CHU
CHU (Pressefoto)

Kaum ein Thema könnte persönlicher sein als der Tod nahestehender Personen. R&B-Sängerin CHU entschied sich trotzdem, diese Thematik zum Schwerpunkt ihrer Debüt EP zu machen. »2 my dead father« schafft es, innerhalb weniger Minuten einen tiefgehenden Einblick in die Gefühlswelt der 23-Jährigen zu verschaffen.

Die COVID-19 Pandemie stellt derzeit alle von uns vor ganz eigene Herausforderungen. Für CHU, die seit etwa 5 Jahren zwischen London und Berlin pendelt, bedeutete die eingeschränkte Reisefreiheit aber vor allen Dingen, sich festlegen zu müssen. Ihre Wahl fiel auf Berlin, nicht zuletzt aufgrund ihrer musikalischen Bezugspersonen, denn auch schon vor dem Release ihrer EP war sie dort als Songwriterin und Produzentin tätig. Genervt vom ewigen Netflixen beschloss sie, diese Isolation künstlerisch auszunutzen und im Homestudio ohne Einflüsse von außen zu schreiben, aufzunehmen und zu produzieren. Weder ihr Label, noch Freunde oder Familie, wirkten auf den Entstehungsprozess ein, und so entstanden innerhalb nur einer Woche fünf Songs mit einer Gesamtlänge von rund sieben Minuten. Und nicht nur der Input der Außenwelt wurde vermieden, denn ganz bewusst entschied CHU sich außerdem, keine Regeln aufzustellen und sich keinerlei traditioneller Songwriting-Regeln zu unterwerfen. Nach dem Versuch, die Heimproduktion zu einem Studio-Release zu machen, wurde CHU schnell klar, dass genau diese rohe Form, voll Freiheit und purer Emotionen, ihre EP ausmachen sollten.

Trotz des Titels handelt es sich aber nicht um eine EP, bei der CHU ausschließlich an ihren Vater adressierte Songs schrieb. Die Tatsache, dass ihr Vater sie verließ und später verstarb, prägten ihre Gefühlswelt Anfang des Jahres ebenso wie ihr Entsetzen über den eigenen Handy-Konsum. Kurz nach Veröffentlichung der EP sprach CHU mit mir über genau diese Gefühle, die sie auf der EP ausdrücken wollte, als auch über jene, die sie bei der Produktion begleiteten.

CHU im Interview

Deine EP ist im Mai entstanden, als du aus London zurück nach Berlin gekommen bist, um hier in Quarantäne zu gehen. Einsamkeit und Isolation wirken auf jeden anders ein. Ich hab aber in den letzten Monaten besonders von Musiker:innen oft gehört, dass die Einsamkeit sie entweder inspiriert oder genau das Gegenteil bewirkt.

Bei mir war das definitiv beides. Es hat mich schon einsam fühlen lassen, gleichzeitig kommt ja mit dieser Einsamkeit auch oftmals eine gewisse Ehrlichkeit, sich mit sich selbst auseinanderzusetzen und mal wieder auf seine innere Stimme zu hören. Die versucht einen im Alltag ja eigentlich ganz oft, etwas zu sagen, aber die kann man so leicht und schnell immer übertönen. Deswegen hat das auf jeden Fall für mich und meine kreative Arbeit was sehr Heilsames. Ich hatte einfach endlich mal die Zeit, über einige Dinge nachzudenken und dann ohne Druck Musik zu machen, einfach im Kopf mal zur Ruhe zu kommen.

Ein großes Corona-Thema scheint für dich ja auch deine tägliche Bildschirmzeit zu sein, wie man auf dem »Online Intro« hört.

Ich hab‘ einfach gemerkt, dass meine Screentime insbesondere in der Quarantäne, aber auch sonst, viel zu hoch ist. Ich frag mich wirklich, was wir da kreiert haben, was zur Hölle geht ab? Ich bin kein Gegner von neuen Sachen, ich hab‘ auch so Sachen wie TikTok und feier‘ das ab, aber wie kann das sein, dass ich mir jetzt in kleinen Alltagssituationen gar nicht mehr vorstellen kann, wie ich das ohne Zugang zum Internet regeln würde.

Ein sehr nachvollziehbares Gefühl für die meisten. Trotzdem sticht dieses kurze Intro ins Auge. Die EP heißt »2 my dead father«. Wie passt dieses Intro für dich in das Konzept?

Stimmt schon, das kann sehr unterschiedlich gewertet werden. Für mich ist die gesamte EP einfach ein Querschnitt von dem, was ich in dem Moment gefühlt habe, wie es mir ging, was aus mir rauskam. Deswegen hätte sich das falsch für mich angefühlt nur aus Konzeptgründen zu sagen, ich nehme den nicht mit rauf, obwohl der im gleichen Ritt entstanden ist. Das wäre für mich viel zu Regelaufstellend gewesen. Aber du hast schon recht, er fällt raus. Aber ich hab auch letztens gedacht, wenn ich jetzt mit meinem Dad an einem Tisch sitzen könnte, dass ich ihm schon auch erzählen würde »Du, ich bin viel zu viel Online«. Und vielleicht ist das auch im Zusammenhang mit den kurzen Songs, weil man ja so eine kurze Aufmerksamkeitsspanne durch das Internetding hat und so.

