Sly Dunbar (Schlagzeug) und Robbie Shakespeare (Bass) verantworten nicht nur die Grundlage vieler großer Reggae-Produktionen. Auch mit Grace Jones, Bob Dylan, Joan Armatrading und Bob Sinclair arbeiteten die ‚Riddim Twins‘. Fünf Jahrzehnte lang unzertrennlich, stellten sie das Korsett eines charakteristischen One Drop-Vibes her, den niemand nachahmen kann.

Im Dezember 2021 starb Robbie, schon lange chronisch krank, doch überraschend. Kann sein Partner weiter machen? „Er muss immer Musik machen„, sagt Jake Savona, der ebenfalls mit den beiden seit 2014 zusammen arbeitete. Gerade erschienen posthum die Aufnahmen „Mista Savona presents Havana meets Kingston 2“, auf denen Shakespeare noch Bassgitarre spielt. Live fehlt er bei der zugehörigen Tournee, auch emotional, als Groove-Geber des ganzen Großprojekts. Dabei treffen erstmals jamaikanische und kubanische Musik in einer spannenden Fusion aufeinander. Eine simple Idee, auf die vorher niemand kam. „Havana meets Kingston“, organisiert von einem Australier, kommen gerade aus der Schweiz zurück, wo sie zB das vielseitige Paléo-Festival am Genfer See und das Reggae-Festival Reeds bunter machten. Jetzt geht’s unter anderen weiter nach Belgien zum Reggae Geel, Europas allerältestem Reggae-Festival.

Und seit 1994 gibt es das Rototom Sunsplash in Spanien. Vom 16. bis 22. August ausgetragen, steht hier nun auch Drummer Sly Dunbar auf dem Line-Up. Seine Mitstreiter u.a.: Dean Fraser (Saxophon) und Earl Chinna Smith (Legende aus dem Kreise von Bob Marley & The Wailers).

Die letzte Platte unter dem Namen Sly & Robbie ist auch ganz interessant und entstand – etwas unbemerkt – in Argentinien. Ein Review zu einer Rarität aus dem Herbst 2021.

Was Robbie Shakespeares Tod im Dezember 2021 besonders schockierend macht, ist dass er gerade noch mitten im Berufsleben stand. So ähnlich wie Toots Hibbert, U-Roy und Lee Perry unmittelbar nach der Arbeit an neuen Alben der Reggae-Szene entrissen wurden, so reißen Komplikationen bei Robbies Nieren-OP ein empfindlich klaffendes Loch in den Output der Karibikinsel Jamaika. Erfreuen wir uns an der letzten LP, welche den lebenslangen Kampf im Titel trägt: „Sly & Robbie vs. Roots Radics: The Dub Battle“. Bloß: Worum geht’s jetzt genau: Reggae oder Dub?! Die Frage ließ sich schon bei Lee ‚Scratch‘ Perry nicht ganz exakt beantworten, denn er werkelte, wie auch Sly Dunbar und dessen Mitstreiter, im Dienste diverser Reggae-Artists.

Während der erheblich ältere Kollege aus dem Black Ark-Studio als einer der vier Erfinder und Pioniere der Dub-Misch-Techniken gelten kann – neben Bunny ‚Striker‘ Lee (ebenfalls R.I.P.), King Tubby und Herman Chin Loy – war Shakespeare Teenager, als sich diese spooky Sounds Bahn brachen. Seine Leistung am Bass, auch als Arrangeur und Produzent, bestand zusammen mit Drummer Sly darin, jamaikanische Talente zu fördern und deren Reggae zu einem modernen Klang zu verhelfen.

Einem Sound-Kolorit, der meilenweit vom blechern-rustikalen Ska Abstand nahm und mit Rock und Disco Schritt hielt. Dubbigen Anstrich ernteten dabei sogar Genre-fremde Acts von der internationalen Bühne, Rock, Disco, Soul, Reggae und Dub wurden mit Sly & Robbie eins, zum Beispiel in „I Can’t Lie to Myself“ von Joan Armatrading (1981). Neben diesem finanziell lukrativen Standbein waren Sly & Robbie mit der ‚Taxi Gang‘ eine sogenannte Backing-Band für zahlreiche Reggae-Acts im Studio und auf Tour, und sie inspirierten ihre Kunden und auch ihre sehr prominente Kundin Grace Jones immer wieder dazu, auch reduzierte, halb-instrumentale Dub-Versionen zu veröffentlichen.

‚Privat‘, wenn man so will, jenseits der Auftragsarbeiten, gönnten sie sich ab und an elektronisch ausgefeilte Spielereien, die Dub Richtung technoider Welten verschoben und mit der Zeit schreiten ließen. Auf dem vorliegenden letzten Album wiederum teilen sie sich den CD-Titel mit den Roots Radics, einer Band aus der analogen Welt. Deren einstiger Drummer Style Scott gilt als der Inbegriff des Trommelns im 80er-Rub-a-Dub-Style. Der Name Roots Radics lässt bei Fans hochwertiger Sounds sofort Ohren klingeln und Augen leuchten. Für diese Combo gilt ähnlich wie für Sly und Robbies Taxi Gang: Die Zahl der namhaften Auftraggeber aufzuzählen, ist ein monumentales Anliegen. Schneller erzählt man, wer die beiden Combos nicht buchte.

