Lee „Scratch“ Perry, München, 2016 von pitpony.photography, Lee Scratch Perry 2016 (9 von 13), CC BY-SA 3.0

Am 29. August 2021 starb Lee ‚Scratch‘ Perry im Alter von 85 Jahren. Mit ihm trat eine der schillerndsten Persönlichkeiten des Musikgeschäfts ab. Ein bunter Hund. Niemand Geringeres als der Erfinder von Dub. Ein weiterer aus der Pionier-Generation des jamaikanischen Sound-Universums, Meister des One Drop-Schlagmusters, Produzent, Perkussionist und nebenbei auch Sänger.


Nach Produzent Bobby ‚Digital‘ Dixon, Toots Hibbert, U-Roy und Bunny Wailer geht der Karibik binnen eines Jahres erneut ein wegweisender Künstler verloren.

Bis kurz vor seinem Tod war Lee Perry aktiv. Anfang des Jahres war das geniale „Forestic Journey“ in diversen Versionen mit mal mehr und mal weniger Stimme erschienen.

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Der Künstler starb in einer Klinik in Lucea, einem Hafenstädtchen an der Nordwestspitze Jamaikas. Doch bis vor Kurzem war er uns ganz nah gewesen, lebte über dreißig Jahre im deutschsprachigen Teil der Schweiz, in einem 16.000-Einwohner-Städtchen mit dem für ihn bezeichnenden Namen Einsiedeln. Blick hinab aus 880 Höhenmetern auf den Zürichsee – ein würdiges Ambiente für ihn.


Doch die Lockdown-Maßnahmen bei den Eidgenossen missfielen ihm, wurden ihm so unbehaglich, dass es ihn in die Karibik zurück zog. Dort lobte Regierungschef Holness stolz, im Zweistunden-Takt auf Twitter, eines der fleißigsten Kinder der Insel, das „viele inspiriert hat“.


Unbestritten tat Perry das. Mit 15 Schulabbrecher, bahnte er sich erst mühsam seinen Weg. Bei Coxsone Dodd und später Joe Gibbs lernte er das Produzieren. Wobei Lernen bei ihm hieß, die Lehrmeister mit seinen eigenen Ansichten zu konfrontieren und alles anders und besser machen zu wollen. Man trennte sich im Streit. Bob Marley, Peter Tosh und Bunny Wailer gingen mit ihm.

Die Wailers haben sich nicht alles bieten lassen„, kommentierte Bunny später sinngemäß im Wailers-Film von Jeremy Marre. Statt sich ausbeuten und mit ein paar Taschengeld-Groschen pro Single abservieren zu lassen, fanden Bob und die Seinen, dass ihnen nach acht Jahren Studio-Lehrjahren doch mal ein Album zustünde.

Perry produzierte sogar mehrere mit ihnen – darauf die ersten Versionen von „Stir It Up“ und „Sun Is Shining“, die später noch ganz anders klingen sollten. Und Nummern wie „Mr. Brown“, „(Head) Corner Stone“ und das titelgebende „Soul Rebel“ mit der Hook „I’m a capturer, soul adventurer„.

Ex-Perry-Ments in der Brutstätte des Dub

Alles ‚Ex-Perry-Ments‘, wie man das in der Branche nannte. Funktionierte auch prima ohne Gesang, wie schon 1968 der Instrumental-Hit „Return Of Django“ von Perrys Band, den Upsetters demonstrierte.

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Die besten ihres Fachs blieben an des Scratchers ‚Black Ark Studio‘ kleben, und so viele Beste gab es nicht: Sly Dunbar, Schlagzeuger, Boris Gardiner, Bassist, Ernest Ranglin, Gitarrist, Augustus Pablo, Melodica-Spieler, Cynthia Schloss, Background-Sängerin – solche Leute wurden rumgereicht, und so überschnitt sich das Personal der drei Brutstätten des Dub. Was heute oft elektronisch entsteht, spielten damals ‚echte‘ Bands, die Upsetters beim Meister, die Now Generation Band bei Herman Chin Loy und die Revolutionaries beim dritten großen Dub-Producer Bunny ‚Striker‘ Lee.

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1975 wird „Revolution Dub“ eine einschneidende Platte Perrys in Sachen Produktionstechnik und befördert den Export von Jamaikas Musik. Island Records beißt an, Manager Chris Blackwell will nicht nur Marley, sondern auch das Produzenten-Genie. Island finanziert mehrere große Alben, darunter Max Romeos „War Ina Babylon“, das mit „Chase The Devil“ und „One Step Forward“ zwei Hits für die Ewigkeit droppt.

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Perry produziert auch Junior Murvins „Police And Thieves“. Der Titelsong inspiriert wiederum The Clash, überhaupt jamaikanische Grooves nachzuspielen, was sie kongenial covernd ab dieser Nummer tun. Das Black Ark Studio enthält eine Vierspur-Maschine. Viele der eigentümlichen ‚Unterwasser‘-Sounds sind Handarbeit von Lee Perry persönlich unter Zuhilfenahme von Alltagsgegenständen.

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Unaufgeklärt bis heute bleibt der Brand des besagten Studios in Kingston. Nach einigen Jahren in den USA und Kollaborationen mit englischen Kollegen (z.B. Mad Professor) zieht Lee Perry in die Schweiz, heiratet übrigens (ein zweites Mal).

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Im hohen Alter von 67 Jahren gewinnt er schließlich seinen ersten Album-Grammy für „Jamaican E.T.“

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Zu den Hidden Treasures seiner letzten Lebensjahre zählt das Wiederversöhnungs-Album mit Max Romeo, „Horror Zone“, ein abgefahrenes und auch düsteres Werk.

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Bei den späten Soloalben steht immer wieder das Wort Regen im Titel, wie auf „Heavy Rain“ oder „Rainford“, was auf Lees bürgerlichen Namen „Rainford“ Hugh Perry anspielt. Immer wieder gibt der Künstler Anlass für spannende Remixes. Für Anfang November ist derweil „Perry’s Guide To The Universe„, eine Kollabo mit einer kanadischen Drone Metal-Gruppe annonciert: „New Age Doom & Lee „Scratch“ Perry – Lee „Scratch“ Perry’s Guide to the Universe | We Are Busy Bodies“ – ein posthumes Album.


Das Scratch im Namen geht übrigens nicht aufs Scratchen zurück, sondern auf eines seiner ersten Stücke namens „Chicken Scratch“.

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Philipp Kause hat u.a. Musikethnologie studiert & verschiedenste Berufe in Journalismus, Marketing, Asylsozialberatung & als kfm. Sachbearbeiter ausgeübt – immer jedenfalls stellt er Menschen Fragen & liebt Interviews. Er lebt zurzeit in Nürnberg, wo er sich einem sozialen Berufsfeld zuwendet & verschiedene Sendungen bei Radio Z präsentiert, u.a. „Rastashock“, das älteste deutschsprachige Reggae-, Dub-, Dancehall- & Soca-Magazin, (seit 1988 on air). Einflussreichste Acts für ihn persönlich: Stereo MCs, Neneh Cherry, Curtis Mayfield, Arrested Development, Bill Withers ...

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