Die Sängerin Soko verspricht einen Geniestreich, wenn sie im Opener „Are You A Magician?“ zu tänzelnden Soul-Beats mit französischem Akzent englische Worte malt und Leichtfüßigkeit mit schweren Hypnotik-Riffs ein Tandem bildet, wenn sie als kristallklar intonierender Unschuldsengel über Zauberei und einen biographischen Cut, wohl ein Verlassenwerden, nachgrübelt. Die pure Emotion wollte sie auf „Feel Feelings“ vertonen. Sagt sie. PR-Statements sind geduldig. Und dieses von ihr ganze vier Seiten lang. 

Soko ist eine typische, wenn nicht die prototypische Künstlerin des Pariser (und auch Londoner) Electro-Soul-Pop-Indie-Labels Because – das wird mit jeder Zeile ihrer langen Erläuterung und mit jedem Takt ihrer Platte immer deutlicher. Diesem Label verdanken wir das Comeback von Cassius vor Philippe Zdars Unfalltod, die Integration des malischen Hype-Acts Amadou & Mariam in die europäische Musikszene und die Queer-Pop-Queen Héloïse Letissier a.k.a Christine and the Queens. Fast immer geht es um Musik, die vordergründig altmodisch und retro ist oder ein im Markt zeitweise schwieriges Handicap in der Person der Künstler birgt (blind, sexuell LGBT, politisch kritisch nachdenklich) oder beides. Fast immer geht es um Synthesizer und konzeptartige Alben. 

Jener hohen Messlatte, der Konzeptkunst, hat sich auch Soko gestellt: kein Sex, keinerlei Musik anderer Künstler*innen zu hören, keine Zigaretten, kein Alkohol und keine Drogen wollte sie an sich heranlassen, um sich vollauf ihren inneren Quellen der Inspiration hinzugeben und diese alle zu einem harmonischen Ganzen zu verarbeiten. In der Tat wirkt zwar „Feel Feelings“ nun, oberflächlich nebenbei gehört, aus einem Guss. Wenn man beim Hören nicht einnickt. Die ersten vier Tracks für sich genommen wären als EP ein klarer Meilenstein des Indie-Synthie-Soul von einer Intensität und rhythmischen Funkyness, der gegenüber Jamiroquai vor Neid bleich werden kann. Und „mit sexy Basslines“, wie Soko sagt. „Being Sad Is Not A Crime“, das Gainsbourg-verruchte, groovende „Blasphémie“ und auch „Looking For Love“, eine Art Indie-Rock-Antwort auf Grace Jones, sprühen vor Genialität. 

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Doch danach bröselt das Album in eine banale Kopie netter europäischer, meditativer Drum’n’Bass/Electropop-Musik der Zeit um 2000 herum weg. Den Originalen wie Morcheeba, Hooverphonic und Goldfrapp steht Sokos neue CD zwar in nichts nach, wagt aber eben nichts und auch wirklich gar nichts wagt, was nicht schon mal gemacht wurde. Schade aufgrund des Potenzials. Etwa, weil das an Cat Power erinnernde „Quiet Storm“ als, wie Soko selbst meint, Song über häusliche Gewalt, mehr verdienen würde als die schläfrige Dauerschleife des banalen Midtempo-Arrangements. 

Schade auch, weil sich ein Bruch der Konsequenz zeigt: Genauso wie Soko den Sexentzug nicht länger als fürs Schreiben durchhielt, sich dann aber während der Aufnahmen schwängern ließ, so wirkt auch die Platte wie ein interessanter Ansatz zu einem radikalen Konzept, das eine Zeitlang verfolgt und dann mittendrin über den Haufen geworfen wurde. 

Ab „Don’t Tell Me To Smile“, einem Song mit wichtigem Text zur Verteidigung von Traurigsein, Melancholie, Authentizität, Auseinandersetzung mit sich selbst, gleitet die Platte unrettbar in Dreampop-Sound von Sirup-Konsistenz ab. Soko triphoppt im Spoken Word-Soul und Hauchgesangs-Kammerpop „Replaceable Hands“ ganz nett, sie macht diesen typischen retardierende-Momente-Synthie unserer Tage in „Let Me Adore You“, schon mehr nervig als nett, und wird von Lied zu Lied banaler. Wohl gemerkt, nur auf musikalischer Ebene, die Lyrics sind im gesamten Song-Dutzend hochwertig, poetisch, konkret, intensiv, ausgeklügelt und brillant. 

Mit „Time Waits For No One“ gelingt ihr, trotz brutal zuckrig abgemischten Arrangements mit aufdringlichen Drums, mittels ihrer Stimme viel Expression. Die Produktion verliert sich zwar in einem Viel-hilft-viel-Irrglauben, doch am Ende bleibt das sichere Gefühl: Als Live-Album könnte diese Musik noch zum Meilenstein reifen.

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Soko „Feel Feelings“ – Albumstream

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