Toots Hibbert klingt wehmütig auf seinem neuen Album „Got To Be Tough“. „Die Tage werden kürzer“, singt er, gleichwohl „Got To Be Tough“ auch eine politische Aussage mit einschließt. Nun ist Toots tot. Die Reggaeszene trifft dieser Verlust hart: Noch 2017 war der Pionier, wenn nicht gar der Mann, der Reggae „erfand“, jedenfalls diesem Musikstil seinen Namen gab, Zugpferd für Festivals. Ein Headliner, den man brauchte um Tickets zu verkaufen.

Freilich, aktuell gibt es keine Open Air-Festivals, weltweit. Ob Toots‘ Tod mit Corona zu tun hat, da muss man noch spekulieren. Einen Verdacht auf Covid-19 gab es, das Testergebnis teilte das Privatkrankenhaus auf Jamaika aber nicht, bevor Toots in die Uniklinik verlegt und dort in ein künstliches Koma versetzt wurde. Zumindest gilt diese Maßnahme, ein medikamentös herbeigeführtes Koma, als neue Methode um geschwächten Covid-Patient*inn*en Ruhe zu geben, damit das überreagierende Immunsystem nicht durchdreht.

Der Sänger, geboren – je nach variierenden Angaben – im Dezember 1942 (wohl korrekt) oder ’45, hatte schon länger gesundheitliche Probleme. Da gibt es das Berufsrisiko Bühnenunfall. Im Frühjahr 2013 schmiss ein Konzertbesucher auf dem „Riverrock Festival“ dem Bandleader eine 1,75 Liter-Wodkaflasche an den Kopf.

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In der Zeit von Handy-Beweisen und bei so vielen Zeugen nahm Toots einen Rechtsstreit auf sich. Um 20 Millionen Dollar Schmerzensgeld und Schadenersatz für die in der Folgezeit ausfallenden Konzerte ging es. Toots hatte gerade den Song „Take Me Home, Country Roads“ performt. Tatsächlich: Country, auch Funk, auch Classic Rock – dem Jamaikaner waren diese Musikrichtungen erstaunlich nah, obgleich er doch gerade derjenige ist, der Ska und Rocksteady bei ihrer Transformation zum heutigen One Drop-Reggae begleitete, dem Reggae als Geburtshelfer diente.

„Take Me Home, Country Roads“ wurde ja durch John Denver bekannt, und Toots beließ der Nummer ihren Text. Das Zuhause ist West Virginia, und tatsächlich fand das Konzert mit dem Flaschenvorfall nahe Richmond, Virginia, statt. Man mag sich vorstellen, was für eine Stimmung bis vor dem Flaschenwurf im Publikum geherrscht haben mag.

Frederick „Toots“ Hibbert verband die karibischen und US-amerikanischen Musikentwicklungen. Er verquirlte sie mit der Hilfe von Freunden, die aus diversen Genres kamen. Ob Slowhand Clapton oder Willie Nelson, E-Gitarren-Experte Jeff Beck, Rolling Stone Keith Richards oder P-Funk-Legende Bootsy Collins, viele folgten Toots‘ Ruf ins Studio. Das Ergebnis ist unter anderem „True Love“ anzuhören, einem Kollabo-Album von 2004. Ganz versteckt findet sich da, verborgen unter all den VIP-Namen, der Schlusssong. Aus dem Duett mit der Funk-Pianistin Rachel Yamagata, einer chinesisch-italo-deutsch-japanischen Amerikanerin, die zufällig in jenem US-Staat Virginia zur Welt kam, wurde später ein Riesenhit für den Rag’n’Bone Man: „Human“ basiert auf „Blame (It) On Me“; jedenfalls ist die textliche und harmonische Übereinstimmung nicht abzustreiten. Schöne Bearbeitung auf YouTube:

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Rückblende – Stilkunde: Als es auf Jamaika mit dem Reggae und seinen Vorläufern Ska und Rocksteady losging, die Insel (formal) unabhängig wurde und Toots 1962 seine ersten Aufnahmen machte, stand der Jazz Pate. Es gibt großartige jamaikanische Jazzmusiker wie Ernest Ranglin (auf Jamaika geblieben) und Monty Alexander (in die USA gezogen). Aus Jazz und einer Art jamaikanischen Countrymusik, dem Mento, sowie dem Calypso, einem Stil der Nachbarinseln, formten die Pioniere von Jamaikas Tonträgerindustrie den Ska. Mit beteiligt: Hibbert und seine Gesangskollegen, The Maytals. Bandname und Toots als Person – später wurde das gleichbedeutend, Toots sang im Laufe seiner internationalen Karriere dann häufiger alleine die Lead Vocals.

Für die Songs, die von Anfang an auf Trio-Gesang ausgelegt waren, nahm er sich weibliche Background-Sängerinnen mit auf seine Tourneen, fantastische und hochbegabte Gesangselfen, die den Sound erst vollkommen machten. Einige Nummern auch in den späten Sets der 2017er-Tournee datieren in die Ära des Rocksteady.

