Da ist er wieder, dieser Vandalismus. Schroff und unverhohlen und verkopft und manchmal so stumpf und trotzdem so unfassbar intellektuell und deep und authentisch und liebenswert. Seine Vermummung hat er immer noch nicht abgelegt, immer noch weilt er absichtlich um Untergrund, immer noch zieht er »Benzin und Farbe« Chardonnay und Purple Haze vor, immer noch sind seine Lieder gesäumt von stilbewussten Vocal-Samples aus längst vergessenen Film-Klassikern. Der Corona-Lockdown hat Vandalismus die Möglichkeit gegeben, noch schneller als gewohnt mit neuem Output an die Öffentlichkeit zu gehen: Am 4. September erscheint »Gloria und Schwefel«, eine Platte, die die verschiedenen Welten seiner umfangreichen Legacy unter verschiedenen Künstlernamen, gekonnt fusioniert.

Vandalismus und ich treffen uns ein knappes Jahr nach Veröffentlichung seiner letzten Platte »Freunde lügen nicht« und unserem letzten Interview an einem sonnigen Samstagnachmittag in Kreuzberg, um im lockeren Stil und unter Einhaltung der Abstandsregeln über den kreativen Setzkasten »Gloria und Schwefel« zu quatschen. Und über Nerdismus und identitäres Losertum und seine seltsam-sympathische Fanbase.

Vandalismus
Vandalismus (Pressefoto von Maxim Dean)

Vandalismus im Interview

Ich würde behaupten, dass du lange nach deinem Platz in der Rapszene suchen musstest. Gleichzeitig meine ich deiner neuen Platte anzuhören, dass du inzwischen fündig geworden bist.

Ja, ich bin gerade irgendwie entspannter, weil ich mir meiner Rolle ein bisschen bewusster geworden bin. Früher schwang da eine andere Romantik mit, auch weil ich immer dachte, dass noch richtig was gehen könnte. Ich bin fahrlässiger und unreflektierter durch die Welt gestolpert und habe mir ständig viel zu große Hoffnungen gemacht, wodurch alles, was mich umgeben hat, viel zu viel mit mir gemacht hat und dauernd mit einer ungesunden Dramatik verbunden war. Heute bin ich gefestigter. Ich freue mich immer noch über die vielen kleinen Erfolge, aber irgendwie sind da Bremsen eingebaut. Die roten Bereiche sind ausgelassen, ohne, dass ich meine gesunde Leidenschaft für die ganze Sache verloren habe oder zu abgeklärt bin.

Die neue Platte geht im Vergleich zu »Freunde lügen nicht« stilistisch wieder mehr in Richtung Degenhardt. Wo zieht du – Stand jetzt – die Grenze zwischen den beiden Alter Egos?

Bei der ersten Platte, die ich unter dem neuen Alias veröffentlicht habe, war mir die Angrenzung vom klassischen Degenhardt einfach sehr wichtig. Ich wollte mich locker machen, mehr nach meinem Bauchgefühl gehen, nicht zu viel Persönliches reinpacken und auf diese unheimliche Schwere verzichten, die bei Degenhardt oft mitgeschwungen ist. Und das hat auch geklappt, das habe ich mir quasi selbst bewiesen. Diesmal habe ich mir selber wieder ein bisschen mehr Freiraum für deepere Sachen eingeräumt, allerdings mit dem klaren Vorsatz, dabei nicht ins Toxische, nicht ins Deprimierende, nicht ins Belastende abzurutschen. Ich bin ja trotz des Namenswechsels nicht plötzlich Fun-Rapper: Ich will gehaltvolle Sachen sagen und punchen.

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Trotzdem wirkt Vandalismus – zumindest auf mich – entertainender, leichter verständlich, irgendwie nicht ganz so untouchable wie Degenhardt …

Ich weiß genau, was du meinst. Aber das war nie wirklich Konzept. Damals waren die Texte schwerer, auch, weil sie deutlich mehr um meine persönlichen Geschichte gekreist haben. Mir ist häufig erst durch die Reaktionen der Leute aufgefallen, wie viel ich da teilweise preisgegeben habe. Beim Schreiben selbst hat sich das immer nur gut angefühlt, während des anschließenden Refexionsprozesses dann teilweise nicht mehr.

Logisch. Du hast dich in deiner Kunst ja oft ziemlich gnadenlos und überraschend ehrlich mit den Abgründen deines Innenlebens und Selbstekel auseinandergesetzt. Hast du damit eigentlich Menschen angezogen, die – auch außerhalb deiner Musik – Hilfe von dir erwartet haben?

