie ziemlich selten. Die Unmengen an Musik sind einfach riesig. Und wenn du selber Musik machst, weißt du nie, was gut ankommt.“

„Unser erstes Album kam im Jahr 2002 und damals redeten alle über Napster und kopiergeschützte CDs“, erinnert sich Björn. „Aber wir würden niemals sagen, dieses oder jenes Format hat kein Recht auf Existenz hat. Jetzt gibt es zum Beispiel Künstler, die Spotify verlassen haben, um ihren eigenen Weg zu gehen. Aber so lange wir das machen können, was uns am Herzen liegt, werden wir es tun.“

„Wir versuchen nicht, die Nummer 1 in den Billboard-Charts zu werden“

„Hatten wir vor 20 Jahren irgendwelche Ziele?“, fragt Björn den Keyboarder Daniel. Die beiden reden darüber, wie sie damals träumten so groß zu werden, wie The Beatles, und lachen darüber, dass es dazu nie gekommen ist. „Ihr habt ja noch Zeit“, sage ich und lege meinen Rekorder näher zu den beiden Musikern.

„Nachdem unser zweites Album rauskam, haben wir verstanden: Erfolg ist schon einigermaßen wichtig, du musst ja von deiner Musik leben können. Ansonsten brauchst du einen richtigen Job, und dann hast du keine Zeit für Kreativität. Das wäre ein Problem für uns“. Aber die beiden einigen sich darauf, dass sie jetzt damit glücklich sind, was sie haben. „Erfolg verändert dein Gefühl für Musik nicht. Wir versuchen nicht, die Nummer 1 in den Billboard-Charts zu werden. Ich würde sagen, für eine Band wie wir ist das unmöglich.“

Erfolg hin und her, aber stellt man sich als junge Band auch vor, welche Musik man in 20 Jahren spielt? Für Mando Diao war ihre eigene Stilentwicklung eine Überraschung. „Vor einigen Jahren haben wir ein Album auf Schwedisch aufgenommen – Infruset. Unser Freund hat damals eine virtuelle Führung über den Poeten Gustaf Fröding gemacht. In Schweden ist er ein Held. Als wir 17 waren und erst mit der Band angefangen hatten, hätten wir gelacht, wenn jemand gesagt hätte, wir würden ein Album mit Gustaf Frödings Gedichten aufnehmen. Damals war er für uns nur ein langweiliger alter Mann, über den wir in der Schule gelesen haben.“

Autorin Alina mit Mando Diao

Aber Mando Diao haben sich verändert. Das ist auch das Schöne an Musik – die Veränderungen. „Ich glaube, wenn wir uns nicht mehr verändern, dann hören wir auf Musik zu machen.“, stellt Björn fest. Alle Bandmitglieder sind mit unterschiedlicher Musik aufgewachsen. Klassische Musik, natürlich auch Punk. Und sie fühlen auch, dass sie zu unterschiedlichen Genres gehören. Denn die Musik ist universal.

„Wir haben Freunde, die sich darüber ärgern, wenn wir keine Rock-Alben aufnehmen. Aber jetzt ärgern sie sich nicht!“, lacht Björn. „Aber vielleicht beim nächsten Album. Wenn wir etwas anderes machen, fragen die, was das überhaupt soll!“

„Wir versuchen so spontan wie möglich zu sein“

Wenn Mando Diao an neuem Material arbeiten, versuchen sie nicht zu viel darüber nachzudenken. Es ist einfach. Im Studio zu sitzen, stundenlang über Instrumente und Ausrüstung zu reden, oder darüber wie wir einen Song aufnehmen würden. Aber man muss einfach aufstehen und spielen, und sehen was da rauskommt. Man muss nicht viel planen. „Wir versuchen so spontan wie möglich zu sein“, erklärt der Sänger.

Schon beim ersten Hören fühlt man, dass die neuen Songs auf BANG sehr energisch und wütend sind. Mit ein paar Ausnahmen, die zum Beispiel über der Suche nach einem eigenen Weg gehen. Da fragt man sich fast, wieviel von Mando Diao in diesen Texten steckt. Oder sind das Geschichten anderer Menschen?

