70 wurde Stevie Wonder im Mai – jetzt setzt er neue Impulse, überrascht mit unerwarteten Kollabos und gründet ein eigenes Label. Die Aktivitäten bringen Farbe in die graue Lockdown-Tristesse des Musikbiz. So gesehen verhält sich die Soul-Ikone antizyklisch. Andererseits, den beiden US-Präsidentschaftskandidaten Trump, 74, und Biden, bald 78, hält der Senior eine Wahrnehmung der USA entgegen, die im Wahlkampf der beiden kaum eine Rolle spielt.

Die Vereinigten Staaten scheinen Wonder auf sozialer Ebene gespalten. Und das macht sich seinen Lyrics zufolge an einem Grundgefühl fest. Nicht alleine an Obamacare, Bewaffnung und Polizeikontrollen nach Hautfarbe. Viel mehr überlässt der Staat zu vieles sich selbst. Fatalistisch, schicksalsgläubig, in the hands of fate. Der Soul-Star übernimmt damit die Position Bernie Sanders‘, des ausgeschiedenen Hoffnungsträgers der Democratic Party.

Der Senior teilt sich mit 23-Jährigen HipHop-Acts das Mikro

Mit am Mikrofon im Wahlkampf-Song „Can’t Put It In The Hands Of Fate“ sind der Rapper Busta Rhymes, die 23-jährige HipHop-Newcomerin Chika, die Feministin Rapsody sowie der 23-jährige (YBN) Cordae. Jener Rap-Shooting-Star schaffte es mit seinem minimalistischen Stil und dem Backing des finanzschweren Atlantic-Labels (Warner Music), schwindelerregende Millionenzahlen auf Spotify, zwei Grammy-Nominierungen und eine Platzierung im Blogrebellen-Jahresranking 2019 abzugreifen. Wie er mit Stevie Wonder in einen gemeinsamen Song passt, erschließt sich nicht sofort – klappt aber hervorragend, auf einem jazzigen Musikbett.

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Der erlesene Song darf gerne seine 6 Minuten 42 brauchen. Denn die funky Vibes, die Vielfalt der Stimmen und alle textlichen Details gehen sofort ins Ohr und tragen das XL-Stück. Schlüsselwort des Tracks ist „Justice“ bei 4‘28‘‘ … pikant im aktuellen Streit um die Besetzung des höchsten US-Gericht.

Der Chef aus Detroit vertraut neben seinen Feature-Gästen auf acht weitere Background-Stimmen und spielt neben Keyboards und Mundharmonika auch die Harpejji. Bei diesem Instrument aus Bambusholz sind 16 oder 24 Saiten über ein Brett gespannt, es wird von oben gezupft und klingt wie ein Keyboard.

Motown, verblasste Marke: Stevie Wonder geht, Joy Denalane kommt

Wonder befriedigt aber auch eine alte Sehnsucht: Schon lange haben er und andere „alte“ Motown-Hero*innen und Legenden nichts Neues mehr von sich hören lassen. Die Marke ‚Motown‘ wird immer noch verwendet.

Exkurs: Universal (UMG) eignete sich die Rechte am Unternehmen 1999 an. Seitdem wurden kaum noch neue Impulse gesetzt: Zumal man die Soul-Sahnestücke in der Regel über Verve, die Jazz-Sparte von Universal auf den Markt lancierte, oder über DefJam, die US/Kanada-HipHop-Brand des weltgrößten Plattenkonzerns. Zuletzt releaste man auf Motown eine Sammlung relativ soul-entleerter Diana Ross-Remixes von Eric Kupper (Ende Mai: „Supertonic Instrumental Remixes“).

Die Motown-Zurückhaltung ändert sich jetzt: So veröffentlichte Joy Denalane kürzlich ein Album, das als Motown gelabelt ist und auch den Soul der frühen 70er zum Thema hat.

Von Stevie Wonder war seit 2005 nichts Neues mehr erschienen. In den letzten beiden Jahren gaben sich dann haufenweise Remixes, Re-Releases und Material von ganz zu Anfang seiner langen Karriere die Klinken der Digital Streaming-Stores in die Hand. Nun löst Stevie sich aus der Motown-Historie. Er kündigt an, ein eigenes Label zu gründen. Silbenreich benennt er es „So What The Fuss“. Dieser Slogan war auch ein Songtitel auf besagtem letzten Studioalbum „A Time To Love“ 2005.

