Joy Denalane mutet auf „Let Yourself Be Loved“ so an, als liege eine alte Platte aus den 70ern auf. Die typische 45RPM-Vinyl-Abblende ist eines der entsprechenden Stilmittel, wie etwa in „The Ride“. Analoger Klang mit Vandellas-artiger Choral-Power überrascht als weitere Retro-Anwandlung, auf „I Gotta Know“ praktiziert die Berliner Vorzeige-Soulerin dies so. Denalane findet eine angenehme Balance zwischen den Anfängen des Revuenummern-Soul der Martha Reeves, weiteren Detroit-Einflüssen wie den Temptations und dem zuckrigen Philly-Sound eines Teddy Pendergrass.  

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Wie Schlagzeug und Keyboards hier in „Hey Dreamer“ zusammen ganz behutsam eine ‚mellow‘ Stimmung kreieren, das hat so schon in den späten 70ern fast keiner mehr gemacht, Barry White bestenfalls, George Benson vielleicht noch; die Ära des Soft Soul ging mit Disco zu Ende, doch brachte sie von Roberta Flack bis Al Green etliche große Hits hervor.  

Sucht man hier bei der Berliner Sängerin einen, sticht das energische „Stand“ heraus. Dass diese edel wie Brokat georgelten Töne aus Deutschland kommen, hört man weder den Instrumentalisten noch dem engagierten Gesang Denalanes an. Ihre Stimme mag man in den letzten Jahren wieder mehr als diejenige einer Ehefrau (also der Frau Max Herres) assoziiert haben und in diesem Kontext auf Konzerten als mitunter schrill. Auch Joys Soloshows enthielten zuletzt recht pathetische Songs. Jetzt ist die Introspektion angesagt und eine Besinnung auf das, was aus der Mode, aber zeitlos gut und schön ist: Diejenige Musik, die bis heute dem Hip Hop für unzählige Samples zugrunde liegt. 

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So pflegt „Top Of My Love“ durchaus einen eleganten, an Marvin Gayes beste Platten angelehnten Groove. Die Platte erscheint entsprechend sogar auf seinem ehemaligen Label Motown. Während die Arbeit an den schwarz-weißen Tasten in Songs auch lahmen Stücken wie „Let Yourself Be Love“ mit einer arg geblümten Melodie einigen Retro-Charme einhaucht, gehen die ersten drei Stücke in übertriebenem Kitsch unter. In „Be Here In The Morning (feat. C.S. Armstrong)“ gelingt zwar dem Gastsänger die Anknüpfung an alte Zeiten, während Joy in ihrem Textabschnitt überschaubar viel mitteilt und in den Höhen und versuchten Triller-Akkorden recht bemüht, ein bisschen disharmonisch klingt. Auch gegenüber dem anderen Gast, BJ The Chicago Kid, wirkt sie mit schriller Höhe etwas aufgesetzt. Wobei die Absicht, Joys Anliegen einer nostalgischen Zeitreise-Platte in die Black Power Movement-Ära, durchaus als völlig authentisch durchgehen. 

Das Sixties-Arrangement lässt etwa an The Supremes denken, also echte ‚Role Models‘. In den instrumentalen Passagen ist besagtes Stück, „I Believe“ inklusive seiner grandiosen Bläserakzente ein tolles Lied, wenngleich der Gesang der beiden nicht Schritt hält. Highlight ist dagegen der Closer „Put In Work“. Von schleppendem Klavierspiel im Intro, das die Spannung steigert, gleitet der Tune in einen stürmischen Blaxploitation-Abschnitt inklusive Trompete und unter  Einbeziehung des New Orleans-Sounds schließlich in eine Reprise auf das Intro und dann in einen sanften Schluss über. 

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Denalanes Album lohnt das Hinhören. Der Retro-Style liefert keine neue Kontextualisierung dieses musikalischen Erbes, obwohl in Zeiten von ‚BlackLivesMatter‘-Demos gewiss die gesellschaftliche Resonanz dafür gegeben wäre. Die Platte ergibt sich aber in privater Liebesmusik und gleitet insoweit in ein L’art pour l’art ab. Die Sängerin wollte zeigen, wie diejenige Musik damals wirklich klang, von der sie so stark beeinflusst ist. „Mein Vater besaß Hunderte von Platten“, erinnert sie sich. „Unser Wohnzimmer wurde von seiner Sammlung dominiert.“ Das Alltägliche dieser Musik ist in vielen Teilen der Welt eher eine Ausgeh- und Schmusemusik fürs Wochenende geworden. Ihren Stellenwert zu steigern, wäre ein sinnvoller Effekt dieser Platte. Dafür ist sie aber zu sehr eine unkommentierte Nostalgieschau geworden, die etwas in der Luft hängen bleibt. Mich erinnert sie aber immerhin an die Stimmungen der einflussreichen Chicagoer Vokalgruppe The Chi-Lites. Und vor allem ist es schön, dass es „Let Yourself Be Loved“ in einer Welt, in der viele Soul mit dem seifigen Sound Adeles gleichsetzen, auch gibt. 

Joy Denalane „Let Yourself Be Loved“ im Stream

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Philipp Kause hat u.a. Musikethnologie studiert & verschiedenste Berufe in Journalismus, Marketing, Asylsozialberatung & als kfm. Sachbearbeiter ausgeübt – immer jedenfalls stellt er Menschen Fragen & liebt Interviews. Er lebt zurzeit in Nürnberg, wo er sich einem sozialen Berufsfeld zuwendet & verschiedene Sendungen bei Radio Z präsentiert, u.a. „Rastashock“, das älteste deutschsprachige Reggae-, Dub-, Dancehall- & Soca-Magazin, (seit 1988 on air). Einflussreichste Acts für ihn persönlich: Stereo MCs, Neneh Cherry, Curtis Mayfield, Arrested Development, Bill Withers ...

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