Protoje – Righteous | Tune des Tages: ein Video ohne Schnitte | The Future of Reggae #2

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Der Jamaikaner Protoje hat einige Mixtapes und Alben veröffentlicht. „7 Year Itch“, „The 8 Year Affair“, „Ancient Future“, „A Matter Of Time“ und nun „In Search Of Lost Time“ heißen die Longplayer. Inzwischen hat sich der Künstler vom Underground-Act zum Vertriebs-Deal mit dem Major-Konzern Sony und dessen Unternehmenssparte RCA emporgearbeitet. In einer solchen Entwicklung stecken Risiken, zum Beispiel stilistisch zu verwässern oder sich als Künstler von einer multinationalen Mega-Krake reinreden zu lassen. Die Vorzüge liegen aber auf der Hand: Marketing-Power, Connections, mehr Zugang zu großen Multiplikatoren, ernst genommen werden.

Reggae auf MTV?

So findet sich nun ein Reggae-Video bei MTV und sogar im deutschen MTV. Der Sender zeigt seit einigen Jahren wieder deutlich mehr Musikclips als in den 2000ern, andererseits ist der Marktanteil durch die Verlagerung ins Pay-TV mittlerweile verschwindend gering. So oder so, ist ein Reggae-Clip (und gar ein jamaikanischer) auf MTV etwas Außergewöhnliches. Das Besondere am Video selbst: Es hat keinen einzigen Schnitt.

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Der eingängige Flow, die positive Grundstimmung, die geschickte Kameraführung, die ungekünstelten spontanen Bewegungen Protojes, der entspannte Beat – etliches wirkt sehr direkt und fühlt sich bei Righteous sofort richtig an. Obwohl der Track als einer der Bonus Tracks (neben zwei Remixen) fungiert und auch Video und Deluxe-Album am selben Tag lanciert wurden, gibt es aber ein Problem.

Diskographie – A Matter Of Time und Ancient Future

Denn was nicht geklappt hat, war der physische Release. Mit den Indie-Firmen Mr. Bongo (England) und Baco (Frankreich) hatte Protoje zuvor Kooperationspartner, die seine Musik in Europa auf CD und Vinyl verkauften. Etwa über eigene Webshops und Bandcamp. Zwei Beispiele für Klassiker aus den vorletzten beiden Alben sind „Like This“ (2018, aus „A Matter Of Time“) und „Criminal“ (2015, aus „Ancient Future“).

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Aktuell kursiert Protoje mit dem aktuellen Album nur in mittelstark komprimiertem MP3. Sogar, obwohl nun „In Search Of Lost Time“ als Deluxe-Version erschien. Was ist denn der Marketingzweck eines Deluxe? Dass Leute sich noch einmal einen Tonträger zulegen, der üppiger ausgestattet ist…, nicht dass sie sich nochmal extra drei Bonus Tracks runterladen, die als Nachzügler herauskamen.

Exkurs Lockdown: Presswerks-Kapazitäten und Drehgenehmigungen

Nun passiert sowas auch Weltstars wie John Legend, dessen Album auf RCA/Sony letzten Sommer nicht physisch lieferbar war und bis heute nicht als Vinyl erschien und auch nirgends in guter Qualität (WAV, AIFF, FLAC) downloadbar ist. Fairerweise sei gesagt, dass wegen der verschiedenen Lockdowns in diversen Ländern die Presswerke überlastet sind und allgemein so mancher Tonträger 2020 in der Warteschleife hing.

Zum Thema Videos an dieser Stelle ein Exkurs. Als Anschauungsbeispiele eingebunden ein paar Roots Reggae-Acts der Zukunft, The Future Of Reggae!

Da Dreharbeiten im Lockdown erschwert sind, überbrücken viele Acts mit folgenden Ausweichmethoden. Entweder man dreht auf andere Weise neu als sonst, man dreht gar nicht oder man recycelt altes Material bzw. nutzt Material ohne physische Dreharbeiten.

