Die vegane, politische Boom-Bap-Rapperin Sa-Roc ist seit 2002, so richtig intensiv seit 2010 aktiv. Zahlreiche Alben hat sie veröffentlicht. Jetzt unternimmt sie einiges, um auch in Europa ins Bewusstsein zu dringen. Dazu zählt ein Interview, das wir mit ihr führen konnten.

In ihrem aktuellen Song „r(E)volution“ brennen Autos auf Straßen, bei den Black Lives Matter-Demos. Was hier seinen Peak erreicht, findet aber nicht nur momentan statt.

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Sa-Rocs fünfte Vorab-Single aus dem Album „The Sharecropper’s Daughter“, das im Oktober erscheint.

Es gibt dafür eine lange Entwicklung, eine „Evolution“. Lange dauerte auch die Entwicklung zu Sa-Rocs nunmehr zehntem Album. Auch zahlreiche Mixtapes und eine EP existieren. Auf dem Mixtape „Step Into The Light“ rechnet sie 2017 damit ab, dass Radiostationen manchen Acts gegen Bezahlung Airplay einräumen und sonst nicht. Für die spirituell geerdete, belesene Lyrikerin sind solche Praktiken unvorstellbar. Sie hatte schon Begegnungen mit Acts aus einer ganz anderen Liga. Dass sie die jamaikanische Spoken Word-Legende Mutabaruka schon getroffen hat (Mutabaruka: geboren 1952, heute nur noch selten mit neuen Tracks aktiv) weckte meine Neugier als Reggae-Fan. Jenes Treffen mit ihm ereignete sich, als sie noch Schülerin war.

Als ich in die Schule ging, war das im Sankofa Institute. Der Fokus dieser Einrichtung lag auf afrikanischer Geschichte und auch der Geschichte afrikanischstämmiger Menschen überall in der Diaspora. Auch in der Karibik und in Südamerika und so weiter, also nicht nur in den USA.

Eine meiner Lehrerinnen, die sehr darauf aus war, meine Kreativität zu fördern. Sie war sehr gut befreundet mit einer Reihe von Akademikern und Künstlern, und so auch mit Mutabaruka. Sie hatten sich bei Arbeiten zu einem Film kennen gelernt. Der hieß „Sankofa“ und befasst sich mit der Sklavenverschleppung aus Westafrika nach Jamaika. In diesem Kontext brachte sie Mutaburaka zu uns an die Schule.

Er wirkte beeindruckend. Denn er lief damals immer barfuß herum. Ich erinnere mich daran, wie es kalt draußen war, schneite, und er kam barfuß zu uns in die Schule, und der Schnee lag noch. Gemäß seiner Glaubensregeln, stieg er also aus dem Auto aus, und stapfte barfuß durch den Schnee. Somit verströmte er auch eine machtvolle Energie und das war eine Erfahrung, die ich nie vergessen werde.

Hast du mit Mutabaruka gesprochen?

Da war ich zu jung, um zu erkennen, wie tiefgehend dieses Meeting war. Später, als ich älter wurde, konnte ich das besser reflektieren. Zu der Zeit damals, hörten wir nur zu. Da hatte ich also keine Chance, direkt mit ihm zu reden. Damals fielen mir da auch wirklich keine Fragen ein.

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Mutabaruka über die Geschichte Afrikas, im Jahr 1996. Damals auf dem Peak seiner Bekanntheit, nahm er den Track zusammen mit zwei jamaikanischen Legenden auf: Dennis Brown (verstorben 1999) und Ini Kamoze (damals als Hotstepper weltberühmt und später in den Drum’n’Bass gewechselt)

Sa-Roc hatte außer Geschichtsunterricht auch afrikanischen Tanz und Trommeln an jener Schule in Washington. Afrika, so die Essenz ihres Schulbesuchs, ist überall präsent. In ihren Lyrics spiegelt sich diese Grunderkenntnis immerzu wieder. Auch der Albumtitel „The Sharecropper’s Daughter“, „Die Tochter des Anteils-Pächters“, deutet da etwas an: Sa-Rocs Vater arbeitete auf einer Tabakplantage und wurde in Ernteanteilen vergütet.

Ich weiß gar nicht so viel über die Geschichte der Tabakindustrie. Was ich weiß, das kommt tatsächlich aus der Erfahrung meiner Familie mit dem Prinzip des „Sharecropping“. Aber über die Ernte als solche hab ich nichts erfahren. Mein Vater zeigte mir aber Tabakblätter und was man an ihnen erkennt und über das Verfahren, wie man sie haltbar macht und all die Arbeitsschritte, die dazu gehörten.

Insbesondere galten noch die Regeln der Jim Crow-Ära: Es gab krasse Segregation, es gab eine Reihe unfairer Praktiken und Taktiken, damit die Landeigentümer sicherstellten, dass die „schwarzen“ ‚Sharecroppers‘ ihre gerechten Anteile nicht erhielten. Sharecropping löste die Sklaverei ab. Dieses Modell ermöglichte den Landeigentümern, quasi gratis oder für einen sehr billigen Preis Arbeit aus den „schwarzen“ Sklaven herauszuholen, die frisch ihre Freiheit errungen hatten.

