„Das wird man wohl noch sagen dürfen“ singe ich innerlich beim Schreiben dieses Textes mit. Die zweite Auskopplung von Henri Jakobs Debüt EP „Bizeps Bizeps“ hat mich inzwischen schon oft trübe Launen vergessen lassen.

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Das Feature mit Finna (Musikern und Produzentin) und  Saskia Lavaux (Schrottgrenze Mitglied und Produzentin) handelt von Hasskommentaren im Netz. Dennoch wird dieses hochgradig politische Thema mit Leichtigkeit und Witz aufgefangen und textlich klar Position gegen sämtliche -Ismen bezogen. Diese Kombination aus politischen Inhalt mit bitter- süßen Schmunzlern kann auch als inhaltlicher roter Faden der EP gelesen werden.

Die Texte handeln von Entschleunigung, neoliberalem Optimierungsdruck, der Suche nach romantischer Liebe oder dem Wunsch nach Ausgewogenheit in Beziehungen. Immer begleitet von einer zurückhaltender Beobachtungsgabe, Reflexion und Sensibilität.

Die wunderbare Single „Was Will die Welt von mir“ mit Mine (Musikeirn und Produzentin) handelt  von Erwartungsdruck und Fragen wie: wohin soll es eigentlich gehen?  Was will ich bzw. ist es zu riskant sich von Erwartungen zu lösen und alles dafür zu tun eben jene gesellschaftlichen oder an sich gestellte Anforderungen zu verlassen? Letzteres könnte eine gute Wahl sein.

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„Kant am Strand“ und „Bernsteinzimmermensch“ beschäftigen sich mit ähnlichen lebensumspannenden Fragen. Während in „Was Will die Welt“ das lyrische Ich eher einen inneren Dialog führt, kommen hier, so scheint es, Enttäuschungen  an einen Gegenüber zu tage. Doch auch diese individuell anmutenden Inhalte, legen den Finger in die Wunde. So sind auch die Erwartungen in Liebesbeziehungen hinterfragbar und haben eine politische Dimension. Wer hat  eigentlich welche Rolle zu erfüllen?

„Ich wäre gern besonders gewesen, Wärme bei Kälte. Etwas mehr als nur Spesen“

(BERNSTEINZIMMERMENSCH)

Die schmerzliche Erfahrung das Gefühl vermittelt zu bekommen nicht zu genügen ist so allgegenwärtig und fordert uns alle auf unsere verschieden gelebte Beziehungsformen genau zu prüfen. Henri Jakobs selbst kommentiert eher kurz angebunden es ginge um „Trennungsschmerz. Dafür habe ich ein besonderes Talent.“ In dieser kurzen Aussage findet sich Henri Jakobs musikalischer Ausdruck von Nachdenklichkeit und Humor wieder.

Soundtechnisch entfaltet sich ein poppiger Klangteppich, der die lyrischen Schmunzler und Zweifel gleichberechtigt nebeneinander tanzen läßt.

Angepasst an die pandemischen Bedingungen sind die Songs  als Demos zu hause entstanden. Henri Jakobs freut sich trotzdem darauf wieder öfter im Studio zu sein um sich „direkter austauschen zu können und Feedback zu bekommen“. Produziert und abgemischt  wurde „Bizeps Bizeps“ vom ehemaligen Tubbe Bandkollegen Klaus Scheuermann. Der Unterschied darin die erste Soloplatte zu konzipieren und nicht als Band zu arbeiten, mache sich vor allem im inhaltlichen Ausbau deutlich. So unterwerfe sich Henri Jakobs in Bandkontexten häufiger Kompromissen, während er allein weniger Rücksicht nehmen müsse. So Henri im Interview, der auch vor seiner Zeit mit Tubbe schon in zahlreichen Bands Bass gespielt und gesungen hat.

Der kluge Titel der EP „Bizeps Bizeps“ soll hier nicht unterschlagen werden. Der Titel deutet auf eine selbstkritische Perspektive in Bezug auf den einen harten, leistenden Männertyp hin. Überraschung, denn diesen gibt es nicht. Es ist außerdem kein Geheimnis, dass Henri Jakobs sich seit einigen Jahren öffentlich mit der Sichtbarkeit von trans*Identitäten beschäftigt. Sein Aktivismus gibt es auf vielen Slides auf seiner Instagrampage nachzulesen oder hier u.a. zu hören:

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Für Henri Jakobs ist Musik ein Mittel um Gefühle zu verarbeiten. Er weiß es zu schätzen, dass er Musik machen kann und in einem relativ sicheren Land lebt. Es geht ihm darum „das Leben so zu gestalten, das es gut ist. Im Idealfall froh zu sein und anderen etwas Gutes zu tun.“

Aktuell ist Henri Jakobs neben vereinzelten Konzerten auch an der Schaubühne Berlin im Stück „Venon Subutex“ live zu hören.

„Bizpes Bizeps“ , VÖ: 03.08.2021 Audiolith

Homepage: https://henrimaximilianjakobs.de/

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Ich bin in Berlin aufgewachsen und habe mir durch Studium und Aktivismus einen kritischen weißen Blick angeeignet. Dieser ist seitdem fest in meiner Denk- und Gefühlswelt manifestiert. Das ich nun ausgerechnet Rap so gern mag, begleitet mich nicht ohne widersprüchliche Gefühle. Als Rapperin setzte ich mich genau damit auseinander. Zur Zeit arbeite ich an neuen Songs und bringe mir gerade das Recording selbst bei. Außerdem wirke ich mit Unterbrechung seit Sommer 2020 beim Blog 365 female* MC´s mit, um sichtbar zu machen, dass es weltweit durchaus mehr als nur eine (gute) weibliche oder queere Rapper:in gibt.

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