Einstieg mit einer Gasmaske. Dann die Einblendung des Pseudonyms der Künstlerin, flackernd, kaum lesbar. In einer seltsamen Schriftart, die unterbewusst an Western und Cowboys erinnert, blitzt „Chinchilla“ auf. Die Buchstaben zappeln wie bei einem Stromausfall, die Frau im Clip kriecht auf dem Boden. Die Elektrizität reicht aber noch für den Tracknamen. Der erscheint, als wäre es ein Filmtitel: „The Getdown Lockdown“. Die Dame ist wieder aufgestanden, man sieht sie im Gasnebel. Sie trägt einen voluminösen, gelben Hut, sieht aus wie eine Voodoo-Zauberin. Und eine Nickelbrille mit zu großen, erdbeerroten oder currygelben Gläsern – je nach Kamera-Winkel. Sieht aus wie ein typisches Early 90ies-Vintage-Gestell. Elf Sekunden, mit denen die Londonerin Chinchilla uns in ihren Anti-Song gegen Lockdown-Maßnahmen zieht.

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Den Griff zur Gasmaske kennen wir bereits aus dem Bayerischen Landtag, dort von einem Abgeordneten der AfD-Fraktion. Nun hat diese Partei aber Kritik gegen ausufernde Lockdown-Maßnahmen nicht gepachtet. Chinchilla ist als eine der wenigen Künstlerinnen hervorzuheben, die das 2020 oft thematisierte Wortfeld „Isolation“ – „Pandemie“ – „Virus“ – „Distanz“ – „Abflachen der Kurve“ – usw. weitaus tiefsinniger und streitlustiger nutzt, als nur um sich in Social Media in Erinnerung zu bringen.

Exkurs: Lockdown-Songs gibt es wirklich viele. (Ein paar gute folgen hier noch.) Doch die meisten plappern aktuelle Schlagwörter nach und lassen wenig Sinn erkennen. Viele bringen es fertig, das generell oft präsente Thema „Liebe“ mit dem Lockdown in Verbindung zu bringen. Liebe? Dabei fühlen sich – spreche ich aus eigener Anschauung – alte oder kranke Menschen durch ausbleibende Besuche oft gar nicht geliebt. Einen Platz zum Flirten zu finden, für Dates: schwierig, wenn so vieles von Restaurant über Kino bis Fitnessstudio zugeschlossen wird. Auch nicht gerade der große Aufwind für die Liebe…

Shoutet rap-artverwandt und pflegt lässige, funky Grooves

So, und wer ist jetzt diese Chinchilla? Angesichts der lässigen Funky-Grooves und des Nasenrings wohl keine Rechtspopulistin, sondern eher dem linken Milieu zuzuordnen. Und das Brillengestell liefert einen Querverweis auf gewisse Momente, in denen sie rap-artverwandt shoutet. Schauen wir sie uns mal ohne Verkleidung an:

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Mit dem estnischen Electro-Künstler NOËP erschien kurz zuvor „On My Way“. Kaum zu glauben, dass es sich hier um dieselbe Chinchilla handelt (wohl eher durch eine tanzende Schauspielerin vertreten), aber sie ist verlinkt, und vor allem: Die Electro-Funk-Grooves ähneln einander. Mit NOËP zusammen hatte die 2019 durchgestartete Chinchilla bereits die Nummer „Fk This Up“. Das links unten eingeblendete blaue Warner-W lässt Glattheit befürchten. Trotzdem ist der Song wichtig, weil er die Stimme Chinchillas in der Pop-Welt etablierte.

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Zurück zum Lockdown. Chinchilla meint: „I reached a point in lockdown where I got sick of self-care; baths, candles, lavender oil, nourishing meals, exercise, zoom, banana bread, repeat. Pandemics really suck all the fun out of being single too. Well, they suck the fun out of most things…“ Während die in England im April/Mai teils recht drastischen Isolations-Maßnahmen und Ladenschließungen griffen, wurde es der Sängerin bald zu viel. Sie konnte sich zwar eine Weile lang mit sich selbst beschäftigen. Dann aber kam sie an einem Punkt an, „an dem ich es satt hatte, mich um mich selbst zu kümmern“.

Frustriert von sich selbst, euphorisch dank Funk

Selten liest man in einer Musik-PR-Mitteilung das Wort ‚Single‘ so wie hier: Chinchilla veröffentlicht nicht nur eine Single. Die WG-Bewohnerin ist auch Single. Und das nervte sie während der Pandemie. Die Flirts mit ihrem Paketzusteller waren auch mal ausgereizt, und sie war „stressed out“. Sich um sich selbst zu kümmern, frustriert, wenn es ausschließlich geschieht.

Die nostalgischen Sounds des Tracks wecken Optimismus. Könnte eine Zeit kommen, in der „sozial“ wieder euphorische gegenseitige Akzeptanz bedeutet? Die Funk-Anteile nehme ich durchaus in der Tradition von Rufus & Chaka Khan und von Jamiroquai wahr. Wer es etwas härter, kraftvoller, ekstatischer, explosiver und elektrostatischer mag, muss hier mal auf ein Video verzichten. Aber das Audio von „One Time“ sagt schon viel:

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Chinchillas Clip „The Lockdown Getdown“ hält viele Details in Choreographie und Requisiten bereit. Man müsste ihn mehrmals sehen, um alles wahrzunehmen: Die Paket- und Absperrbänder, die zur Distanz gemahnen. Die befremdlichen Schutzanzüge, die uns bei aller Diskussion um die richtigen Mund-Nase-Masken noch fehlen. Die unterirdisch wirkenden Locations, in denen die Künstlerin mit ihrer Tanztruppe herumstolpert. Stimmlich, lyrisch und optisch hat die Sängerin einiges Potenzial für eine nachhaltige Karriere. Sie bringt Empfindungen plastisch und direkt auf den Punkt. Sie tritt energisch und stark auf.

Zudem beweist sie im Elektronik- und Rap-Kontext ausgesprochen guten Geschmack. Sie geht kaum Trends mit. Die selbst produzierende und mit einem Freund schreibende Sängerin baut stille und perkussive Parts recht eigenwillig zusammen, wie hier in „Know No“, auf ihrer „Awakening“-EP.

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Wer eine zweite Adele erhofft oder befürchtet – liegt falsch. Beyoncé, Rihanna, Mark Ronson & Amy Winehouse und Etta James führen in Chinchillas Liste ihrer Einflüsse. Auch Stormzy, Grime- und Afrobeats-Rapper aus London, taucht auf, und teilt sich die Liste mit Klassikern der Jackson 5, mit Cardi B und der Girlsgroup Little Mix. Anscheinend ist letztere doch mehr als nur Casting-Pop, wenn sogar Chinchilla die Gruppe unter ihre „Chinfluences“ rechnet.

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