Runkus InSide (Cover)
Runkus InSide (Cover)

Er klingt mehr nach R‘n‘B als nach Reggae, ist aber durchaus ein gerne gesehener Artist auf Reggae-Festivals. Der Jamaikaner Runkus veröffentlicht sein erstes Album, einem Wort-Musik-Mixtape.

Im Hochsommer 2015 schwitzt Protoje mit einem Riesen-Tross Journalisten in einem Container in Köln. Die Lokalpresse titelt, es sei heißer als in der Karibik. Wer dort „the next big thing“ im Reggae sei, möchte ein Reporter vom (damals) gerade zum Star gekorenen Protoje wissen, und der antwortet: „Runkus!“. Damit kann der englische Pressevertreter nichts anfangen. Es ist mucksmäuschenstill, bis auf die Rotorengeräusche der Ventilatoren, die gegen die Schwüle des Supersommers ächzen. Runkus zaubert allen Fragezeichen ins Gesicht.

Interview vorm Dixie-WC

Szenenwechsel, 2018, es ist wieder heißer als auf Jamaika. Runkus ist in Deutschland. Statt in einem Container stehe ich mit ihm neben einem, genauer: einem Dixie-Klo rechts von uns. Links von uns befindet sich der Hinterausgang der Catering-Küche, hier landen Koch-Abfälle. Unter uns Matsch. Eine befreundete Musikerin hat uns dort abgestellt, hält den Ort fürs perfekte Interview-Setting. Runkus ist mürrisch, hat sich abends zuvor auf der Bühne das Knie gezerrt, beim Song „Move Yuh Feet“.

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Gefragt nach Protoje, grummelt er, nein, mit dem arbeite er nicht so viel zusammen, nur ab und zu mache er einen Vorschlag für ein paar Songzeilen. Immerhin zollt er 2020 dem Kollegen Protoje auf dem Song „Strange“ Tribut. Es handelt sich um eine Art Coverversion der noch recht neuen Nummer „Strange Happenings“. Diese befindet sich auf dem Protoje-Album „In Search Of Lost Time“.

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„Strange“ war aber nur eine Vorab-Single, die auf „Inside“ nun fehlt. Runkus liefert damit jetzt sein Debütalbum ab. Nach einem ominösen, verschwundenen Mixtape (2014). Und nach einer EP mit dem programmatischen Namen „Move In“, die er in Zusammenarbeit mit einem Münchner Label 2016 droppte.

Exkurs: eine neue Reggae-Generation

Runkus heißt Romario Bennett. Er ist Teil einer Bewegung, einer Welle: Der Generation nach dem Roots Reggae Retro-Revival. Generation Retro: Kabaka Pyramid, Protoje, Aza Lineage, Chronixx, Micah Shemaiah, Shanique Marie und ihre jeweiligen Camps, Bebble Rock, In:Digg:Nation, Lineage Family, Zincfence, EdB, Equiknoxx, nebst solchen Individualisten wie Jah9 und Jesse Royal.

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Jamaikas Musik verändert sich gravierend. Was Roots Reggae heißt, beinhaltet oft deutliche Spuren von R‘n‘B, Neo-Soul, Grime, Azonto, Deephouse, Cloud-Rap, Bongoflava, UK-Dubstep, Trap-Pop und Folktronics. Die genauen Mischungsverhältnisse sind schwer zu identifizieren. Shanique Marie kann darüber 75 Minuten lang reden und konferieren.

Die Generation danach tritt seit Jahren aus deren Schatten. Wobei die Grenzen zwischen diesen Alterskohorten so sehr verfließen wie Runkus‘ Gesicht auf dem Plattencover. Der nächste Schwung an Leuten sind solche, denen glatte R‘n‘B-Ästhetik nahesteht. Sie suchen ihren Weg zwischen Neo-Soul und Reggae. Sie sind Newcomer, mit Social Media aufgewachsen und verfolgen diverse Strategien.

Manche, wie Runkus und ebenbürtige Acts wie Blvk H3ro, Royal Blu und Leno Banton, verlassen sich fast nur auf diese Plattformen. Mit Labels, Vertrieben, Promo-Agenturen, Managern, Presse etcetera arbeiten sie tendenziell gar nicht zusammen oder nur nach Laune und auf eigene Faust. Strategie 1: Sie veröffentlichen stolz auf kaum bekannten Streaming-Plattformen wie Pandora, und sie übersehen oder nehmen in Kauf, dass diese z.B. bei uns nicht aufrufbar sind. Strategie 2: Es gibt andere, die fast im Verborgenen bleiben wie die diversen Sprösslinge Max Romeos. Strategie 3: Andere lassen sich von Protojes Mama einen Vertriebs-Deal mit Sony vermitteln und stellen sich aufwändigen Video-Drehs, wie Lila Iké, Jaz Elise und Sevana. Jedenfalls, eine neue Generation junger Reggae-Soul-Acts scharrt mit den Hufen. Sie alle sind bereits drei bis sechs Jahre älter als Shooting-Star Koffee. Bleibt sie ein Einzelfall?

Klangfarbe: Neon, Genre: sein eigenes, Markenzeichen: Schnoddrigkeit

„Inside“ von Runkus ist mitnichten das, was man von einem Roots Reggae-Album erwartet, sondern cleaner Urban-Sound in bester Mixtape-Homogenität. Doch viele der Songs haben einen starken Charakter. Ihre smoothe Oberfläche beherbergt Lines, die sitzen. Von R’n’B oder HipHop zu sprechen, trifft die Sache speziell beim Track „Quarantine Slide“, aber insgesamt nicht wirklich, doch der Charakter ist digital, kühl, in der Klangfarbe irgendwie neon. Für Pop zu dezent, für Dancehall zu entspannt.

