The Beauty Of Gemina
The Beauty Of Gemina (Pressefoto von Colin Weber)

Genre: Singer/Songwriting, Art Rock; mit verschieden stark dosierten Spuren von Gothic, Grunge, Industrial, New Wave
Label: TBoG Music

Sieben Alben, zwei Akustik-Sessions und ein Live-Album hat diese Schweizer Band schon veröffentlicht. Wie auch Emily Barker und die Doves, haben Michael Sele und seine Bandkollegen hier alles selbst in der Hand. Der neue Albumtitel „Skeleton Dreams“ legt schon eine gewisse Gothic-Ästhetik nahe. Gewisse Parallelen zum Schmirgelgesang von Bands wie Tiamat lassen sich nicht ganz von der Gand weisen. Für Gothic sind wir hier keine Experten. Ich rezensiere das Ganze trotzdem, aus Sicht eines „Außenstehenden“.

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Dennoch machen TBoG etwas Eigenständiges und entziehen sich allen Genres. So biegt ihr Sound sanft um die Ecke und kann sicher die Herzen von Tindersticks-Fans erfreuen. Nostalgischen Sympathisant*innen von Echo & The Bunnymen, The Church, The Stranglers, Mott the Hooples Ian Hunter und der 80er-Jahre-Band The Fixx dürfte der geradlinige, akustische Stil ebenso Spaß machen.

Doch Vergleiche beiseite: Rauer, angenehmer, teils beeindruckend tiefer Gesang, Songs für Zugfahrten und aus dem Fenster schauen, zurückhaltende Instrumentierung, trockene Akkordverläufe mit minimalen Tonhöhen-Sprüngen – so lässt sich das Album auf ein paar Markenzeichen herunterbrechen. Gleichwohl birgt es einige Abwechslung, sowohl was die Intonation und Instrumentierung angeht, als auch die entfalteten Stimmungen.

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The Beauty of Gemina haben ihr Album „Skeleton Dreams“ am 04.09.2020 auf ihrem eigenen Label herausgebracht. Um den Digitalvertrieb kümmert sich die iMusician Digital AG.

Zu den Höhepunkten zählt das schwelgende und schwebende „Friends of Mine“ mit zarten Tastenton-Tupfern und einem Schlagzeug, das so dezent wie ein Metronom durchspielt. Der Text erzählt von Treue bis ins Grab. Der Industrial-inspirierte dumpfe Bass-Track „Resurgence“ schlägt in der Album-Mitte eine Kerbe zwischen die stilleren Songs, bleibt aber ebenfalls verhalten.

Wer Leonard Cohens „Songs of Love and Hate“ im Regal stehen oder auf der Festplatte liegen hat, weiß wahrscheinlich, dass intensive Songs keine explosiven Momente und keine großen Melodiebögen brauchen. In der Reduktion und den Spoken Word nahestehenden Lead Vocals steckt gerade der Reiz dieser traurig-schönen Platte von The Beauty of Gemina.

Zweifel an dem, was wir glauben (in „Dark Suzanne“) und impressionistische Eindrücke aus einer Situation des Wartens und Erinnerns (in „Nine While Nine“) tragen in der Summe zum Eindruck bei, einem sehr achtsamen Storytelling beizuwohnen. Gerade den Text der Coverversion nimmt man im Original der Sisters of Mercy (1985) um einiges weniger deutlich wahr.

Die hervorragend abgemischte neue Scheibe findet im stimmungsvollen „I Come to Grief“ ihren Peak (Anspielung auf einen Doom-Metal-Albumtitel von 1994). In diesem Track (Nummer 10 von 14) nehmen The Beauty of Gemina einiges Tempo heraus. Es fallen im Wesentlichen noch die Akustikgitarre und glibbernde Synthie-Flächen unter dem Gesang auf, von dem jede einzelne Silbe absolute Consciousness signalisiert.

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„Apologise“ knüpft wiederum deutlicher an die englische New Wave-Schule an. „Hold On to This Night“ wirkt wie eine Klavier-Etüde in Demo-File-Ästhetik, wirkt aber genau durch ihre Skizzenhaftigkeit authentisch. Trotz majestätischer Riffs hat das gesamte Album etwas sympathisch Pathos-Befreites.

Stilistisch zuordnungslos, aber dramaturgisch wie ein Live-Set

Die Schweizer Combo liefert ein atmosphärisch dichtes Werk. „Skeleton Dreams“ hat eine traumverhangene Grundstimmung und klingt doch hellwach. Die stilistische Zuordnungslosigkeit bewahrt sich das Experimentelle von eigenwilligem Art Pop. Die Album-Dramaturgie macht es leicht, sich die Song-Sammlung als Live-Set oder auch als Musical mit Handlungssequenzen und musikalischen Zwischenspielen vorzustellen.

Anspieltipps:

  • „Hold On to This Night“ (intimster Song),
  • „Maybe God Knows” (Blues-Zitate),
  • „Friends of Mine“ (Nick Cave wäre wohl neidisch auf Komposition und Vocals), „Where Has It All Gone“ (alternativer Soft Rock mit genialen Synthie-Spuren),
  • „Nine While Nine“ (in dieser Version mindestens so schön wie R.E.M.s „Losing My Religion”).

ART POP & Indie – Die Serie

Warum eine Serie? Nun, die meisten Namen in dieser Serie ziehen im deutschsprachigen Raum nicht allzu viel Aufmerksamkeit an. Sollen die Artists also einander gegenseitig pushen, indem wir sie miteinander verbinden. Hier findet ihr Releases aus dem Zeitraum August 2020 bis Januar 2021, die im weitesten Sinne mit Art Pop und meist auch mit Indie-Labels zu tun haben. 
Auswahlkriterium: Nicht klassifizierbar. Innerhalb des Indie-Rocks keiner größeren Strömung (also keinem New Wave, Synthie, Folk, Psychedelic, Kraut, Indie-Soul usw.) zuzuordnen. Nischenmusik zwischen allen Stühlen. Mit Instrumenten, Vision und Wagemut.
Hier findet ihr alle Artikel der Serie!

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