„Wir alle wohnen in unterschiedlichen Städten in Schweden, deswegen haben wir nicht sehr viel Zeit, um zusammen zu schreiben, besonders schwierig war es während der der Tour für Good Times.“ Daniel und C.J. im Süden, und Patrick sei laut Björn „der König des Nordens, mit den Eisbären, über dem Polarkreis“. Jens und Björn wohnen in Stockholm, und das hat die Aufgabe erleichtert. Die beiden hatten eine Vision – inspiriert von früheren Mando Diao Tourneen, wollten sie mehr Gitarren-Riffs schreiben: „Wir wollten ein Rock’n’Roll-Album machen mit ein bisschen Blues. Jens hatte diese Riffs, die wir dann in Songs weiterentwickelten.“ Die Texte beruhen meistens auf Geschichten aus dem Leben von Björn und Jens, nur bei manchen handelt es sich um die von Freunden. Den Refrain für He Can’t Control You hat zum Beispiel die Schwester von Björn Dixgård geschrieben.

„Ich liebe solche Art von Texten, wie bei John Lennon“, erzählt Björn. „Man singt das, was man fühlt. Jeder Song hat eine düstere Seite. Aber vor kurzem habe ich mir unsere Texte nochmal angeschaut, und sie enden alle mit einer Erlösung, oder einer neuen Hoffnung.“

„Hauptsache das Gefühl ist sehr stark“

Hier muss ich an Chuck Palahniuk denken, der meinte, Kunst käme nie aus Glück. Aber die beiden Mando Diao Musiker sind anderer Meinung: „Die besten Songs schreibt man, wenn man sich sehr schlecht fühlt. Oder auch extrem glücklich. Hauptsache das Gefühl ist sehr stark. Musik zu schreiben, wenn du quasi in der Mitte steckst, weder glücklich noch traurig oder wütend, bringt nichts“.

„Oder du träumst von einem Lied“, hackt Daniel ein. „Du wachst auf und da ist es. So habe ich einen Song für Good Times geschrieben!“

„Jetzt ist es leicht, du hast dein Handy, voll von Aufnahmen“, erwidert Björn. „Früher musste ich deinen Anrufbeantworter anrufen und die Melodie vorsingen. Dann rief ich dich an und sagte: „Spiel die Nachricht nicht ab, sie wird danach gelöscht! Ich komme gleich vorbei!“

Zuletzt reden wir noch über brennende Themen, ohne die kein Gespräch heutzutage möglich ist – Politik, Klimawandel. Und wenn man mit zwei Schweden redet, dann redet man irgendwann über Greta Thunberg.

„Greta Thunberg ist eine fantastische Person“, meint Björn. „All diese Männer an der Macht weltweit, sie haben Angst vor ihr. Und das müssen sie auch. Wir müssen alle Angst haben davor, was mit dem Klima passiert. Sie hat Recht: wir müssen uns Sorgen machen. Wir denken viel darüber nach, denn wir fliegen mit Flugzeugen, wir machen vieles, was der Umwelt schadet. Wir haben keinen konkreten Plan, aber wir müssen etwas ändern. Wir versuchen zum Beispiel so oft wie möglich auf Flüge zu verzichten.“

Was aber dem Sänger noch Angst macht, sind die zunehmenden rechtsradikalen Kräfte. Und die Tatsache, dass man auf der Suche nach Wahrheit immer mehr dem Internet vertraut. Man lese schließlich nur die Nachrichten, die man lesen will, auch wenn es nicht wahr ist. Und das sei ein Problem.

Aber unsere Gesellschaft sei schon immer sehr geizig gewesen. Um eine bessere Welt zu schaffen, müssen wir den Geiz loswerden. „Deswegen stelle ich im Song Society die Frage“, schließt Björn ab, „werden wir jemals die Gesellschaft ändern?“.

Um wieder zum Thema Musik zurückzukehren, bitte ich die beiden Musiker zum Abschied mir ein noch paar Musik-Tipps zu geben. “Ach, es gibt aber viel zu wenige Rock’n’Roll-Bands! Wir warten immer noch darauf, dass eine irre junge Band auftaucht und uns in den Hintern tritt“.

Mando Diao – BANG im Stream




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