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Runkus möchte ohnehin, dass man ihm einen separaten Genre-Namen widmet. Der selbstbewusste Newcomer bringt ein paar (vorhersehbare) Feature-Gäste mit, die nicht weiter auffallen, und zieht seine Sache mit den für ihn wichtigen Themen durch: 5G-Netz („5Gs“), Selbstdarstellung („Pose For Me“), Geld („$$$“), Isolation und Lockdown („Quarantine Slide“), Masken und noch mehr Lockdown („The Mask:2nd Wave“), wobei vieles nur Stichwörter für Text-Kaskaden sind, die er zu freestylen scheint.

Lockdown vs. Luxuskarren – neue Schlüsselwörter im Dancehall-Trap?

Besonderer Aufwand scheint bei aller Glattheit und Perfektion nicht in dem Album zu stecken, ein spontaner Wurf mit Schnoddrigkeit und doch mit Feeling. Und doch ein Debüt! Zweifellos kann er freestylen, das hat er oft bewiesen. Was man vom extremen Understatement in den Songs halten mag, fraglich. Denn das Non-Chalante wird hier so sehr zur Masche, dass es einen Touch wichtigtuerisch wirkt.

Einzig, es sind zu viele Tracks nach dem gleichen Strickmuster, und weitere Songs über nackte Mädchen und Luxuskarren hätte es nicht gebraucht. Runkus distanziert sich zwar in „Everybody Going Live (feat. Naomi Cowan)“ vom materialistischen Glitzerleben, das viele seiner Kollegen im Dancehall anvisieren.

Doch Parallelen zu den Jünglingen, die in Jamaikas Radios Autotune-Brei abliefern und rauf und runter gedudelt werden, gibt es aufs erste Hören schon etliche. Runkus hat gleichwohl die bessere Stimme, da können alle TeeJays, Alkalines, Daddy1s und Gyptians einpacken. „$$$“ mit Anspielung auf NAS‘ „If I Ruled The World“ ist bestes Patois-Toasting seit Langem.

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Kurze Skits, mit denen Runkus die Tracks querverbindet und die keine eigenen Track-Nummern tragen, erwecken ein bisschen die Stimmung theatraler HipHop-Großtaten – und Mixtape-Flair!

Sein Plädoyer für Demut und Bescheidenheit „Humble: Inside Vice“ hält an klaren Rastafari-Werten fest, sein Album-Highlight „Make It Breathe“ kombiniert edle Holzbläser-Samples mit lockeren, trappigen Hi-Hats – beides ohne zu nerven. Freundliche Melodien schlängeln sich unter Runkus‘ mitunter recht hohem Gesang, passen aber auch zu seinem Sprechgesang. „Pose For Me“ setzt sich mit dem Zeitpunkt, um am besten ein Foto auf Insta zu posten, auseinander. Als Digital Native etikettiert sich der Künstler als RunkusOldSkl (Oldschool) – Etikettenschwindel, denn alter Schule sind weder Manieren (beim Interview die Sonnenbrille abnehmen?!), noch die Reggae- oder Rap-Einflüsse, noch die Texte.

Der circa 26 Jahre junge Künstler hält sich straight an die Themen, über die er Bescheid weiß – da fehlt sicher der große Anspruch eines Cocoa Tea oder eines Chronixx, die Mechanismen sozialer Ungerechtigkeit zu hinterfragen oder gar zu recherchieren (siehe Nattali Rize). Die Regierung bekommt trotzdem ihr Fett weg, im düster-trappigen „Tan A Yuh Yaad“.

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Eine Radio-Einspielung erzählt von aktuellen Covid-19-Zahlen, Runkus erinnert daran, wie wir Menschen den Planeten kaputt machen und Parlamente aktuell oft nicht der Platz für über den Tag hinaus gedachte Argumente sind. Er findet Halt im Glauben, im „House of da Lord“, wie er in Falsettstimme verzückt mitteilt. Sitzt die Message, wechselt er gleich zum nächsten Tune.

Und da bleibt er auch gerne, wenn die Investoren in Spanishtown die Minister bestechen und Masken auch sonst getragen werden, um Verbrechen zu vertuschen („The Mask: 2nde Wave“): Eine Art Medley mit einem langen Vorspann, einem Zwischen-Skit und einem plötzlich sehr nach Ragga-Elektronik der 90er klingenden zweiten Teil, in den Runkus noch Blondies „Tide Is High“ einflechtet. Dieses Album ist ein bisschen crazy, aber gut.

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Wenn „5Gs“ einen Parforce-Ritt von der Überlegung, Covid-19 sei eine Biowaffe, über die persönliche Rettung durch Yoga bis zum Ausbau des 5G-Netzes hinlegt, wie es die Feature-Gäste Munga Honorable, Kabaka Pyramid, Jesse Royal und Royal Blu nacheinander vortragen, ist das hier alles schon sehr assoziativ, aber darin liegt auch die Kraft von „Inside“. Runkus gibt hier unformatiert wieder, was sich für ihn akut bedeutend anfühlt, und vermeidet jegliche Überproduktion. So flutscht das Album perfekt. Protoje hatte Recht: Aus dem Kerl kann was werden.

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Der Debüt-Longplayer „Inside“ von Runkus erschien am 15. Januar 2021 bei Runkus Music/Delicious Vinyl Island/SmartKid Reocrds/EMPIRE Distribution u.a. auf Soundcloud, YouTube, iTunes, Tidal usw. In einer Soundqualität besser als 256 kbs/s lässt sich die Platte bis dato nicht auftreiben.

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