Bob Marley & The Wailers – Rastaman Vibration. Eine Rezension zum 40. Todestag

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Wenn man nachrechnet, kann einem schnell ein Schauer über den Rücken laufen. Nur noch fünf Jahre hat Bob Marley nach Erscheinen dieser Platte zu leben. „Rastaman Vibration“ erscheint am 30. April 1976.

Das Album steigt in medias res ein. Der Opener heißt „Positive Vibration“. „Positive Vibration“ fräst sich als fester Slogan nicht nur ins Marley-Vokabular bei Konzertansagen ein. Sondern wird auch zu einem geflügelten Wort bei Reggae-Fans, und über die Subkultur hinaus im allgemeinen Sprachgebrauch. Programmatisch, die Sache mit den positiven Schwingungen!

Höhere Gemütszustände und afrokaribischer Wechselgesang

Der Song erzählt auch von „irie ites“, also höheren Gemütszuständen. Mit dem Hintergrund-Verständnis, das heute in Zeiten von Cannabis-Legalisierungsversuchen, fast jeder hat, ist klar: Hier waren die Weed-induzierten Entspannungszustände gemeint. „Positive Vibration“ verkörpert aber weitaus mehr als eine typische Kiffer-Hymne oder eine Party-Nummer. Die musikalische Umsetzung unter stimmkräftiger Unterstützung der drei Background-Sängerinnen I-Three, knüpft an „Them Belly Full“ vom Vorgänger „Natty Dread“ an und vertraut auf die afrokaribischen Muster des Wechselgesangs, also des Call-and-Response. Der Lead-Vokalist Bob gibt vor, die „Hintergrund“-Leute rücken in den Vordergrund und antworten.

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Judy Mowatt, Marcia Griffiths und Rita Marley sind das Album hindurch sehr präsente Stimmen und eben nicht „nur“ Background-Verschönerung. Der recht kongeniale und hochpolitische Schlusssong „Rat Race“, ebenso drei zentrale Stücke des Albums flossen aus der Feder von Ehefrau Rita. Ihre Solo-Zeit begann noch, als Bob am Leben und die Wailers aktiv waren. Als sie ihr Debüt „Who Feels It Knows It“ 1980 beim Tuff Gong-Label vorlegt, zeigt sich erneut, welch großartige Schreiberin und auch Interpretin sie ist. Wailers-Keyboarder Tyrone Downie borgt sie sich dafür kurzerhand aus. 1982, kurz nachdem Bob stirbt, engagiert sie eine Background-Vocals-Gruppe für sich selbst: die Melody Makers. (Und mit „Harambé!“ landen sie einen Hit.)

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Auf „Rastaman Vibration“ ist also, wie bei jedem Bob-Album, mindestens eine Komponente anders als bei allen anderen Studioalben: Hier, dass er überhaupt nur einen einzigen Song zur Platte als Autor beisteuerte: „Night Shift“. Oder: Laut eigenen Angaben nur diesen geschrieben haben soll. Obwohl zum Beispiel „Crazy Baldhead“ offiziell vom jamaikanischen Hit-Autor Vince Ford und Rita stammen soll, könnten die Credits Fake sein. Denn die Nummer klingt rhythmisch und textlich natürlich sehr nach Marley oder zumindest nach dem, woran wir uns bei ihm gewöhnt haben.

Faithless oder Beenie Man – wer covert besser?

Die Nachwelt weiß wohl nicht so Recht, und lässt das durchaus starke Stück beim Covern oft links liegen. Legendär ist die lebhafte Dancehall-Duett-Version von Beenie Man und Luciano, die auf einem Wailers-5CD-Sampler 2017 bei einem französischen Label erscheint; als DJ-Single ein Klassiker….

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Gecovert haben das Lied immerhin aber auch Faithless – ohne vom Original viel abzustreichen; lediglich sind ein paar Vokalspuren übereinander gelegt, zusätzliche Textzeilen in südenglischem Akzent eingefügt und eine Drum’n’Bass die neuen Merkmale. Hier ging es aber wohl auch nicht um eine Huldigung an Bob, sondern um einen Kommentar zur Banken- und Eurokrise. 2010, als der Song rauskommt, sind die „Baldheads“, die genormten westlichen Kapitalismus-Ergebenen Kokain schnupfende Börsenmakler*innen und Hedge Fonds-Investment-Berater*innen.

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„Crazy Baldhead(s)“ lässt sich wohl zeitlos immer wieder auf Leute anwenden, die kopflos mit dem System gehen und dort in einer Verantwortungsposition auf Autopilot schalten. „Night Shift“ ist ein bassgetränktes, dennoch zartes Stück und eines der am deutlichsten an Gospel-Strukturen angelehnten der Roots Reggae-Geschichte. Warum die Ballade mit heftig orgelnden Keyboards und engelsgleichen Background-Stimmen nie berühmt wurde? Tja, das sind die Marketing-Rätsel der Geschichte. Sicher, der Song war keine Single, live aber spielten die Wailers den Track zumindest kurze Zeit, wie das Bootleg aus dem New Yorker Beacon Theatre beweist.