Mehr als ein Dutzend Regeln wurden in Kraft gesetzt, zum Beispiel auch zur Lagerung der Ernte, der Miete von Werkzeugen und so weiter. Oft wurden ihnen aber keine fairen Preise gezahlt. All das war ein bedeutender Teil der Biographie meines Vaters.

Was die analytische Rapperin hier beschreibt, liegt nicht ganz so fern von den Arbeitsbedingungen heutiger Paketboten. „Scheinselbstständigkeit“ würden wir das Sharecropping heute nennen. By the way, interessant, dass mit dem ‚Lockdown‘ zwar der Online-Handel zunahm, sich aber die Arbeitskonditionen solcher Paketfahrer*innen nicht verbesserte. Dabei werden oft die geltenden Gesetze nicht einmal eingehalten, wie die „SZ“ über eine bundesweite Razzia des Hauptzollamts Duisburg im Februar 2019 berichtet. Das Modell der (post-)modernen Sklaverei hält sich also hartnäckig, womit Sa-Roc’s Album einen Nerv trifft.

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Die Singles „Deliverance“, „Goddess Gang“, „Hand Of God“ und das hymnische „Forever“ gingen dem Longplayer bereits voraus. Das Album hält aber noch genügend Überraschungen bereit. Vor einigen Monaten erschien bereits ein kleines NPR „Tiny Desk At Home“-Konzert von Sa-Roc. Ich wollte von ihr wissen, ob man sich dafür bewerben muss oder eingeladen wird. „Je nachdem“, meint die Rapperin.

Wir wurden eingeladen. Aber sie haben auch Konzert-Slots, für die man sich bewerben kann, da gibt es zum Beispiel einen regelmäßigen Termin, wohl einmal im Jahr, wo sie mehrere Acts anregen zusammen ein ‚Audition Tape‘ zu machen. Aber vielleicht wählen sie da eben auch aus, wer Teil davon sein soll. Jedenfalls, ich wurde angefragt.

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Was bedeutet dein Song „Hand Of God“? Glaubst du an Gott?

Ich möchte meine Kunst einsetzen, um lange währende Mechanismen von Unterdrückung aufzudecken, die eine Gruppe von Leuten gegenüber einer anderen bevorzugen. Begründet mit „Rasse“, Religion, Geschlecht, … Ich möchte meine Musik einsetzen, um die Aufmerksamkeit zu steigern, für bestimmte Ungleichheiten in der Gesellschaft. Und Leute zu empowern, raus zu gehen in die Welt und Veränderungen wahr werden zu lassen. Sei es durch persönliche Entscheidungen oder dadurch andere Menschen zu informieren. Um sich wohl damit zu fühlen, die eigene Stimme einzusetzen: entweder beim Wählen, oder darin, manche Business-Ideen zu unterstützen oder eben auf andere Weise auf Politiker und Wirtschaftsleute einzuwirken. Also, das ist mein Ziel: Die einzelnen Menschen zu empowern, mit Hilfe meiner Musik. Und die Scheinwerfer auf die Dinge zu lenken, die sich zwecks sozialer Gerechtigkeit ändern sollten. Klar gilt das nicht nur für Amerika, sondern weltweit. Und zu der Frage, ob ich an Gott glaube: Ja, ich glaube an Gott. Ich bin kein religiöser Mensch, aber eine spirituelle Person.

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Der Song „Hand Of God“ handelt davon, wie Menschen sozusagen gezogen von der Hand Gottes agieren. Wenn wir einen Eid auf Loyalität und Treue schwören. Da bestärke ich meine eigene Integrität, ob gegenüber meiner Familie, meinen Followern, Fans, Unterstützern. Der Schöpfer spricht durch meine Stimme. In diesem Sinne sind meine Hände auch die Hand Gottes, weil wenn wir die Kinder der Schöpfung sind. Das kann man sich im christlichen Verständnis leicht vorstellen (geschaffen als Gottes Abbild); ich bin aber keine Christin. Ich halte nichts davon, Gott menschliche Eigenschaften zuzuschreiben. Was ich aber glaube, ist, dass das Licht und die Energie des Schöpfers durch mich aktiv sind. Aus dem Grunde nenne ich den Song „Hand Of God“, man könnte auch sagen, „Hand To God“, weil ich gelobe, dass meine künstlerische und persönliche Integrität erhalten bleiben.

Manchmal dauert die Erfüllung von Interview-Wünschen fünf Komma fünf Jahre. Ich hatte Sa-Roc auf Akua Narus Song „Boom Bap Back“ Anfang 2015 kennen gelernt und war sofort Feuer und Flamme. Sa-Rocs Album „The Sharecropper’s Daughter“ erscheint als Vinyl, CD, MP3 über Rhymesayers Entertaiment im Vertrieb von Secretly Distribution am 02.10.2020 und lässt sich digital in den loss-less Formaten WAV, AIFF etc. auch via Bandcamp ordern (https://sa-roc.bandcamp.com/album/the-sharecroppers-daughter).

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