Die Morde in Hanau haben mich zutiefst erschüttert und aufgewühlt. Nicht nur, weil sie eine schreckliche Bluttat sind und das Leid der Angehörigen schwer vorstellbar ist. Nicht nur, weil sie etwas über den Zustand unserer Gesellschaft aussagen und über die starken Strömungen, die einen solchen Täter treiben. Nicht nur, weil sie keine zehn Kilometer von meiner Wohnung entfernt stattfanden. Sondern auch, weil sie mir etwas über meinen eigenen Rassismus sagen. Und über meine Unfähigkeit und meinen Unwillen, etwas gegen den Rassismus anderer zu tun.

Ich habe erst gestern Abend erfahren, dass es sich um einen Anschlag handelte. Ich bin schon seit Jahren nicht mehr so Netz-affin, hatte also morgens, kurz bevor ich ins Auto stieg, irgendetwas von Schüssen in einer Shisha-Bar in Hanau gelesen und gedacht: Alles klar, irgendeine Bande, irgendwas mit Drogen, ein Familienstreit. Der erste, widerlich rassistische Gedanke, der sich in meinem Hirn geformt hatte. Und der saß genau so, unhinterfragt und ohne besondere Beachtung zu finden, in meinem Kopf, bis ich Feierabend hatte. Dabei waren 11 Menschen gestorben. Und das wusste ich. Und es interessierte mich nicht einmal großartig. Selbst schuld, wenn man zu „solchen Kreisen“ gehört. Ich unterrichtete meine Schüler*innen, ging zur Konferenz, Nachhilfe, Yoga. Die Welt und mein hübsches Weltbild drehte sich weiter.

Dann komme ich abends nach Hause. Schalte den Fernseher ein. Ein Brennpunkt zu den Schüssen in Hanau. Es war ein Anschlag. Mit rassistischen Motiven. Und das trifft mich wie ein Schlag ins Gesicht. Wie konnte ich, so selbstgefällig und dumm, annehmen, dass das „schon nichts mit mir zu tun“ hatte. Dass da „die anderen“ sich abgeknallt hatten?

Die, die am Offenbacher Marktplatz herumlungern, die im Bus zu laut in ihr Telefon schreien, in einer Sprache, die ich nicht verstehe, die mit blinkenden Schuhen und Gucci-Kappe oder mit Kopftuch durch die Straßen laufen und nach drei Generationen in diesem Land immer noch kein Deutsch gelernt haben, die, über die ich mich aufrege, wenn sie in Elterngesprächen nichts vom deutschen Schulsystem und dem Behördendschungel verstehen oder mit dem BMW in zweiter Reihe parken, die, die in mir diese Gedanken auslösen, die ich versuche, zu unterdrücken, herunterzuschlucken, zu verdrängen, nicht wahrzunehmen, die Hawaks und Kanaks dieser Welt, die ich niemals so nennen würde, mein Hirn tut es aber doch, heimlich.

Es war keiner von „denen“. Es war ein Deutscher. Ein dreiundvierzigjähriger Weißer. Mit Abitur. Ohne Migrationshintergrund. Einer, der mein Cousin hätte sein können. Oder Nachbar. Freund sicher nicht. Sicher?

Sie zeigen Stimmen aus Hanau. Menschen, die Angehörige verloren haben, Freunde. Auch ihre Sicherheit und den Glauben in unsere Gesellschaft, vielleicht. Und wieder denke ich: „Es heißt nicht ‚unser Heimat‘, nicht ‚egal, welche Land der kommt‘. Warum zeigen die nicht jemanden, der richtig Deutsch spricht? Das wirft ein schlechtes Licht…“ Und hasse mich im selben Moment für diesen Gedanken.

Ich versuche, mich vor mir selbst zu rechtfertigen. Ich bin Deutschlehrerin, seit mehr als fünf Jahren unterrichte ich in Klassen für Neuzugewanderte, Kinder von überallher. Ich bin auf Sprache fixiert. Ich weiß, wie wichtig sie ist, für die Integration. Sie ist der Schlüssel, sie ist die Eintrittskarte, ohne sie geht nichts. Sie ist wichtiger als dein Aussehen, deine schwarzen Haare, dein dunkler Teint, bilde ich mir ein. Mit deiner Sprache zeigst du: Ich will hier sein, ich will dazugehören. Und das ist in Deutschland, mit dieser verdammt schweren Sprache, verdammt schwer.

Aber vielleicht ist das alles Quatsch. Der Täter von Hanau ließ seine Opfer nicht vorsprechen. Er ermordete sie, schoss ihnen in den Kopf, weil sie aussahen, wie sie aussahen. Nach Migrationshintergrund. Und weil ihm eine ganze Gesellschaft Auftrieb gab. Weil das Netz ihn befeuerte in seinen wahnsinnigen Gedanken.

Ich erlebe tagtäglich Rassismus gegenüber meinen Schüler*innen. Von Menschen, die mich fragen, ob die mich denn respektieren würden, als Frau. Ob das nicht hart sei. Oder von Lehrer*innen, die den Schülern erzählen, „so“ verhalte man sich nicht, „in diesem Land“. „Der ist doch nie und nimmer 14“, höre ich, oder: „Da merkt man schon auch, was passiert, wenn seit Generationen in der Familie geheiratet wird.“ Von gebildeten Menschen, Menschen wie mir. Pädagog*innen, Veganer*innen, aus dem linken Spektrum. Meistens bleibe ich stumm. Ich habe Angst um meinen Job. Um meine befristete Stelle. Und Angst vor der Konfrontation.

Die Konfrontation hat mich auch aus dem Netz getrieben. Ich habe lange nicht mehr geschrieben, mich lange nicht mehr geäußert. Weil ich den Hass und die Hetze und die Kommentare der Trolle nicht mehr ertragen konnte. Weil sich meine Blase mit Bullshit füllte, je mehr ich versuchte, gegen den Bullshit anzugehen. Weil ich dachte: Besser, du tust was, im realen Leben. Dich um deine Schüler*innen kümmern. Ehrenamtlich einen Deutschkurs geben. Das wird schon was bewirken.

Hat es das? Ich habe meine Zweifel. Tropfen auf dem heißen Felsbrocken. Und das Schlimmste: Der Felsbrocken bin auch ich. In mir gibt es Rassismus und Menschenhass. Genau wie in jedem von uns, vermutlich. Hanau hat mir das deutlich vor Augen geführt.

„Wir stellen uns denen, die versuchen, in Deutschland zu spalten, mit aller Kraft und Entschlossenheit entgegen“, sagt Angela Merkel, und: „Rassismus ist ein Gift, Hass ist ein Gift.“ Richtig, wir müssen lauter sein, entschlossener. Aber wir sollten uns auch uns selbst entgegenstellen, uns selbst nicht verführen lassen, von diesem Gift, denke ich mir. Und wachsam sein, immer, auch vor uns selbst. Das nehme ich mir ganz fest vor.


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