Heraushören lässt sich aus dem aktuellen „Dub Battle“ sofort Max Romeo, dem Radics-Bassist Flabba Holt den Track „The Gates Of Hell“ schrieb und 2019 auf „The Final Battle“ veröffentlichte – hier im Remake: „The Gates Of Dub“. Romeo profitiert von einer launig trötenden Posaune, die seine helle Stimme lässig umspült. Rundherum, das ist der Gag nun, blubbert und wabert alles.

Da dekonstruiert Produzent Hernan Sforzini unter Beihilfe hochdekorierter Szene-Schlachtrösser die zwölf Stücke der Original-LP. Und fügt noch zwei neue hinzu. Jener originale „Final Battle“ war für den Reggae-Grammy nominiert, verlor zwar gegen die Newcomerin Koffee, weil die – hust – die stärkere Plattenfirma hinter sich wusste. There’s no business like show business. Dabei hat die finale Schlacht sowohl ein klasse Aufgebot an Stimmen, wirklich ein Who’s Who, als auch noch einen gewichtigen Vorzug: Sie macht sich ein altes Prinzip des Dancehall-Stils – oder viel mehr – der Dancehall als Location zunutze: Dass zwei Djs gegeneinander auflegen und es in dieser Competition darum geht, wer mehr Leute auf die Tanzfläche holt. Und so treten hier immer einmal Sly & Robbie, dann wieder die Roots Radics an. Wer die Platte hört, muss also alle Tracks anhören, um zu urteilen, wer’s besser drauf hat.

Ein Kopf-an-Kopf-Rennen, in dem die Roots Radics auf klassischen Unterwasser-Dub („Dubterior Motives“ mit produktionstechnischer Schützenhilfe von King Jammy) setzen, während Sly & Robbie zum Beispiel Luciano in sphärischen Space-Dub geleiten, verstärkt durch den großartigen Frickler Scientist im spannenden „Make A Dub“.

Aber hey, die Roots Radics haben mit den Congos und Toots Hibbert ausgezeichnete Charakterstimmen an Bord. Und King Jammy schafft es sogar, dem Bläser-dominierten, flirrigen Ska-Tune mit Toots, „Dub To You“, eine weiche Dub-Aura aufzuerlegen. Während der argentinische Strippenzieher, Señor Sforzini unter seinem Pseudonym Don Camel, die Vokal-Truppe The Congos nach Herzenslust zerlegt und Tischtennis mit ihren Tonspuren spielt. Dass von Soul-Reggae-Crooner Freddie McGregor relativ wenig übrig bleibt, wenn der britische Analytiker Mad Professor sich die „Dub Glory“ vorknöpft, ist Ehrensache. Was aber unkaputtbar durch jegliche Dub-Verfremdung hindurch erhalten bleiben muss, weil es zur DNA dieser Musikrichtung gehört, ist klar: Flabba Holts Bass. Das Gerüst. Bei der anderen Hälfte der Tracks: Robbie Shakespeares Bass.

Der erdet auch Pablo Moses‘ hier auf Micky Maus-Gequietsche hochgepitchte Stimme, in „Gwan Dub Up Yuh Mouth“. (Pablo-Fans können übrigens genau seit dem Tag, seit „The Dub Battle“ auf dem Markt ist, dessen Gesamtwerk erstmals in den Streaming-Diensten studieren – es lohnt sich…) Während die 45 Jahre lang unzertrennlichen ‚Riddim Twins‘ Sly und Robbie relativ zu Beginn einen Punkt im Battle verlieren, weil ihnen Striker Lee die Stimmen der Mighty Diamonds leider fast vollständig aus „Dub My Mind“ entfernte, setzen sie sich bei „Full Dub, Plant A Tree“ mit Lee Perry wieder in Führung.

Mit dem meditativen „Dub Morning“, das Dunbars Drums-Spiel super-clean exerziert, liegen Sly und Robbie mit einem Ticken mehr Gefühl insgesamt knapp ein Viertelpünktchen vorne, zumal der „Radical Dub Mix“ der Roots Radics einfach ein handwerklich profunder Absacker ist, aber nichts Konkretes ausdrückt.

Bleibt noch festzuhalten, dass die Roots Radics am Schlagzeug hier Kirkledove sitzen haben, einen der fleißigsten Riddim-Producer unserer Zeit. Ob Sly ebenfalls in diese Sparte wechselt, ist sehr fraglich. Er war stets ein Teamplayer mit Robbie – mit einer Ausnahme: er schrieb mit Richie Spice eine von dessen ersten Singles, „Monday To Sunday“. Voila, das erste für den Reggae-Grammy nominierte Album made in Argentina.

Herzlichen Dank für tausende Platten, lieber Robbie!

„Sly & Robbie Vs. Roots Radics: The Dub Battle“ entstand digital beim Label Dubshot am 24. September 2021.

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Philipp Kause hat u.a. Musikethnologie studiert & verschiedenste Berufe in Journalismus, Marketing, Asylsozialberatung & als kfm. Sachbearbeiter ausgeübt – immer jedenfalls stellt er Menschen Fragen & liebt Interviews. Er lebt zurzeit in Nürnberg, wo er sich einem sozialen Berufsfeld zuwendet & verschiedene Sendungen bei Radio Z präsentiert, u.a. „Rastashock“, das älteste deutschsprachige Reggae-, Dub-, Dancehall- & Soca-Magazin, (seit 1988 on air). Einflussreichste Acts für ihn persönlich: Stereo MCs, Neneh Cherry, Curtis Mayfield, Arrested Development, Bill Withers ...