Bill Withers – Würdigung zu seinem ersten Todestag

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Er schien sich nie für etwas Besonderes zu halten, obwohl er es doch ist: Kaum ein Musiker hat nahezu die gesamte Populärmusik von Jazz über Soul bis Hip Hop und Reggae, Folk, Rock, Alternative, Elektronik und Mainstream-Pop so sehr und oft mit seinen Melodien durchdrungen und so viele Musikerkollegen erreicht und zum Covern, Zitieren, Sampeln, Interpolieren und Interpretieren gebracht, wie Bill Withers es tat. Nur ganz am Anfang, mit Nilssons „Everybody’s Talking“ und „Let It Be“ von den Beatles – da covert er selbst mal. Nilsson, weil wohl jeder, der sich 1971 am Puls der Zeit bewegt, ihn covern ‚muss‘. „Let It Be“, weil Bill Withers diesem Song eine ungeahnte Kirchlichkeit zu geben vermag, einen völlig anderen Sound.

Aus vier Minuten macht er zweieinhalb, verschiebt Halbtöne, schnippt mit den Fingern und lässt fast nur Percussions und Keyboard-Orgel zu. Auf „answer“ in „let there be an answer“ und auf „be-hee“ in „Let It Be“ liegen Blue Notes. Zum Gospel-Feeling trägt eine Frau bei, die das gut kann, Bobbye Hall, Perkussionistin bei ihm und übrigens auch bei Carole King, einer anderen großen Geschichtenerzählerin jener Zeit. Carole, Bill – beiden liegt daran, sich an ein schwarzes und an ein weißes Publikum in den USA zu richten, und beide trennen Folk und Soul nicht, vereinen die Strömungen. Beide rammen unbestrittene musikalische Meilensteine in die Erde: sie mit „Tapestry“, und bei Bill kann man zwischen dem zweiten Studioalbum „Still Bill“ und der Konzert-Doppel-LP „Live At Carnegie Hall“ hin und her gerissen sein.

Withers kitzelt die Leute bei ihrer Neugier, Geschichten zu hören. Seine Musik zündet vor allem beim englischsprachigen Publikum. Zum Showstar, der das Rampenlicht braucht, wird er dagegen weniger. Auf die Frage, warum er keine Songs mehr aufnehme, entlockt ihm der Soul- und Funkkenner Fritz Egner („Dingsda“) Ende der 80er, ihm seien einfach keine Lieder mehr eingefallen. Diese Antwort hört man selten; aber es ziehen sich auch nur wenige Künstler auf dem Zenit ihres Erfolges so konsequent zurück. Withers stirbt mit 81 Jahren, seine letzte Platte erscheint, als er 46 ist. Diese letzte LP wirft einen Nummer Eins-Hit ab, als die neuseeländische Gruppe Holidaymakers daraus das schöne „We Could Be Sweet Lovers“ covert.

Withers beginnt relativ spät Studioluft zu schnuppern. Erst kurz vor seinem 33. Geburtstag kommt das Debüt. Es waren die so genannten „Riots“, die ihn dazu brachten, Musik aufzunehmen: die Randale gegen die New Yorker Polizei im Juli ’64, ausgelöst durch Todesschüsse eines Polizeileutnants auf einen 15-Jährigen, einen dunkelhäutigen Jungen aus der Bronx. „Three Nights And A Morning“ heißt der Song, „Sommernacht in Harlem, Mann, es ist echt heiß! Es ist zu heiß um zu schlafen und zu essen. Es ist mir egal, ob ich sterbe oder nicht!“. Später entwickelt Bill aus dem sich überstürzenden, wilden Psychedelic-Rock das nachdenkliche Lied „Harlem“ und dann eine Hymne „Harlem/Cold Baloney“. Fast 14 Minuten, von denen fünf Minuten lang das Publikum singt –  Schlusssong des Konzerts in der Carnegie Hall. Es ist Withers Adressatenbezug, sein Verständnis fürs Auditorium, das ihn so groß machte.

Am Montag, den 30. März 2020 starb Withers. Erst einige Tage später, am Freitagabend, gab seine Familie dies bekannt. Wenn die Nachrufe am Wochenende dann kurz und knapp ausfielen, meist von dpa, und es im Radio auch nur noch „Ain’t No Sunshine“ und „Lovely Day“ in die Playlisten schafften, sieht das nach Chronistenpflicht aus. Nicht aber nach Kennerschaft. Withers war viel wichtiger, als ihn so unter den Tisch fallen zu lassen.