Was sich ja aber auf jedem Song durchzieht, ist die Aufarbeitung deiner eigenen Gefühle. Auf »No better feeling« sagst du, traurig sein und sich schlecht fühlen sei eigentlich etwas Gutes, dass man nicht von sich schieben sollte. Mit deiner EP hast du dich selbst deinen negativen Emotionen gestellt. Warum denkst du, ist es wichtig, diese Gefühle zu besprechen?

Ich glaube halt, wir leben in so einer Zeit der Selbstoptimierung und wir leben auch in einer Zeit, in der es total gut ist, dass zum Beispiel Mental Health Problems besprochen werden. Mehr und mehr Leute gehen in Therapie und werden offener damit. Ich denke aber besonders in Zusammenhang mit Selfcare und dem ganzen »Love Yourself«-Ding, dass viele das ein bisschen falsch verstehen. Dass man irgendwann an diesem Punkt ankommt, wo man super happy mit allem ist – mit sich selbst, seinem Beruf, seinem Körper, seinen Beziehungen – das halte ich für eine Lüge. Ich glaube, dass Selflove und co. Prozesse sind, die man nie wirklich ganz abschließt. Das gehört zum Menschen halt einfach dazu. Eigentlich gehört das doch zum gesamten Leben dazu, dass wir Höhen und Tiefen haben, so plakativ oder einfach das jetzt klingt. Ich glaube, jede Emotion die man empfindet, will einem eigentlich was sagen und wenn man sich darauf einfach mal kurz einlässt, anstatt die direkt wegzuschieben, nur weil es in unserer Gesellschaft eine negativ konnotierte Emotion ist, dann sind diese Emotionen auch viel schneller wieder weg. Einsamkeit und so, das will was in uns bewegen, dann muss man das auch mit offenen Armen begrüßen.

Kannst du denn selbst in Worte fassen, welche Emotionen du deinem Vater gegenüber empfindest und auf den Songs zum Ausdruck bringen wolltest, egal ob sie jetzt negativ konnotiert sind oder nicht?

Gute Frage, das ist gar nicht so leicht… also ich glaube schon, dass ich sagen kann, dass ich Enttäuschung ausgedrückt habe oder halt diesen Wunsch, dass er sich mehr für mich und mein Leben interessiert hätte. So ein bisschen auch dieses Gefühl von Unverständnis oder sich nicht gesehen fühlen, so bei »Graveyard Song« oder »Drowning«. Gleichzeitig muss ich aber sagen bin ich so unglaublich dankbar für das Leben, das ich leben kann. Ich mache meinem Vater ja auch gar keine Vorwürfe, dafür dass es so gelaufen ist, hab‘ ich auch eigentlich noch nie. Ich hatte trotzdem eine sehr schöne Kindheit und Jugend und ich denke auch oftmals, dass es besser ist, wenn der Elternteil gar nicht da ist, als wenn er dann nur so sporadisch da ist und einen ständig enttäuscht. Gerade so bei »No better feeling« ist es ja so, dass ich dankbar bin, leben zu können. Aber ich wusste ja auch, dass er diese EP nie hören kann. Deswegen ist das ganze eher ein innerer Dialog mit dem inneren Kind, was dieses Kind oder eben ich gerne für eine Vaterfigur gehabt hätte.

Natürlich kann dein Vater die EP nicht hören, aber trotzdem hast du diesen »inneren Dialog« ja mit der Welt geteilt. Möglicherweise hören das Menschen, die deinen Vater kannten. Und natürlich hast du deine persönlichsten Gefühle auch mit wildfremden Menschen geteilt. Wie fühlt sich das an, so intime Texte zu veröffentlichen, ohne zu wissen, wer sie am Ende des Tages hören wird?

Auf der einen Seite gut, aber es fühlt sich auch sehr seltsam an. Es fühlt sich so an, als würde ich mich extrem offenbaren und angreifbar machen, ich mach‘ mich damit selbst verletzlich. Ich muss auch sagen, dass ich vor und nach dem Release auf einmal richtig krasse Panik geschoben habe. Auf einmal fand ich alles scheiße, wobei das vielleicht auch normal ist. Aber ich habe wirklich auf einmal gedacht »Nein, das ist alles viel zu krank, ich will das gar nicht«. Ich hab‘ wirklich Angst bekommen, dass Leute, die mich gar nicht kennen, sich eine Meinung bilden. Inzwischen geht’s wieder, ich konnte mich schnell beruhigen. Aber ohne Frage, das war ein seltsames Gefühl, aber trotzdem irgendwie ein gutes.

Stand jemals die Möglichkeit im Raum, die EP aufgrund dieser Punkte zu verwerfen oder zumindest nicht zu veröffentlichen?

Klar habe ich gezweifelt, aber inzwischen denke ich mir, es gab einfach keinen anderen Weg, es gab keine andere Option. Ich hatte Anfang des Jahres eigentlich schon andere Songs fertig, das Label war auch ready, aber es musste einfach dieses Projekt sein. Ich hab‘ alles hingeworfen und hab‘ denen gesagt »Ne, das will ich doch nicht machen. Ich muss was Eigenes machen, was Authentischeres, ich muss was machen das wirklich aus mir kommt«. Es gab keine andere Option für mich.

Ein Interview von Nelleke Schmidt für Blogrebellen

CHU – 2 my dead father

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