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Die Polit-Hymne mit den Gast-Rapper*innen ist also ein Abschiedssong Stevie Wonders von der Soul-Firma aus Detroit. Vor kurzem (während des Lockdowns im April) war Motown 60 geworden, mit elf Jahren sang Stevie dort vor und wurde einer der ersten Artists auf Berry Gordys Tamla Motown-Company, Brutstätte von unglaublich einflussreichen Songs der Black Power Movement-Ära.

Mehr Liebe und eine Electric Blues Guitar

Ein zweiter neuer Track von Stevie Wonder featuret den 2013/14 extrem gefeierten Electric-Blues-Gitarristen Gary Clark jr., eine Art zweiten Joe Bonamassa. Gary Clark jr. zeigte Anfang 2019, dass er es im Beruf des Songwriters für geboten hält, klare politische Kritik zu formulieren. Quasi als Chronist. Sein Album „This Land“ stellte Gary gar in die Tradition des großen Woody Guthrie.

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Der gemeinsame Song mit Stevie Wonder wirkt aber vergleichsweise zahm – und wie einer der vielen „Wir brauchen mehr Liebe“-Songs, die uns seit Beginn der Corona-Krise überfluten. Zu beglückwünschen ist Stevie Wonder gleichwohl, weil er sich sowohl in Richtung Rap wie auch Bluesrock vernetzte und solch unterschiedlich gestrickte Nummern anbietet.

Reggae-Vorbild Stevie Wonder

Stevie Wonder stellt für viele Musiker*innen, die in den 1980er und 90er Jahren geboren sind, – neben Marvin Gaye – DAS Role Model für „Black“ Music dar. So identifizieren sich etwa im jamaikanischen Roots Reggae viele heute einflussreichen Acts mit dem Motown-Star. Diese Connection reicht bis zu Stevie Wonders Lied „Master Blaster“, einem Antwortsong auf Bob Marleys „Jammin‘“ zurück.

Als Beispiel höre man sich etwa „Ghetto Paradise“ von Chronixx an – unten in einem schön gefilmten Live-Video aus einer Tour 2018. Das Lied baut wie schon Coolios 95er-Hit auf Stevie Wonders „Pastime Paradise“ auf und findet sich im Original auf „Songs In The Keys Of Life“ (1976).

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Wonder hat als blinder Mensch immer wieder glaubhaft verkörpert, dass Hautfarbe keine Rolle spielen muss. Interessant ist, dass Farben in seiner Musik trotzdem ab und an eine Rolle spielen, so im Song „Ebony Eyes“ über eine wunderschöne Frau mit braunen Augen.

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Links:

Die offizielle Website von Motown Records zeichnet sich nicht gerade durch ein großes Roster aus. Als Star fällt die seit zehn Jahren recht stille Erykah Badu auf. Drumherum Trap und Dancefloor-R’n’B. Hoffnungsträgerin: Tiana Major9. Sie farbriziert digitalen Bedroom-Neo-Soul.

https://say-say.de/rapsody-eve Erläuterungen & Anspieltipps rund um Rapsodys Konzeptalbum „Eve“ (2019) im Blog des Hamburger Internetradios SaySay. Rapsody beehrt Stevie Wonder auf einer seiner beiden aktuellen Singles (s.o.).

Sehr viele Referenzen: Munyungo Jackson trommelte schon für die halbe Welt. Für Stevie Wonder war der Percussionist 1995 erstmals im Einsatz, nun ist er es wieder. Seine Website: https://munyungo.com

Erläuterungen zum Instrument Harpejji auf dem englischsprachigen Wikipedia.

Es ist schwierig, bei Stevie Wonder die entscheidenden Songs und Platten aus seinem riesigen Katalog auszuwählen. Die Fachwelt ist sich bei der Wahl des besten Wonder-Albums äußerst uneins. Spotify hält die folgenden 50 (!) Nummern für seine relevantesten.

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