Vielleicht wäre die gesamte Reggae-Geschichte anders verlaufen…

1965/66 machte jener gemächliche Rocksteady-Tanz, meist mit knappen Liebesliedern, die Runde auf dem kleinen Eiland. Noch herrschte zwar Optimismus angesichts des Endes der Kolonialzeit und der neuen technischen Aufnahmemöglichkeiten für Bands vor. Doch der Weg in Armut, Arbeitslosigkeit und Korruption großer Bevölkerungsteile sowie Ausbeutung junger Musiker*innen zeichnete sich ab. „54-46“ heißt einer der Hits von Toots aus jener Zeit, „Bam Bam“ der andere. Letzteren verknüpft man heute in der Szene der Dancehall-DJ(ane)s mit Female Empowerment, zumal eine der erste weiblichen Dancehall-MCs, Sister Nancy, den Song 1982 berühmt machte. Den zugehörigen Riddim, den „Stalag Riddim“, schreibt man ihr zu. Aber korrekt ist das nicht. Urheber des Drum/Bass-Patterns ist offiziell Ansel Collins, den man bis heute in den Credits vieler großer jamaikanischer Produktionen findet.

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Hätte Toots sich die Rechte auf das Musikbett gesichert (hier oben seine Fassung mit Shaggy), vielleicht wäre die gesamte Reggae-Geschichte anders verlaufen. Denn Toots war ebenso wie Jimmy Cliff, Max Romeo, Third World und Bob Marley zeitweise auf dem Island-Label gesignt (heute Universal). Wie Max Romeo sich heute erinnert, hatte aber nur Bob etwas von deren Werbe-Budgets. Man hätte sicher auch einen der anderen Acts in den USA groß rauskommen lassen können. Das enorme Potenzial von Toots wurde verkannt, seine Plattenkarriere nie wirklich gefördert. Es gibt auch nur wenige offizielle Alben im klassischen „Album“-Format-Sinne von Toots & The Maytals. Die meisten Longplayer sind verkappte Compilations, so dass sich viele Tracklistings überschneiden.

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Dabei wäre gerade „Funky Kingston“, im selben Jahr wie Marleys „Catch A Fire“ erschienen, ein guter Ansatzpunkt für eine US-Karriere. Statt auf die Verknüpfung mit Funk setzte Chris Blackwell bei Island Records lieber auf Reggae, der nach Rock klang. Das „Stir It Up“-Intro von Bob Marley & The Wailers steht dafür bezeichnend Pate. Sicher wäre reizvoll gewesen zu hören, wie Toots auf die Disco-Welle reagiert hätte. Fusionen zwischen Disco und Reggae gab es ohnehin vom anderen Ufer her: Die Band Kool & The Gang, deren Gründer, Saxophonist und Keyboarder Ronald Bell uns am Tag vor Toots verließ, inspirierte schon früh die Reggae-Szene.

Kleiner Exkurs: Aus Kools „Funky Stuff“ wurde der „Reggae Stuff“, manchmal falsch geschrieben als „Raggae Stuff“ bei The Chosen Few. Und Kool And The Gang ließen sich zurück inspirieren. Songs wie „Get Down On It“, „Ooh La La (Let’s Go Dancing)” und das von Ronald Bell produzierte „Reggae Night“ verwenden beiderlei Stile, Disco wie Reggae, und vermengen sie durchaus geschickt.

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Letzterer Tune, „Reggae Night“ war ein Hit für Jimmy Cliff, lange nach dessen „großer“ Zeit, und nachdem er Island verlassen hatte.

Im Gegensatz zu ihm, gelangen Toots keine Hits mehr, nachdem man bei Island das Geld anders ausgab und Bob Marley in große Interviews wie etwa beim US-„Rolling Stone“ hineinkaufte. Wichtig ist aber, dass „Funky Kingston“ keine Eintagsfliege war, sondern einer der größten Reggae-Tunes aller Zeiten und einer der außergewöhnlichsten, und dass Toots mit „Chim-Cherry“ und „Pomp And Pride“ auch weitere Songs auf Soul& Funk-Riffs und ausgefeilten Bläser-Choreographien aufschichtete.

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Für die Disco-Welle wäre das alles sehr ausbaufähig gewesen, hätte Toots einen zweiten Frühling beschert und vermutlich mindestens so eingängig geklungen wie „Could You Be Loved“, der Disco-Reggae-Hit von Bob Marley (1980).

Mit dem Abflauen von Toots‘ Tonträgerkarriere war eine Art „neuer“ Bob Marley dann nach Bobs Tod nicht in Sicht. Dennoch ist es korrekt, auf der Suche nach denWurzeln des Reggaedem guten Toots mindestens so viel Urheberschaft bei der Stilentstehung zuzuschreiben wie Bob. Toots & The Maytals sangen „Do The Reggay“ (1968) und „Reggae Got Soul” (1969), zuvor war der Begriff Reggae gar nicht in Songtexten und –titeln aufgetaucht.