Natürlich! Ich habe meine Rolle in dieser Hinsicht am Anfang auch überschätzt und meinte, da mehr leisten zu können, als ich es am Ende konnte. Gleichzeitig gehört es nicht zu meinen Stärken, einfach drauf zu scheißen, wenn mir Leute schreiben oder von ihrer Geschichte erzählen. Ich bin nicht Profi genug – und will es auch nicht sein – um einfach zu sagen, dass ich mir den Kram nicht reinziehen will. Früher konnte ich also immer schwer damit umgehen, wenn ich verzweifelte Nachrichten bekommen habe … Inzwischen ist mein Umgang damit schon deutlich professioneller: Ich nehme mich dem einmal an, empfehle im Zweifel einen Therapeuten, aber bin dann auch wieder raus.

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Die Tatsache, dass du derartige Nachrichten bekommst, legt offen, dass du trotzdem ein spezielles Verhältnis zu deiner Anhängerschaft pflegst. Wie kann ich mir denn einen klassischen Vandalismus-Fan vorstellen?

Von meinen Konzerten und meinem Shop ausgehend, habe ich ein ziemlich diverses Publikum, das vielleicht am ehesten mit der Antilopen-Crowd vergleichbar ist. Da versammeln sich viele seltsame Menschen, nerdy Rap-Normalos, linke Leute, Metaller, Punks, Typen mit Feine-Sahne-Fischfilet-Shirt und Air Max … Irgendwie eine schöne Mischung aus verschiedenen Subkulturen und sehr wenig Mittelmaß. Darunter ungefähr zwanzig Hardcore-Fans, die halt mega krass drauf sind und sich jedes meiner Shirts bestellen.

Würdest du sagen, dass du dir – was die Karriere als kommerziell erfolgreicher Künstler angeht – gelegentlich selbst im Weg stehst?

Ich bin zumindest sehr schlecht darin, mich selbst zu pushen. Bedeutet: Ich vermarkte mich schlecht und habe ein bipolares Verhältnis zu meiner eigenen Extrovertiertheit. Ich kann schon eine Rampensau sein, aber auch völlig an einem Facebook-Post oder einer Kauft-mein-Album-Ansage verzweifeln. Gleichzeitig fiel es mir nie schwer, über persönliche Schwächen, meine Sensibilität oder darüber zu sprechen, dass ich manchmal ein unsicherer Typ bin. Die Eigendarstellung als Klischee-Loser ist dir ja auch nie wirklich schwer gefallen. Im Gegenteil! Lustigerweise war der Disstrack gegen mich selbst in all der Zeit der Song, der mir am leichtesten von der Hand gegangen ist. Sowas würde ich auch jederzeit wieder machen, weil ich es einfach charmant fand.

Siehst du dich – vielleicht gerade deshalb – als Antithese zum derzeitigen Rap-Mainstream?

Wenn ich an Yin Kalle denke schon, also teilweise ja (lacht). Eigentlich will ich aber niemanden öffentlich anprangern und viel eher betonen, dass es unheimlich viel guten Rap gibt. Und, dass ich mich einem Teil der Szene durchaus zugehörig fühle, obwohl ich gewissermaßen Einzelkind bin.

Beim Hören der neuen Platte ist mir mal wieder aufgefallen, wie groß dein Deutschrap-Knowledge ist. Du verteilst zum Beispiel – mal mehr, mal weniger verklausuliert – Shoutouts an Jewlz den Hoodwatcher, Mach One, Martin Shitler und (früheren) Prinz Porno, also an Protagonisten, die der jüngeren Rap-Generation und vielen deiner Hörerinnen und Hörer bestimmt nichts sagen.

Ich bin grundsätzlich Fan von Dingen, in denen man etwas entdecken kann, und habe seit dem ersten Album mit Elementen gespielt, die nur Nerds peilen können. Klar freue ich mich, wenn es Leute gibt, die die verschlüsselten Hinweise checken, und würde auch niemals absichtlich Texte schreiben, die gewollt kryptisch oder nur für Fachidioten gemacht sind … Aber ich liebe auch in meinem Leben diese Momente, in denen ich verstecke Botschaften verstehe. Irgendwann habe ich zum Beispiel verstanden, dass David Bowies Major Tom ein Junkie war, das sagt er in einem anderen Lied irgendwo. Das Astronauten-Motiv war also nur eine Metapher. Solche Eastereggs will ich auch in meiner Musik haben, irgendwie habe ich Bock auf dieses Frickel-Ding.

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