Gerade das süßliche „Lovely Day“ könnte den Weg ins ewige Songgut des kollektiven Gedächtnisses nicht schaffen und vielleicht mit dem Tod seines Urhebers als possierliches Relikt der 70er-Jahre nun passé sein. Aber: Withers ist mit vielen anderen Songs ständig unter uns. Andauernd werden Kompositionen von ihm neu aufgenommen. Erst Ende 2018 entstand mit „Lean On Me“ wieder ein Cover-Album mit einem Dutzend Withers-Song von José James. 

Manche holten aus Withers Songs das gewisse Etwas heraus, Gladys Knight & The Pips etwa mit mehr funky Bass auf „Who Is He (And What Is He To You)?“, Michael Jackson als Dreizehnjähriger mit „Ain’t No Sunshine“ auf einem veränderten Schlagmuster der Drums. Die R’n’B-Chartstürmerin Teyana Taylor sampelt genau diese Patterns 2018. Die Frankfurterin Namika spannt sie bei ihrer Tour 2016 geschickt mit Withers‘ Riff aus „Grandma’s Hands“ den Bogen von Hip Hop zu einem Akustik-Set und bezeichnet sich dabei als „Nineties‘ Kid“, weil in ihrem Geburtsjahrzehnt der Song „No Diggity“ von Blackstreet und Dr. Dre ein Hit war, mit dem sie aufwuchs. Grundlage auch jenes Songs ist ein berühmtes Withers-Sample. Später mündet der Song in ihre deutschsprachige Version „Hände“ (2018).

So landet ein ums andere Mal ein Song von Bill in unseren Ohren, so wird das Motto seiner LP „Still Bill“ Wirklichkeit. So wird er zum Mister Jedermann, der so viele Musiker*innen beeinflusste, dass immer wieder von diesen jemand andere mit prägte, die wir dann hören, und immer hören wir Bill Withers Ideen, versteckt und unabsichtlich.

Es gibt aber nicht nur Singles und Hits, die das Hören wert sind. Withers Song über den Kriegsveteranen, der seiner Mutter einen Brief schreibt („I Can’t Write Left-Handed“) existiert nur als überlanger Live-Track, er berührt extrem. Die Sprachspiele und die Geigen in „Green Grass“ erzählen zwischen den Zeilen über Statusunterschiede. Withers switcht stimmlich zwischen ‚lieblich‘ und ‚bissig‘ im Ton.

Sein Ausdruck, seine Intonation waren sehr genau, direkt und expressiv. Andererseits hatte die Stimme etwas Nöliges, würde heute kein Casting bestehen. Schon damals war es schwierig, mit revolutionärer Musik und einem Alter jenseits der 17 einen Plattenvertrag zu ergattern und sich durch Bürokratie, Willkür und Blasiertheit den Weg zu bahnen, wie der Keyboarder der Doors in seiner Autobiographie anschaulich darstellt. Bill Withers schraubte und lötete an Flugzeugtriebwerken herum, er hatte keine Gesangsausbildung.

Dafür Glück. Denn er landet bei einem kleinen Label, das Musik wirklich innig liebt, wie der Künstlerkatalog beweist. Weit kommt sie mit gutem Geschmack nicht und schließt nach fünf Jahren, erdrückt von Steuerschulden. Auch dazu äußert Withers sich in einem Song,„U.S.A.“: „You can’t relax, paying tax.“ Und er hatte nochmal Glück, denn Columbia – die Firma, bei der Dylan, Johnny Cash, viele Große unter Vertrag waren – kauft die Songrechte und fabriziert mit Withers noch einige schöne Patten. Mit hartem Funk etwa, wie in „She Wants To (Get On Down)“ (1977), und einem reinen Album über die Liebe („‘Bout Love“, 1978). 

Dann kommt Grover Washington jr. mit ins Spiel, leider auch nicht mehr unter uns. Der Saxophonist verehrte Withers Songs von Anfang an. Er spielte mehrere Stimmen des Saxophons, Tenor, Alt, Sopran, und bläst in „Just The Two Of Us“ lässig den Mittelteil, zu finden nur auf Grovers Album „Winelight“. Mit so einem Song lassen sich auch Corona-Ausgangssperren mit einem Lächeln überstehen: „Ich höre die kristallenen Regentropfen klatschen / gegen das Fenster, ein paar Räume weiter / Und daraus wird der Morgentau / Und mein Schatz, wenn es Morgen wird und ich die Sonne aufgehen sehe / möchte ich derjenige sein, der mit dir zusammen ist.“ Ein echter Withers!

Für diesen Artikel steht uns aktuell keine Bebilderung zur Verfügung. Die letzte Veröffentlichung des Sängers datiert ins prä-MP3-Zeitalter, 1985. Kostenfrei nutzbares Bildmaterial lässt sich leider nicht auftreiben.

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