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Dieser nächste jamaikanische Stil nach jenem Rocksteady, forderte orthographisch heraus: Ob nun „Reggay“, „Raggae“ oder „Reaggie“, was ist richtig? Richtig ist aktuell „Reggae“, gleichwohl der Begriff „Ragga(muffin)“ bis heute einen Substil bezeichnet, wie der schwedische Zahnmedizinstudent Dr. Alban in seinem Song „Reggae Gone Ragga“ einmal (1992 auf „One Love“) ausführlich analysierte. Auch eine Möglichkeit, sich sein Studium zu finanzieren: Songs über Musik aufnehmen.

So genreprägend wie Toots war, passt es auch, dass sich seine neue, letzte Platte sehr offen wieder funky Instrumentierungen zuwandte und experimentiert: „Got To Be Tough“ erschien am 28. August 2020, somit genau zwei Wochen, bevor der Sänger nun verstarb. Ein Timing, das irgendwie gruselig an David Bowies und Leonard Cohens Tod erinnert.

Seit 1981/82 hatte es kaum mehr neue Alben von Toots gegeben. Die meisten waren Neuaufgüsse alten Materials, und wenn mal Neues kam, dann nur sehr selten. 1997 erschien „Recoup“, 2002 „World Is Turning“, 2010 dann „Flip and Twist“. Auf „Got To Be Tough“ ist Toots in Bestform zurück – umso trauriger, dass er nicht mehr die Chance hat, diese Songs live zu spielen.

„54-46 That’s My Number”, “Monkey Man”,  „Pressure Drop“, „Sweet And Dandy”, die Coverversion “Hard To Handle”, sie alle waren große, smashige Nummern für Toots, kurze Songs, die er in Konzertlänge zu dehnen verstand. Mit Ansagen hielt er sich nicht groß auf, gewöhnte sich an, Hit um Hit abzufeuern, Ska-Medleys zu bauen, 90 Minuten prall zu füllen und in erlesener Qualität. Toots auf der Bühne war ein Garant für spannende Shows, für hohe Musikalität und organischen Bläser-orchestrierten, vollen, satten Sound.

Sein erster lokaler Erfolg war ihm 1964 mit „Never Grow Old” gelungen. Eine zwölfmonatige Haftstrafe wegen angeblichen Cannabisbesitzes zog ihn bald darauf aus seiner Karriere heraus. Doch seine beiden Maytals-Mitstreiter warteten auf seine Haftentlassung und traten mit ihm danach in eine Serie von Genre-bildenden Songs ein. „Monkey Man“ faszinierte Gwen Stefani von No Doubt ebenso wie Amy Winehouse, die eine authentisch empfundene Fassung auf ihrer „Ska EP“ hinterließ – zu finden auch auf der „Back To Black“-Deluxe-Edition.

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So weit und tief reicht Hibberts‘ Einfluss über Genregrenzen hinweg.

Er ist der Rootsman ohne Ganjasongs, dafür derjenige, der positive Botschaften ebenso wie kritische locker verbinden konnte, wie das Yin und Yang auf seiner finalen Platte zeigt. Da wären düstere, teils politische Texte, wie „Just Brutal“, „Stand Accuse“, „Warning Warning“ und „Struggle“, andererseits auch ‚up-liftende‘ wie „Good Thing That You Call“, die eher Party-tauglichen, repetitiven Banger „Freedom Train“, „Having A Party“ und das Marley-Cover „Three Little Birds“. Toots wagte musikalisch viel, er coverte The Who genauso wie Otis Redding, war open-minded.

Auch wenn manche Kritiken nicht so dolle ausfielen, ließ er sich seltenst lumpen. Mit etwas Goodwill, und, wenn man als Hörer*in selbst offen an die Tonträger herangeht, wird man stets hervorragendes Material finden – manches klingt ‚eigenartig‘. Gerade das ist ja auch das Tolle an Toots and The Maytals. Erwartungen in puncto Hörgewohnheiten mal zu torpedieren.

Wenn er und wenn die Gründergeneration um The Skatalites & Doreen Shaffer, Marcia Griffiths, Kollege Cliff, die damaligen Maytals-Konkurrenten The Heptones und Clinton Fearon (damals The Gladiators), Roots-Legende Max Romeo und Dub-Eminenz Lee „Scratch“ Perry einmal nicht mehr unter uns sind – es ist die Frage, wie Reggae dann eine Magnetwirkung auf Festivals mit 30.000 Leuten diverser Altersgruppen entfalten will. Somit braucht es in einer Zeit nach Corona fürs Offbeat-Genre ein grundsätzlich neues Konzept. Auf jeden Fall wird er fehlen: der Mitbegründer des einzigartigen Schlurf-Rhythmus, dessen Stimme auch mit Mitte 70 so viel Strahlkraft entfaltete. Rest in peace and stand strong, Toots!

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