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Länger, rockiger, nachdrücklicher gerät der Song hier. Coverversionen? Fehlanzeige! Nicht mal innerhalb Jamaikas oder innerhalb des Reggae-Genres. Diese Lücke zeigt, wie wenig selbst die heutigen Bewegungen in der Musikszene, das Roots Retro-Revival und die Nu Roots-Gruppen, wirklich Ahnung vom Back Catalogue haben. Bei Konzerten werden schließlich immer wieder dieselben zehn, zwölf Bob-Songs nachgespielt. Und auch die vielen Söhne Marleys taten nichts, um beispielsweise dieses Nugget aus Papas Nachlass zu pflegen.

Diskographische Besonderheiten

Vielleicht braucht es solche Tracks, damit ein Original-Album auch in seinem Wert die Dekaden überdauern kann. Denn wenn man sich „Rastaman Vibration“ nicht kauft, kann man sich „Night Shift“ nun mal bis heute nicht ins Regal stellen. Und Augen auf, welche Ausgabe man sich zulegt: Manche Ausführungen enthalten den Bonus Track „Jah Live“, den ich keinesfalls missen möchte. Diese Standalone-Single von 1975 überbrückte die für Wailers-Verhältnisse lange Album-Pause zwischen „Natty Dread“ (25. Oktober 1974) und „Rastaman Vibration“ (30. April 1976).

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„Jah Live“, wie der Songtitel sagt, ist ein religiöses Lied mit der – scheinbar – biblischen Schlüsselzeile „is he who laughs last, (children) is he who wins“, einer Abwandlung des Sprichworts „wer zuletzt lacht, lacht am besten („he who laughs last, laughs best“). Viel Text hat der Song nicht, spricht davon Feinden die Stirn zu bieten und von „Jah“. Marley legte die Gläubigkeit in den Reggae, das taten Toots Hibbert und Jimmy Cliff nicht, und auch anfangs nicht mal der ultra-religiöse Rastafari Max Romeo. Dennoch denken viele heute (und auch mir selbst ging es lange Zeit so), Roots Reggae drehe sich zwangsläufig immer um eine religiöse Haltung, Jah sei überall gegenwärtig. Das stimmt auch bei Bob Marley nur für die wenigsten Texte, für den ausgestiegenen Bunny Wailer (gestorben am 2. März 2021) dafür dann umso mehr.

Der Musik die Liebe erklärt

Wie gesagt, „nur“ ein Bonus Track! Man könnte so vieles an diesem Album loben. „Roots, Rock, Reggae“ etwa – eine Liebeserklärung an Musik selbst: Ob es die von Jazz angefixten Saxophon-Triller hier sind oder das prägnante „Doo-doop-doo-doop“ von Judy Mowatt in der Mitte oder die Huldigung an die R’n’B-Musik im Text … es bleibt ein sehr positiv einnehmendes Lied. So zeitlos, dass ein neuer Song in dieser Machart sicher großes Echo in der heutigen Reggae-Szene bekäme – nur macht leider keiner sowas.

Diskographisch kurios: Das Lied diente als A-Seite, auf den B-Rücken packte man aber „Them Belly Full“ vom Vorgänger. Stimmt schon, die beiden Stücke passen auch sehr gut zusammen. „Them Belly Full“ ist ohnehin einer der wichtigsten Tracks über Jamaika und seine Armut, überhaupt. Über die Arm-Reich-Spaltung. Gelder, die fließen, um sie zu verschärfen. Drogenhandel-Kartelle, die auch Waffen und Säuglinge schmuggeln, gedeckt, viel mehr: angestiftet von korrupten Politikern sowohl aus Regierung als auch Opposition. Diese düstere Seite sprechen in „Rastaman Vibration“ vor allem „War“ und Ritas Ballade „Johnny Was“ an. Sozialkritik ist ein Gründungsmerkmal des Roots-Reggae. Finden auch die Punk-Reggae-Rocker Stiff Little Fingers.

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Aber zurück zu „Roots, Rock, Reggae“: Wichtig sind die Kommas im Songtitel. Denn ‚Roots Rock‘ ohne Komma steht fürs Schlagmuster der Roots Rockers – ein Takt-Pattern im Reggae. Und so nannte sich auch eine Compilation mal, „Roots Rock Reggae“ (ohne Kommas), auf der Marley und dieser Titel gar nicht drauf sind. Jede*r Interessierte wusste dann zwei Jahre später, was ‚Rockers‘ sind, lief ja 1978 auch der so betitelte Film-Klassiker an.