Exkurs Videoclips: Ersatz-Filmmaterial statt Dreh

  • Animations-Grafiken
    • Nachteile: Oft sehen sie aus wie Bildschirmschoner.
    • Oft setzen sie keinen Incentive, sich das Video komplett anzuschauen, weil kein Plot existiert und die Motive sich wiederholen.
    • Wirken unpersönlich.
    • Wirken unlebendig und distanziert, während Musik ja mit Emotion zu tun hat.
    • Senken die Messlatte dafür, was unter Videoclip zu verstehen ist.
    • Vorteile: einfach herzustellen, wenn man mit rhythmischem Schnitt bewandert ist und passende Software mit passenden Tools hat.
    • Erlauben spontane Official Video-Veröffentlichungen ohne komplizierten Vorlauf.
    • Ersparen Drehgenehmigungen.
    • Positivbeispiele oft in der elektronischen Musik, Beispiel im Artikel zu DJ Myd
  • Footage-Material (Pressefotos der Band, private Handy-Videos, Live-Mitschnitte aus dem Archiv)
    • Nachteile: Flickenteppich statt stringenter Erzählung.
    • Keine Story im Film, weil allgemeines Material in Überfülle vorhanden ist und sich nicht sortieren lässt.
    • Second Hand-Effekt.
    • Vorteile: unkonventionell, wenn gut ausgewählt und clever geschnitten.
    • Vintage-Optik. Gegenmodell zur Glitzerwelt des steril-perfekten Videos.
    • Einblicke in Backstage-Momente und das Leben der Bandmitglieder, je nach Auswahl.
    • Positivbeispiel im Artikel zu Made Kuti
  • Zeichentrick
    • Nachteile: man fühlt sich beim Zuschauen veralbert.
    • Der Trickfilm ist schlecht gemacht, da Zeichentrick noch viel mehr Können und Geschickt erfordert als Real-Film.
    • Der Film setzt einzig auf verkrampften Humor als tragendem Element, weil den Macher/innen sonst nichts einfällt.
    • Mit Sehgewohnheiten kaum verträglich.
    • Vorteile: passt bei manchen Themen sogar besser als Real-Film.
    • Im Einzelfall eine nette Abwechslung.
    • Grenzt sich deutlicher zu Live-Videos ab.
    • Positivbeispiel, ein Alltime-Classic:
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Exkurs Videoclips: Kein Filmmaterial

  • Official Audio-Videopremieren auf YouTube (Verzicht auf Bewegtbild)
    • Nachteile: Wer schaut sich gerne vier Minuten lang ein eingescanntes Cover-Bild an?
    • Lässt sich dann auch mit weniger Bandbreite über andere Streaming-Dienste anhören/anschauen. Spotify bietet dann auch oft noch Infos zur Band und Fotos sowie die gesamte Diskographie auf einen Blick.
    • Kulturelle Verarmung.
    • Vorteile: spart drei- bis fünfstellige Budget-Beträge.
    • Nicht jeder Song eignet sich für Bewegtbild, und es ist ehrlich, kein Video zu erzwingen.
    • Richtet den Fokus mehr auf die Musik.
    • Senkt das Risiko des Artists, beim Videodreh auf den falschen Tune gesetzt zu haben (nicht jeder Song passt als Single).
    • Beispiel im Artikel zu Soaky
  • Lyric Video
    • Gut, das gab es schon lange in Fülle. Oft aber von Usern erstellt. Inzwischen setzen Bands selbst darauf.
    • Nachteile: anstrengend anzuschauen.
    • Langweilig.
    • Vorteile: teils einfacher als die Lyrics zu ergoogeln, denn diese sind nicht zu jedem Song leicht zu finden.
    • Lenkt die Aufmerksamkeit auf akustisch unverständliche Textstellen und Wortwitze.
    • Akzeptables Beispiel im Artikel zu den Black Seeds (Reggae)