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„Roots, Rock, Reggae“ war später der Name eines Songbuchs mit Marley-Nummern (Autor des Songs übrigens Vince Ford, nicht Bob), und natürlich klingt in der Begriffspaarung auch das an, was man Marley und vor allem auch Chris Blackwell, dem Island Records-Strategen bis heute vorhält und worüber er sich mit dem erwähnten Bunny Wailer überwarf: Dass man Rock-Elemente in den Reggae übernahm und die jamaikanische Musik damals an den US-Markt anpasste (nebenbei, bei allem Respekt für konstruktive Kritik, wenn sie es denn wäre: was für ein bekloppter Streitpunkt! Kultur lebt in einer globalisierten Welt nie recht lange pur(istisch)).

Technische Klangtiefe und Messages – ein Meilenstein des Reggae


„Rastaman Vibration“ kam in den USA super an. Sogar kommerziell gesehen besser als die vorigen. Obwohl die LP eher nicht diejenigen Songs abwarf, die dann die Best Of’s befüllten. Tatsächlich, obwohl das Album handwerklich perfekt ist und das Songmaterial überragende Texte aufweist, und obwohl die Platte vor eingängigen Melodien nur so übersprudelt: Auf dem ikonischen Greatest Hits-Album „Legend“ findet sich kein einziges Klangbeispiel aus diesem Meilenstein der Reggae-Geschichte.

Auf Rock-Fans hingegen gar nicht so primär, wie es das Klischee um Blackwells Intentionen oft nahelegt. Ein Gitarren-Intro der Marke „Stir It Up“ gibt es hier nirgends. So stimme ich (ohne Marley-Fan zu sein), mit dem Soul-Künstler Bilal überein: Dieses Album gehört nicht nur zu seinen 25 Lieblings-Platten aller Zeiten – auch zu meinen.

Bob Marley (c) Adrian Boot

Und was die Amerikanisierung betrifft: Reggae ist ohne US-Musik sowieso nicht denkbar. Die (Vor-)(Vor-)Vorläufer Mento, Calypso, Ska, Rocksteady – was wären sie ohne afroamerikanische Musikstile oder – siehe Mento – überhaupt amerikanische Einflüsse, selbst Country und Folk? Calypso ohne Blues? Ska ohne Jazz? Rocksteady ohne Motown-Soul? Was sollte schlimm daran sein, die Wurzeln zu benennen?

Und das zeigt schon: Best Of’s sind was für den Einstieg oder um bei einem Grillabend schnell was zur Hand zu haben, mitnichten aber repräsentieren sie das Werk eines Künstlers – Bob war 18 Jahre lang aktiv, und die wenigsten, die nur „Legend“ kennen, ahnen, was auch in den frühen Jahren schon für grandiose Songs auf Band kamen. Sicher, die Tonqualität der ersten Jahre ist nicht dolle. Die von „Rastaman Vibration“ schon. Sie lässt – erst recht in der remasterten Ausgabe – allen Instrumenten im Raumklang ihren Freiraum und überragt technisch die späteren Alben „Survival“ (1979) und „Uprising“ (1980) an Klangtiefe und Differenziertheit um einiges. „Rastaman Vibration“ ist eines dieser Reggae-Alben, die eigentlich auf ein Soul-Publikum zielen.

Gar, wenn die Musik Messages und Stories transportiert? Wenn die Texte doch voller Metaphern stecken („when the cat’s away, the mice will play“ in „Rat Race“, „Hypocrites and parasites / Will come up and take a bite” in „Who The Cap Fit“) und voll idiomatischer Poesie („Only who the cap fits, should wear it / And then a-gonna throw me corn“). „Rastaman Vibration“ – ein starkes und unterschätztes Roots Reggae-Klassiker – und zugleich ein verkanntes Soul-Album!

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„Rastaman Vibration“ ist im Katalog von Tuff Gong/Island/Universal in folgenden Editionen und Tonträger-Formaten erhältlich (Auswahl). Um sie auseinander zu halten, wird jeweils die EAN-Nummer des Produkts genannt.

CD EAN 042284620529

CD Deluxe Edition (2002) EAN 0044006344721

Doppel-CD: 31 Tracks inkl. Bonus Tracks, Live-Versionen, Dub-Version von Roots, Rock, Reggae, Sessions-Aufnahmen

CD-Pappschuber 5 Classic Albums (2015) EAN 060075359822

LP Back-to-Black-Serie (2010er-Jahre) EAN 042284620529 

Wie ein doppelt so originalgetreues WAV-File: Das Vinyl mit 16 2/3 Umdrehungen pro Minute beschnitten. Bob Marley half-speed mastered.

Half-Speed Mastered Vinyl (2020) EAN 00602435082158

  • in den Abbey Road Studios neu gemischt

CD-Box Bob Marley & The Wailers Limited Deluxe Edition Boxset (2008) EAN 602517930308

CD-Box The Complete Island Recordings (2020) EAN 00602435081243

  • erstmals in dieser Sammlung seit Dezember 2020 erhältlich

LP-Box 11 Alben EAN 600753602515 / EAN 600753602522 (verschiedene Detail-Ausführungen)

  • Zippo-Box: Metallverpackung
  • Inkl. der beiden Live-Alben „Live!“ (1975) und „Babylon by Bus“ (1978)

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