Exkurs Videoclips: Anderes Bewegtbild-Material, Neu-Drehs

  • Split-Screen und besondere Schnitttechniken zum Aufpeppen
    • Vorteile: Erweitert zwar nicht beim Dreh, aber bei der Post-Produktion die Möglichkeiten.
    • War in den 90ern oft üblich, mehr auszuprobieren – oft kamen bessere Videos dabei heraus.
    • Nachteile: Kann fehlende Ideen und Bildmotive nicht immer wettmachen.
    • Macht manches Video unübersichtlich.
    • Ist teilweise dann schwieriger auf den Beat der Musik zu legen.
    • Positivbeispiel im Artikel zu Celeste
  • EPK – Electronic PressKit
    • Was eigentlich für die Presse und Konzert-Booker/innen gedacht ist, ein schneller Zusammenschnitt aus Song-Schnippseln und Interview-Sätzen zwischen 1:30 Minuten und acht Minuten, wird ersatzweise allen angeboten.
    • Nachteile: Von den Songs hat man dort gar nichts.
    • Oft schlecht strukturiert, macht beim Zuschauen kribbelig.
    • Lediglich oberflächliche Informationsquelle.
    • Vorteile: ähm … Gibt es welche?
    • Positivbeispiel im Artikel zu David Gray
  • Sessions bei populären Video-Channels
    • KEXP (Live on KEXP at home), Colors Sessions, NPR Tiny Desk Concerts, Sugarshack Sessions etc.
    • Nachteile: Oft lange Blöcke, erfordern stabiles Internet.
    • Meist kein Fokus auf aktuellen Songs/Singles.
    • Für externe Medien problematisch zu teilen, weil Werbung für diese Channels (oft mit Logo-Einblendung).
    • Visuell wiederholt sich immer dieselbe Ästhetik, immer dasselbe Prinzip.
    • Vorteile: Selbstläufer, hohe Reichweite, da diese von der Plattform bedingt ist und nicht vom Artist/Label geschaffen werden muss.
    • Meist schönes Ambiente.
    • Verlässlicher Rahmen, der oft für hohe Qualität steht. Man klickt selten umsonst, sondern Erwartungen werden erfüllt.
    • Oft großartige Soundqualität.
    • Meist ganz andere Arrangements/Versionen als in anderen Veröffentlichungsformen, z.B. andere Band-Besetzung, Mittelding zwischen Unplugged und Konzert.
    • Positivbeispiel aus dem Umfeld Protojes:
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  • Live-Mitschnitt
    • Nachteile: Oft sind erste oder letzte Takte abgeschnitten oder Publikums-Atmo und Bühnenansagen in epischer Länge enthalten.
    • Klangqualität teils fragwürdig.
    • Kreative Videokunst an sich kann sich hier nicht gut ausleben, dazu ist die Bühne als geometrischer Rahmen zu starr.
    • Vorteile: Wer Konzerte verpasst hat, weil sie im eigenen Land gerade nicht stattfinden, hat eine Chance darauf.
    • Manchmal ist die Klangqualität sogar besser und organischer als im Studio, also von der Audio-Seite her vorteilhaft.
    • Selbst manche Smartphones nehmen heute in exzellenter Qualität auf und verleihen den Mitschnitten einen eigenen, besonderen Sound.
    • Unmittelbarkeit, Authentizität.
    • Positivbeispiel: eines kompletten Mitschnittes (kein Clip, aber tauglich daraus einen zu schneiden):
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  • Visualizer
    • Sehr einfache Bildergeschichte mit Bewegtbild oder Grafiken, nicht eindeutig definiert.
    • Vorteile: Es kommt visuell Action in den Song.
    • Unterstreicht einen Track.
    • Weniger ist mehr, oder?
    • Nachteile: Kann man sich einmal anschauen, aber nicht zig Mal.
    • Wirkt künstlich.
    • Sehgewohnheiten harmonieren damit meistens nicht.
    • Es lässt sich mit einigen wenigen Motiven oft kein schlüssiges Video mit einer Story, einer Pointe oder einer sinnfälligen Passung zum Songtext bauen.

Hybride in Video-Ästhetik und Musik

Protoje wagt etwas Neues. Einen Hybrid aus klassischem Video-Clip und reinem Visualizer. Zur Musik: Auch da wagte er gerne Neues. Der Künstler, geboren 1981, fing im HipHop an. Über seinen Verwandten Don Corleone, einen Produzenten, kam er mit Tonstudios in Kontakt und probierte sich aus. Sein Stil integriert in manchen Releases Disco, Funk, Boombap-HipHop, aber auch mal alten Ska und punktuell Elektronik. Protoje fördert in seinem In.Digg.Nation Collective eine ganze Reihe jüngerer Artists, darunter die Sängerinnen Jaz Elise, Sevana, Lila Iké und den Produzenten des Songs „Righteous“, Ziah. Protojes erklärtes Ziel: to make reggae great again!

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Das Album „In Search Of Lost Time“ (Deluxe) erschien am 19. März digital beim In.Digg.Nation Collective im Vertrieb von RCA/Sony.

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